Etsy-Chef Chad Dickerson

Etsy – vor allem den Gründerszene-Leserinnen dürfte dieser Name etwas sagen. Denn der 2005 in New York gegründete DIY-Marktplatz wird mehrheitlich von Frauen genutzt. Deshalb ganz kurz für die ahnungslosen Männer: Über Etsy können selbstgemachte Produkte, beispielsweise bedruckte Kissen, geschnitztes Holzspielzeug oder selbstgebaute Lampen, verkauft werden. In Deutschland ist DaWanda aus Berlin mit seinem ähnlichen Modell der größte Konkurrent.

Zehn Jahre nach der Gründung ging Etsy im vergangenen Jahr an die Börse. Die Zahlen des Unternehmens klingen zunächst beeindruckend: 1,6 Millionen Verkäufer aus mehr als 80 Ländern der Welt sind auf Etsy laut Unternehmensangaben registriert, rund 25 Millionen aktive Kunden kaufen ihre Ware. 2015 lag der Umsatz von Etsy bei 273 Millionen US-Dollar. Ein Jahr vorher waren es noch 195 Millionen US-Dollar.

Die Kehrseite: Der IPO von Etsy verlief alles andere als erfolgreich. Das US-Magazin Fortune nannte ihn sogar den „schlechtesten Börsengang in 2015“.  Der Börsenkurs der New Yorker liegt derzeit deutlich unter dem Ausgabepreis, der Wert des Unternehmens rutschte zwischenzeitlich unter eine Milliarde US-Dollar.

Seit 2009 ist Etsy in Deutschland aktiv, rund 17 der mehr als 800 Mitarbeiter arbeiten in einem Kreuzberger Hinterhof. 15 von ihnen sind Frauen. Dass Etsy-Chef Chad Dickerson aus New York anreist, ist für das Team eine große Sache. Bei unserem Interview sitzt nicht nur die deutsche Sprecherin, sondern auch eine US-amerikanische Kollegin neben ihm, die fleißig mitschreibt und Hinweise gibt, wenn Dickerson Themen nicht anspricht.

Etsy wurde vor 2005 in Brooklyn gegründet. Heute verkaufen 1,6 Millionen Menschen selbstgemachte Produkte über dein Unternehmen. Wieso funktioniert dieses Modell?

Etsy ist als globaler Marktplatz gebaut für Einzelpersonen und Mikrounternehmen, die besondere Dinge herstellen. 92 Prozent unserer Käufer sagen, sie kommen zu Etsy, um Produkte zu kaufen, die sie sonst nirgendwo finden. Für unsere Verkäufer haben wir mittlerweile ein breites Angebot an Service-Leistungen. Es gibt beispielsweise ein eigenes Zahlungssystem. Außerdem bieten wir den Verkäufern Marketing-Möglichkeiten, so können sie zum Beispiel Suchbegriffe kaufen, um in der Etsy-Suche besonders weit oben zu landen. Erst kürzlich haben wir zusätzlich Pattern gelauncht, ein Tool, mit dem Etsy-Verkäufer eine eigene Seite aufbauen können.

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Es gibt rund 35 Millionen Produkte auf Etsy. Wie stellt ihr sicher, dass die Kunden keinen Müll auf der Seite finden?

Es gibt ein sehr großes Team, das mit vielen Prozessen und Software permanent nach Produkten sucht, die möglicherweise nicht auf die Seite passen. Wir erheben dazu nicht permanent Zahlen, aber wir haben im Jahr 2014 beispielsweise 160.000 Etsy-Shops geschlossen. Wir sind da also sehr aggressiv. Außerdem ist unsere Suche mittlerweile stark optimiert, sodass die Kunden schnell das finden, was sie suchen.

Seit 2010 gibt es Etsy in Deutschland. Wie viel Umsatz macht ihr hier?

Dazu machen wir keine Angaben. Aber Deutschland gehört neben Kanada, USA, Australien, Frankreich und Großbritannien zu den sechs wichtigsten Märkten für Etsy.

Wer sind die Verkäufer in Deutschland?

84 Prozent der Verkäufer sind Frauen. Weltweit sind es 86 Prozent.

Kann man als Etsy-Verkäufer reich werden?

