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3.000 Jobs, über 150 Millionäre und mehr als zehn Milliarden US-Dollar an Shareholder Value: Für all das will Michael Baum verantwortlich sein. Dafür hat unter anderem auch Baums Big-Data-Software-Anbieter Splunk gesorgt, der 2012 an die Börse ging und dessen Marktkapitalisierung heute bei 7,5 Milliarden US-Dollar liegt.

Momentan ist Baum auf großer Werbetour durch Europa, um Bewerber an Hochschulen und Universitäten für sein Gründer-Programm Founder.org zu begeistern.

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Dort werden pro Jahr bis zu 50 Gründerteams in das ein Jahr laufende Programm aufgenommen und mit bis zu 100.000 US-Dollar finanziert. Die Frist für die Aufnahme für das Programm 2016 läuft im April aus. Im Gespräch mit Gründerszene verrät Baum, welche Unterschiede es zwischen den USA und Europa gibt, welche Probleme das Silicon Valley hat und welche Eigenschaften ein Gründer braucht, um es zu schaffen.

Erst einmal etwas, das gar nichts mit Deinem Programm zu tun hat. Du sagst, dass Integrationsprobleme in Frankreich zu dem Attentat in Paris beigesteuert haben und Startups den Integrationsprozess vereinfachen könnten.

Ich glaube, dass ein solides Startup-Ökosystem mit multikulturellen Teams, vielen Jobs und einem kreativen Umfeld helfen würde, junge Menschen, egal woher sie kommen, in die Wirtschaft zu integrieren. Durch Jobs und die Chance, etwas zu gestalten und sich weiter entwickeln zu können, fühlen sich Einwanderer besser in die Gesellschaft integriert, werden ein Teil davon. Dazu tragen junge Unternehmen bei. Und genau hier liegt die Herausforderung für europäische Städte.

Wir haben Daten, die belegen, dass 99 Prozent der Jobs in den USA mittlerweile von Unternehmen geschaffen werden, die fünf Jahre oder weniger am Markt sind. Die etablierten Konzerne feuern genauso viele Mitarbeiter, wie sie regelmäßig einstellen. Sie kreieren also keine neuen Jobs.

Funktioniert das in den USA besser?

Die USA, und ganz besonders die Bay Area in Kalifornien, ist ein riesiger Schmelztiegel. Im Silicon Valley denkt niemand darüber nach, wo Du herkommst. Es ist egal, ob Du schwarz oder weiß, Inder oder Chinese bist. Es geht darum, was Du kannst.

Ich habe anderthalb Jahre in Paris gelebt und ich war echt überrascht, wie wenig kulturelle Vielfalt in Europa als Wert geschätzt und gelebt wird. Die Attacken in Paris kamen für mich nicht überraschend: Die Spannungen zwischen Einwanderern und Franzosen wurden so lange ignoriert und unter den Teppich gekehrt. Dass das nicht gut gehen konnte, war doch klar.

In Deutschland ist dies ähnlich. Zwar ist Berlin offener als vielleicht Hamburg oder München. Aber auch in Deutschland ist Rassismus ein generelles Thema. Schau dir die Pegida-Demonstrationen an, die gibt es schließlich auch in Berlin.
Was wir in den USA mitbekommen, ist, dass es keinen Dialog zwischen den unterschiedlichen Kulturen gibt. Alles was an Kommunikation stattfindet ist: „Wir haben recht, ihr habt unrecht“.

Welche gravierenden Unterschiede gibt es zwischen den USA und Europa?

Der wohl größte Unterschied ist einer der persönlichen Einstellung: Ich nenne das „kapitalistischer Entrepreneur“ und „sozialistischer Entrepreneur“.

Der „kapitalistische Entrepreneur“ sitzt im Silicon Valley und denkt sich: „Ich hab eine Idee und so will ich das machen“. Dann geht er los und sucht sich Investoren und Ressourcen. Der „sozialistische Entrepreneur“ sitzt in Paris und denkt sich: „Ich hab eine Idee. Und das sind die Ressourcen, die ich zur Verfügung habe. Das ist alles, was ich nutzen kann.“

Das ist ein europäisches Problem. In den USA denken die Menschen, dass sie unbegrenzte Möglichkeiten haben. Hier geht es nicht nur um die Ideen, sondern auch um deren Verwirklichung.

