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Amazon-Manager Paul Misener

Fast jede Woche kündigt Amazon neue Services an: Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass der Konzern bald auch Medikamente anbieten will. Die Aktien der etablierten Player sackten ab. Von eigenen TV-Serien über Kochboxen bis zum Cloud-Service sind in den vergangenen Jahren viele komplett unterschiedliche Geschäfte dazu gekommen.

Paul Misener ist bei Amazon dafür verantwortlich, Innovationen voranzutreiben. Er zählt zu den Veteranen im Unternehmen, seit 1999 ist er in unterschiedlichen Postitionen an Bord. Doch wie genau sieht die Innovationskultur des Tech-Riesen eigentlich aus. Gründerszene hat Misener in Köln zum Gespräch getroffen. 

Paul, was macht jemand, der bei einem Tech-Giganten wie Amazon für Innovationen verantwortlich ist?

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Wir haben kein Team, das zusammen sitzt, sich Innovationen überlegt und dann umsetzt. Jeder einzelne Mitarbeiter arbeitet täglich daran, neue, innovative Dinge zu entwickeln. Meine Aufgabe ist es dabei, im Unternehmen darüber zu sprechen, wie wir diese Innovationskultur jeden Tag erneut leben. Teil des Jobs ist es vor allem, neuen Mitarbeitern diese Innovations-DNA zu vermitteln.

Um Innovationen zu fördern, hat Amazon die Zwei-Pizza-Regel eingeführt. Jedes Team soll demnach nur so groß sein, dass die Mitglieder von zwei großen Pizzen satt werden. Wie kommt es zu dieser Größe?

Zunächst einmal: Es handelt sich hier um amerikanische Pizzen – nicht diese kleinen europäischen. Die Idee dahinter ist, keine bestimmte Teamgröße festzulegen, das wäre sehr bürokratisch und würde Projekte eher verhindern. Fest steht aber: Es muss Limits geben, was die Teamgröße angeht. Wenn es zu wenige Leute in einem Team sind, gibt es nicht genügend Expertise, um die Idee zu hinterfragen. Sind es zu viele, bricht das Team zusammen und zerfällt in mehrere kleine Teams, weil es einfach zu viele Kommunikationswege gibt.

In einem Team aus zehn Kollegen hat jeder einzelne insgesamt neun Kommunikationswege. Es ist ganz offensichtlich, dass irgendwann der Nutzen der zusätzlichen Expertise durch zu viele Kommunikationswege abnimmt. Auch in Meetings setzen wir diese zwei Pizza-Regel um: Je grösser das Meeting, desto kürzer muss es sein, um es effizient gestalten zu können – eben genau so lange, wie das Team für das Essen von zwei Pizzen benötigt.

Aus welchen Experten muss so ein Team bestehen?

Das kommt ganz auf das Projekt an. Wenn es beispielsweise um Spracherkennung geht, dann bringen wir Linguisten, Maschine-Learning- und Akustik-Experten zusammen. Bei unserem Drohnen-Projekt Prime Air sind es wieder ganz andere Kollegen.

Als Teil des Innovationsprozesses versucht Amazon vorherzusehen, wie die Menschen in der Zukunft leben werden. Wie funktioniert das In-die-Zukunft-Blicken?

In die Zukunft blicken können auch wir leider nicht. Wir konzentrieren uns daher ganz konsequent auf den Kunden. Wenn wir einen neuen Service planen, schreibt das Team als allererstes – noch bevor wir über die Umsetzbarkeit dieser Innovation sprechen – eine Pressemitteilung, die genau erklärt, wie diese Innovation das Leben des Kunden vereinfachen soll. Zusätzlich entwickelt das Team einen Fragenkatalog, der alle denkbaren Fragen des Kunden beantwortet. Damit stellen wir sicher, dass wir Neues immer aus dem Kundenbedürfnis entwickeln Bei der Projektumsetzung haben wir dann beides immer griffbereit. Dadurch erhält eine Entscheidung Verbindlichkeit: Die Teammitglieder, die die Entscheidung getroffen haben und wahrscheinlich unterschiedliche Erinnerungen haben, können sich auf die Dokumente berufen. Bei der Umsetzung werden alle Entwicklungsteams eingebunden und zusammen erfinden wir Dinge, die davor nicht existiert haben, wie zum Beispiel den kassenlosen Supermarkt.

Wie werden Amazon-Kunden denn in der Zukunft leben?

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Ich verbringe viel Zeit in China, Frankreich, Deutschland und den USA. Es mag vielleicht kulturelle Unterschiede geben, aber alle Kunden wollen heute und in Zukunft einen guten Preis, schnelle Verfügbarkeit, die beste Auswahl und einen einwandfreien Service – und das wollen wir ihnen durch unsere Innovationen ermöglichen. Als ich 1999 zu Amazon gekommen bin, habe ich mir sicherlich nicht vorstellen können, dass ein Handelsunternehmen wie Amazon in 2017 bessere Propeller für Drohnen entwickelt, um beispielsweise die schnellere Verfügbarkeit von Waren für Kunden, die auf dem Land leben, zu ermöglichen. Dabei ist das nur eine konsequente Weiterentwicklung der Liefermöglichkeiten für unsere Kunden.