30 Prozent der Verkäufer sehen Etsy als ihren Hauptjob, viele verdienen damit tatsächlich ihr gesamtes Gehalt. Wir erheben aber nicht, wie viel die Verkäufer im Schnitt verdienen. Allerdings haben wir in einer Analyse herausgefunden, dass Verkäufer erfolgreicher werden, je länger sie auf Etsy tätig sind.

Viele Etsy-Verkäufer in Deutschland verkaufen ihre Produkte gleichzeitig auch auf DaWanda, dem deutschen Konkurrenten von Etsy. Ist das ein Problem?

Wir wissen, dass einige Etsy-Verkäufer auf mehreren Plattformen ihre Produkte verkaufen. DaWanda ist in Deutschland noch größer, trotzdem sagen uns viele Verkäufer, dass sie über Etsy am meisten Geld verdienen.

Welchen Vorteil hat Etsy gegenüber DaWanda?

Mit Etsy haben Verkäufer die Möglichkeit, ihre Produkte in der gesamten Welt zu verkaufen. Es gibt deutsche Verkäufer, die den meisten Umsatz in den USA machen.

DaWanda wurde im vergangenen Jahr verkauft. Habt ihr jemals überlegt, DaWanda zu übernehmen?

Wir kennen viele Leute bei DaWanda und haben viel Respekt für ihre Arbeit. Aber wir fokussieren uns darauf, selbstständig in Deutschland zu wachsen.

Wer ist der wichtigste Konkurrent für Euch?

Von der deutschen Perspektive ist es DaWanda. International ist es vermutlich Amazon, das erst kürzlich einen Marktplatz gestartet hat, wo Menschen auch selbstgemachte Dinge verkaufen können.

Amazon Handmade ist im vergangenen Oktober gestartet. Hat Etsy seitdem Käufer oder Verkäufer verloren?

Nein, wir haben bisher keinen Effekt gesehen.

Nichtsdestotrotz ist Amazon ein riesiger und mächtiger Player. Was hast du gedacht, als du erfahren hast, dass Amazon zum Konkurrenten wird?

Wir hatten schon sehr viele Wettbewerber, auch Ebay hat mal etwas Ähnliches probiert. Im Fall von Amazon gibt es uns Selbstbewusstsein, dass Etsy ein komplett anderes Image hat. Bei Etsy geht es um einzigartige Produkte, die Menschen über den Online-Händel verbinden. Die Herstellung der Produkte kostet die Etsy-Verkäufer viel Zeit – das passt also nicht in ein Umfeld wie das von Amazon, wo Menschen möglichst schnell und bequem beliefert werden wollen. Künstler wollen nicht gestresst werden.

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Seit rund einem Jahr ist Etsy an der Börse, anfangs ging der Kurs steil nach oben, mittlerweile liegt er deutlich unter dem Ausgabepreis. Warum?

Da hängt sehr stark von den Investoren ab. Sehr viele Firmen, beispielsweise Facebook oder Netflix, haben in den ersten Monaten viele Schwankungen an der Börse erlebt. Etsy ist ein sehr erfolgreiches Langzeit-Modell. Insofern wird sich der Börsenkurs schon wieder einrenken.

Du bist also nicht besorgt?

Nein. Das Ding ist doch: Auch wenn es uns schon seit zehn Jahren gibt, kennen uns die Investoren noch nicht. Es dauert also bis die Investoren unser Unternehmen einschätzen können.

Es würde einen großen Unterschied machen, wenn ihr mehr männliche Kunden oder Verkäufer gewinnen könntet. Wie wollt ihr das anstellen?

Das ist für uns eine wichtige Frage. Es gibt viele tolle Produkte für Männer auf Etsy, aber ehrlicherweise glaube ich, dass häufig auch diese Produkte von Frauen gekauft werden, als Geschenk beispielsweise. Außerdem gibt es in den USA einen Newsletter, der „Etsy Dudes“ heißt (lacht). Aber jede Studie zu Online-Käufern zeigt, dass Frauen mehr kaufen. Insofern ist es für uns ein sehr großer Vorteil, dass wir so viele weibliche Nutzer haben.

Danke für das Interview, Chad.