Denken europäische Gründer zu lokal?

Zugegeben, in Deutschland denken Gründer nicht ganz so klein. Das liegt daran, dass Deutschland einen stabilen und wirtschaftlich bedeutenden Markt hat. Viele Startups fokussieren sich dennoch nur auf den deutschen Markt, wenn sie überlegen, wo sie ihr Produkt lancieren. Das führt dann dazu, dass die jungen Unternehmen abhauen, wenn sie international erfolgreich werden wollen. Die Regierungen müssen unbedingt etwas dafür tun, dass diese Unternehmen im Land bleiben.

In Schweden zum Beispiel zielen Gründer direkt auf den Eintritt in den globalen Markt. Egal, ob es ein Konsumartikel oder ein Enterprise-Produkt ist, es heißt sofort: „Wir entwickeln ein globales Produkt für einen internationalen Markt.“

In Deutschland heißt es oft: Erst musst Du ein stabiles Geschäftsmodell hierzulande aufbauen. Dann folgt vielleicht die internationale Expansion. Ist das also das Problem?

Wenn es anders wäre, gäbe es in Deutschland sicher mehr wachstumsstarke Unternehmen… Aber hier muss man zwischen globalem und lokalem Markt, stabilem und wachstumsstarken Markt unterscheiden.

Meine Firma Splunk ist jetzt fast 12 Jahre alt. Es ist eine börsennotierte Firma und trotzdem verlieren wir immer noch Geld. Naja, wir haben positiven Cashflow, aber um weiterhin eine jährliche Wachstumsrate von 60 Prozent zu erzielen, brauchen wir jeden Dollar. Alles Geld wird direkt in Entwicklung, Marketing oder Sales gesteckt.

Das verdeutlicht doch: Entweder du hast eine wachstumsstarke Firma oder ein Unternehmen, das versucht, seine Gewinne zu maximieren. Gründest du letzteres, wird dich irgendwann ein wachsstumsstarkes Unternehmen überholen.

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Ist im Silicon Valley alles gut?

Nein, das Silicon Valley hat seine eigenen Probleme: Es gibt Tonnen von Eigenkapital, es gibt riesige Fonds, die unglaubliche Summen an sehr junge Unternehmen ausschütten. Klar, die VCs können es sich erlauben, Geld zu verlieren, falls da mal was schief geht.

Das Problem ist eher die Burnrate, die dabei kreiert wird, wenn ein Konzern so viel Geld hat. Ein gutes Beispiel ist das Startup Box, ein Cloudspeicher-Anbieter, der letzte Woche an die Börse ging. Zuvor hatten sie etwa 560 Millionen US-Dollar eingesammelt. Momentan verbrennen sie 170 Millionen US-Dollar pro Jahr. Und sie geben drei Mal mehr für Sales und Marketing aus, als sie an Umsatz machen. Ich frage mich, wie das weiter finanziert werden soll.

Es wurde so viel Geld in Box reingesteckt, da können die VCs die Gründer natürlich kräftig unter Druck setzen: „Das Geld ist da: Macht was damit, gebt es aus, vermarktet euch.“ Dabei ist das Konzept hinter dem Startup eine Dienstleistung mit viel Konkurrenz, wie etwa Google oder Dropbox.

Das eigentliche Problem ist nicht, dass eine Firma dann tatsächlich gegen die Wand fährt. Immerhin ist der Technologie-Sektor eine riesige Industrie, die solch einen Verlust verkraften kann. Das Problem wird sein, wenn mehrere Unternehmen in großem Maße scheiterten. Denn dann fängt jeder an herum zu jammern, dass wieder eine Blase kreiert wird.

Anscheinend hat das Silicon Valley genug eigene Probleme. Aber uns wird immer vorgehalten, dass wir so viel von Euch lernen können. Gibt es wirklich so viel, dass wir uns abgucken sollten?