Sehr früh haben wir es uns zum Ziel gesetzt, die Lieferzeiten zu reduzieren. Erst haben wir die Prime-Mitgliedschaft eingeführt, mit einer freien Lieferung von zwei Tagen in den USA – und seit Neuestem gibt es die Ein-Stunden-Lieferung. Alles führt zu dem Ziel, unsere Produkte in bis zu 60 Minuten auszuliefern. Die Drohen entwickeln wir, um diesem Ziel zum Beispiel auch in ländlichen Regionen näher zu kommen.

Du sprichst in deinen Vorträgen viel über das Scheitern. Warum ist das so wichtig?

Um etwas wirklich Neues zu probieren, was noch nie jemand gemacht hat, musst du experimentieren. Und Experimente müssen auch scheitern können. Es ist kein Experiment, wenn es nur den einen möglichen Ausgang gibt. Wenn jemand behauptet, über Jahre zu experimentieren und nie zu scheitern, solltest du hellhörig werden. Entweder ist er extrem smart und hat viel Glück – oder er hat nicht wirklich versucht Innovationen zu schaffen. Bei Amazon begrüßen wir das Scheitern. Und nicht nur weil wir ein freundliches Arbeitsklima haben, sondern weil wir wissen: Wenn Mitarbeiter scheitern, suchen sie wirklich nach neuen Dingen.

Wie funktioniert das Feedback für die Ideen?

Wir erwarten, dass jeder seine Idee selbst immer wieder hinterfragt. Wenn es Dir nicht gelingt, deine eigene Idee zu Fall zu bringen und auch Deine Kollegen daran ebenfalls scheitern, ist das ein gutes Zeichen, dass es sich um eine echte Innovation handelt. Ist das nicht der Fall, lassen wir die Idee fallen.

Mit welchen Projekten ist Amazon denn gescheitert?

Viele Dinge, die nicht funktionieren, verlassen das Unternehmen erst gar nicht. Wir wollen vermeiden, all unsere Ideen auf die Kunden loszulassen und zu fragen: Welche magst du? Bei manchen Ideen stimmt einfach die Basis nicht. Wir hatten eine Auktionsseite bei Amazon – doch kein Kunde hat sie genutzt. Dann haben wir einen einen Shop mit fixen Preisen gebaut, losgelöst von unserem normalen Geschäft. Auch das war auch ein Flop. Schließlich haben wir verstanden, dass wir Kunden auf einer Seite alle Angebote eines Produktes zeigen müssen – daraus ist Amazon Marketplace entstanden, wo andere Händler ihre Produkte neben dem Amazon-Angebot verkaufen können.

Mittlerweile werden bereits rund die Hälfte der Produkte, die Amazon auf seinen Webseiten anbietet, über den Marketplace verkauft. Nur so kommen wir unserem Ziel näher, Kunden jedes Produkt das sie online kaufen wollen, anbieten zu können. Wir mussten zweimal scheitern, um zu diesem Erfolg zu kommen.

Das Fire Phone gehört zu den größten Flops. Welche Schlüsse hat Amazon daraus gezogen?

Das Produkt wurde von den Kunden nicht angenommen, daran gibt es keine Zweifel. Aber ein paar Ideen, die in dem Smartphone steckten, waren gute Ansätze. Wir werden diese behalten und weiterentwickeln.

Warum mochten die Kunden das Fire Phone nicht?

Den einen Grund gibt es nicht, sonst hätten wir ihn korrigieren können. In dem Fall ist das Produkt bei den Kunden gescheitert. Eigentlich ist es uns wichtig, dass unsere Kunden nicht durch Flops leiden müssen, intern scheitern wir hingegen ständig. Am Ende besteht unser Geschäft trotzdem aus verschiedenen großen Wetten.

Welche meinst Du?

Unser Cloud-Service AWS war eine. Wir haben uns gefragt: Wollen wir wirklich unsere eigene Computerleistung anderen Unternehmen zur Verfügung stellen? Mittlerweile ist es ein Riesenerfolg. Prime ist ein weiteres Beispiel. Unsere Kritiker haben gesagt: Führt die kostenlose Lieferung nicht zu einer Erwartungshaltung bei den Kunden, alles jederzeit kostenlos geliefert zu bekommen? Wir sind trotzdem auf die Wette eingegangen und unsere Kunden haben sie angenommen. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Zukunft des Unternehmens nicht von einer einzigen Innovation abhängen darf. Wir innovieren die ganze Zeit und wenn sich nur ein paar der Innovationen richtig auszahlen, können sie viele gescheiterte Projekte ausgleichen.

Bild: Amazon

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