Benedikt Herles, McKinsey, Beratung, WHU

Ist „Gründertum die neue Beratung“?

BCG, McKinsey, JP Morgan oder doch lieber Goldman Sachs? Nichts dergleichen. Unternehmensberatungen und Investmentbanken sind bei den Top-Absolventen in Deutschland lange nicht mehr so beliebt wie noch vor wenigen Jahren – das zeigen zumindest die Alumnistatistiken der Business Schools: Abgänger der WHU oder EBS verdienen lieber weniger, haben dafür im Job aber mehr Spaß und Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen.

Auch Benedikt Herles (30), Autor des Buchs „Kaputte Elite“, studierte an der WHU, beendete sein Diplomstudium aber an der Ludwig-Maximilian-Universität in München und promovierte dann an der EBS. Er arbeitete bei einer großen Unternehmensberatung, doch nach nur einem Jahr hatte er schon genug und wechselte in die Startup-Branche. Seit mehreren Monaten arbeitet Herles nun beim VC E.Ventures in Hamburg und Berlin.

Im Interview erzählt Herles, der mit 16 Jahren bereits ein soziales Netzwerk für Schüler in München gründete, warum ihn der Job bei der Unternehmensberatung so frustriert hat, wieso die Arbeit bei einem VC deutlich mehr Spaß macht und was deutsche Business Schools in der Ausbildung falsch machen.

Benedikt, warum hat Dir Dein Job bei der Beratung nicht gefallen?

Das hatte verschiedene Gründe. Zum einen fordert der Alltag eines jungen Beraters nicht gerade intellektuelle Höchstleistungen. Wer um Mitternacht noch die Zahlen drehen kann, ohne dabei Fehler zu machen, hat gewonnen. Gesucht sind menschliche Taschenrechner, keine Unternehmertypen oder gar reflektierte Geister. Zum anderen musste ich mir immer öfter die Frage stellen, ob unsere Arbeit den Kunden tatsächlich nützt. Die großen Strategieberatungen verkaufen Lösungen aus der Schublade, trimmen Firmen auf Effizienz und bedienen vor allem die Risikoaversion ihrer Auftraggeber. Sie schüren ganz aktiv die Angst der Manager, blenden mit scheinbar wissenschaftlichen Methoden und verbreiten einen rein zahlengetriebenen, technokratischen Führungsstil. Das verhindert am Ende Innovation und schadet der Wirtschaft als ganzes.

Trotzdem wollen immer noch viele Top-Absolventen nach ihrem Abschluss an der Business School oder Universität zuerst in eine Beratung gehen. Kannst du das nachvollziehen?

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Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Das Angebot der großen Beratungen klingt ja erst einmal gut: die Lernkurve scheint steil, die Kollegen sind extrem intelligent, das Gehalt ist klasse und der Dienstwagen hat viel PS. Gesucht scheinen kreative Gestalter und Querdenker. Aber einmal angeworben ist Reflektion nicht mehr gefragt. Man wird zu jenem stromlinienförmigen Technokraten ausgebildet, der später in den großen Konzernen die besten Aussichten hat. Das große Problem ist nur: Wer zu lange in der Mühle ackert, der verliert den Mut und die Kreativität, die es braucht, um wirklich Neues zu schaffen.

Wie sollte sich der Beruf des Unternehmensberaters also ändern?

Die Branche muss sich neu erfinden. Das klassische Geschäft mit der Strategieberatung wird immer schwieriger. Der Wettbewerbsdruck zwischen McKinsey, Berger, BCG und Co. ist enorm. Das wundert auch nicht in einer Industrie, deren einziges Produkt Power-Point-Folien sind. Die besten Aussichten haben spezialisierte Fachberatungen, die ganz spezifisches Wissen ins Unternehmen bringen, beispielsweise im Bereich der IT. Schwer werden es dagegen die elitären Beratungen haben, in denen eitle Jugend-Forscht-Gewinner Konzepte aus der Schublade verkaufen.

Du selbst bist nach einem Jahr bei der Beratung in die Startup-Branche gewechselt und arbeitest jetzt bei E.Ventures in Hamburg und Berlin. Wieso gefällt Dir Dein neuer Job besser?