Paris, London und Berlin sollten aufhören zu versuchen wie Silicon Valley sein zu wollen. Und einfach Paris, London und Berlin sein. Jede Stadt hat ihre eigenen Vorteile. Berlin zum Beispiel hat viel kreatives Potential – wir im Valley haben dagegen die ganzen Nerds. Berlin muss lernen, das Kreative und Künstlerische auch zu nutzen.

Welche Eigenschaften brauchen Gründer, um es zu schaffen?

Die Idee hinter einem Startup ist im Grunde nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, die Idee verkaufen zu können. Dafür musst du deine Idee selbst richtig verstehen können: Was ist der ausschlaggebende Effekt, mit dem Dein Produkt das Leben des Konsumenten verändern wird? Ist es etwas, was der Konsument nicht erwartet? Etwas, woran sie noch nie gedacht haben – aber was sie total vom Hocker haut, wenn sie davon hören? Wir nennen den Effekt „alternate future“. Wenn die Gründer in der Lage sind, das in einem Pitch rüberzubringen, überzeugt es die Leute.

Wir suchen auch nach sogenannten „A-Players“. Das ist zum Beispiel jemand, der auch zuhören kann. Wenn mich jemand bei einem Pitch einfach 10 Minuten lang zutextet, überzeugt das nicht.

Außerdem ist es wichtig, ein innovatives Business-Modell zu haben. Nicht nur ein innovatives Produkt. Will man wirklich etwas Substantielles schaffen, braucht man ein neues Geschäftsmodell. Das kann für junge Unternehmen ausschlaggebend sein: In einem Markt, der schon lange existiert und nur von wenigen großen Playern beherrscht wird, ist es für ein junges Unternehmen sehr einfach mit einem innovativen Business-Konzept den Markt aufzumischen.

Denn die Großunternehmen werden ihre Geschäftsmodelle nicht mehr ändern – sie sind festgefahren. Und sie müssen alles immer in ewigen Zyklen festlegen. Soll es zum Beispiel einen Wechsel in der Software geben, um die Produktivität zu steigern, kann das nicht einfach so geändert werden. Der ganze Prozess dauert ewig.

Wie wichtig findest Du Bildung für Gründer?

Das muss jeder selber wissen. Die meisten der Acceleratoren, Inkubatoren und Programme sind darauf aus, mit Hilfe der jungen Unternehmen möglichst schnell ein MVP zu entwerfen und zu verkaufen. Wir bei Founder.org sind die Einzigen, die versuchen die nächste Generation von jungen Gründern zu unterrichten und ihnen beizubringen, wie man ganzheitliche Firmen hochzieht.

Dabei ist das Produkt im Endeffekt für den Aufbau eines erfolgreichen Unternehmens nur nebensächlich. Genau das bringen wir jungen Leuten bei: Es geht nicht nur um das Produkt, nicht nur um die Idee, sondern darum ein Unternehmen aufzubauen.

In Deutschland haben viele Gründer Angst vorm Scheitern, weil man dann sofort gebrandmarkt ist. Was hältst Du davon?

Ich bin kein Freund der Philosophie, dass man mehr von seinen Fehlern, als von seinen Erfolgen lernt. Vielleicht stimmt das im persönlichen Leben – aber nicht im beruflichen. Wenn du in einer Firma arbeitest, die eine jährliche Wachstumsrate von mehr als 100 Prozent hat, lernst du unglaublich schnell. Bei einem Fehlschlag würde das nicht passieren.

Wenn ich mir jedoch meine deutschen Teams angucke: Sie haben keine Angst zu scheitern. Sie sind voll dabei.

Kann ich Dir jetzt mal eine Frage stellen? Ist der Fokus in Berlin immer noch auf E-Commerce?

Ja, hier in Deutschland wird noch viel in E-Commerce investiert.

Das ist merkwürdig. Im Silicon Valley haben wir schon vor drei Jahren bemerkt, dass im E-Commerce nichts mehr zu holen ist.

Bild: Founder.org