Ich kann mir nichts Spannenderes vorstellen, als jeden Tag großartige Unternehmer zu treffen, und ihnen dabei zu helfen, ihre Träume zu verwirklichen. Das klingt jetzt romantisierend, aber meine aktuelle Tätigkeit ist tatsächlich sehr erfüllend. Eine ressourcenarme Volkswirtschaft wie die Deutschlands lebt von Innovation. Findige Unternehmer waren immer der Garant unseres Wohlstands. Jede Woche sehe ich neue Modelle, die das Potential haben, das Leben der Menschen zu verändern. Die Digitalisierung bringt genau so viele Chancen und Herausforderungen mit sich wie die Erfindung der Dampfmaschine. „Software is eating the world“ und unsere Gesellschaft verändert sich so schnell wie nie zuvor. Da live dabei zu sein ist unglaublich interessant.

Arbeiten viele deiner Studienfreunde in der Startup-Szene?

Immer mehr. Man hat fast das Gefühl, dass das Gründertum die neue Beratung ist. Das ist großartig für das gesamte Ökosystem.

Werden die Top-Absolventen also immer risikofreudiger?

Das wäre wünschenswert. Aber generell haben wir hierzulande immer noch eine ganz andere Risikokultur als in den USA. Das ist digitalen Innovationen natürlich nicht gerade dienlich. Ich glaube aber auch, dass gerade in Berlin zur Zeit ein extrem vielversprechendes und vielleicht auch risikofreudigeres Umfeld entsteht.

Für dich liegt das Problem aber schon in der Ausbildung. Was genau läuft an den Business Schools und Universitäten schief und wie könnte es besser werden?

Viele Business Schools richten sich nach den Bedürfnissen ihrer „Kunden“ – und das sind eben die großen Banken, Beratungen und auch Konzerne. Die gehen mit Absolventen ohne Ecken und Kanten das geringste Risiko ein. Das Studium an der Business School gleicht einem Durchlauferhitzer. Zwischen Fallstudien und Seminaren bleibt nicht viel Raum für kritisches Denken. Gesellschaftliche Debatten gehen im Meer an harten Management-Techniken und Klausuren unter. Hier müssen wir ansetzen, wenn wir eine Lehre aus der aktuellen Glaubwürdigkeits- und Stabilitätskrise der Wirtschaft ziehen wollen. Der bildungspolitische Zeitgeist dreht sich viel zu sehr um den ökonomischen Wert der Bildung für die Wirtschaft. Das ist fatal. Wir müssen zurück zu alten, Humboldt’schen Idealen jenseits der reinen Arbeitsmarkt-Relevanz.

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Wärst du Direktor der WHU, würdest du also mehr Geisteswissenschaften in den Lehrplan integrieren?

Das gilt nicht nur für die WHU. Ich würde den reinen BWL-Abschluss abschaffen, eine Geistes- oder Sozialwissenschaft als Nebenfach zur Pflicht machen und vor allem den Studenten ausreichend Freiraum zur persönlichen Entfaltung und Reflektion ermöglichen. Ökonomische Seminare müssen zu Orten des kritischen Diskurses werden. Mit dem „Bulimie-Lernen“, dem reinen Konsumieren von vorgekauten Inhalten muss Schluss sein. Zum Glück ist die wirtschafswissenschaftliche Bildungslandschaft aber nicht schwarz-weiß. Es gibt durchaus vielversprechende Reformmodelle: Beispielsweise an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Dort werden bereits heute neue Wege der ökonomischen Ausbildung gegangen.

Sind wirklich die Universitäten oder Business Schools Schuld? Oder werden die Studenten von anderer Seite geprägt, beispielsweise durch ihr Elternhaus oder den Freundeskreis?

Selbstverständlich. An die Business School gehen junge Leute, die ohnehin sehr karriereorientiert sind. Aber anstatt diesen Leuten Alternativen aufzuzeigen, werden sie im Studium in ihren Einstellungen noch bestärkt. Eines ist klar: Die Ausbildung an den Universitäten ist immer nur ein Spiegelbild des gesellschaftlichen und ökonomischen Zeitgeistes.

Was würdest du Studenten von Business Schools raten?

Seid ehrgeizig, aber lasst euch nichts einreden. Geht euren eigenen Weg. Fragt euch, wie ihr die Welt verändern könnt. Vergesst, was die anderen sagen.

Danke für das Gespräch, Benedikt.

Bild: Eckhard Waasmann