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Will „ein HTML für Geld bauen“: Circle-Gründer Jeremy Allaire

Dass Circle nicht sein erstes Startup ist, merkt man Jeremy Allaire schon an der Selbstsicherheit an, die er ausstrahlt. Vom Sakko sollte man sich allerdings nicht täuschen lassen. „Das trage ich nur, weil ich heute einen Termin mit einem Politiker hatte. Da zieht man sich schon mal etwas ,besser’ an“, sagt der 45-Jährige. Sonst laufe er Startup-stilecht meist mit einem Kapuzenpulli herum. Richtig vorstellen kann man sich das nicht, wenn man ihm gegenübersitzt. Die Wahrheit scheint also irgendwo zwischen Sakko und Hoodie zu liegen. Was man an Allaires Sprechweise aber schnell merkt: Dem Circle-Gründer ist Technologie genau so wenig fremd wie Geschäftsverständnis.

Seine Ambitionen verraten, dass Allaire über die Jahre als Entrepreneur gelernt hat, groß zu denken. Den Mut dafür dürften auch seine Erfolge mit sich gebracht haben. Mit der Videoplattform Brightcove hat er 2012 bereits einen IPO geschafft, zuvor hatte er seine Softwarefirma Allaire Corp. an den Flash-Erfinder Macromedia verkauft. Mit seiner dritten Gründung, der Payment-App Circle, denkt Allaire von Beginn an global: „Wir wollen eine Finanz-Infrastruktur schaffen, die wie Email oder das Web funktioniert“, sagt er.

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Um das zu schaffen, hat er bereits 136 Millionen US-Dollar an VC-Geld eingesammelt. Das Geld kommt von prominenten Investoren wie Goldman Sachs oder Accel Partners. Circle als Unternehmen gibt es seit drei Jahren, vor rund einem Jahr ging die App in den USA an den Start. Bereits sechs Monate später trat Circle dann in den britischen Markt an. Und nun steht die App auch in Irland und Spanien bereit. „In Deutschland werden wir auch bald offiziell aktiv sein.“ Im App-Store kann man die App bereits herunterladen. Weil sein Mitgründer Sean Neville Ire ist, hat Circle neben dem US-Markt von Beginn an auch Europa und seine national geprägten Finanzstrukturen im Sinn gehabt.

Dass es gerade in Europa bereits eine Unmenge an Apps für das Peer-to-Peer-Payment gibt, die auf den ersten Blick das Gleiche machen wie Circle, stört Allaire dabei nicht. Denn er will mehr erschaffen als nur eine App zum Geldüberweisen. Auf Basis der Blockchain-Technologie – bekannt durch die Kryptowährung Bitcoin – soll Circle der Anfang einer Plattform sein, auf die auch andere Anbieter zurückgreifen können. Auch die Banken sind ihm kein Dorn im Auge. „Wir müssen nicht einmal mit ihnen zusammenarbeiten“, sagt Allaire. Das stimmt aber nur, weil Circle mit der Barclays Bank bereits einen namhaften Partner in Europa hat. Weitere Kooperationen soll es zwar geben, aber nur um Anschluss an die nächstgelegenen Abwicklungsknoten zu bekommen.

„Geldüberweisungen sind ein sehr einfacher Prozess. Und dieser Prozess ist im Kern digital. Eigentlich passiert nämlich nicht viel mehr, als dass Datenbanken untereinander abgeglichen werden.“ Dementsprechend, so Allaires Logik, dürfte der Prozess weder kompliziert noch teuer sein. Wer einmal Geld ins Ausland überwiesen hat, weiß, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Statt einige Prozente des überwiesenen Betrags dafür zu verlangen, wie es die meisten Dienste und die Banken heute tun, soll es bei Circle zu Beginn nur etwa ein Zehntel davon sein – und später gar nichts mehr. „Ein HTTP für Geld“, so beschreibt der Circle-Gründer das, was er aufbauen möchte. Eine Plattform, auf die andere Anbieter und Dienste zugreifen können.

Wie das Unternehmen dennoch Geld verdienen will? „Wir werden ganz unterschiedliche Dienstleistungen rund um das Geld anbieten“, erklärt Allaire. „Wir wollen ein echter Finanzdienstleister sein.“ Für die Angebote sollen dann auch Gebühren fällig werden. „Ob wir uns allerdings jemals als Bank bezeichnen werden? Das weiß ich nicht.“ Vom Geschäft mit Firmenkunden will sich Circle erst einmal fern halten. Erst wenn die Endkunden-Plattform – peer-to-peer, P2P – steht, will sich das Team um B2B-Angebote kümmern.

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Derzeit verliert Circle Geld. Daraus macht Allaire kein Geheimnis. Auch nicht daraus, dass das noch eine Weile so bleiben wird. „Wir sind darauf vorbereitet.“ Derzeit besteht das Team aus „120 Leuten mit Macbooks“, wie es Allaire beschreibt. Circle ist in London als E-Geld-Anbieter reguliert und kann damit seine Dienste in ganz Europa anbieten. „Natürlich gibt es in jedem Land besondere Eigenarten“, sagt Allaire. Weil die Plattform an diese angepasst werden, starte Circle nicht auf einen Schlag, sondern Stück-für-Stück. „Es geht allerdings nur um das Wann, nicht um das Ob“, stellt der Firmengründer klar.

Um insbesondere auch den Sicherheitsanforderungen der Länder, aber auch der Kunden gerecht zu werden, beschäftigt sich das Team in großen Teilen mit künstlicher Intelligenz. Die soll etwa Betrug, Geldwäsche oder auch Terror-Finanzierung ausschließen. Allaire sieht sein Unternehmen damit bereits recht weit, insbesondere im Vergleich zu den Banken: 90 Prozent der Prüfungsprozesse erledige bereits die Software. Die greife dabei auf eine ganze Reihe von Datenpunkten zurück: Die IP-Adresse, die Geo-Location, Muster und die Regelmäßigkeit von Überweisungen sowie öffentliche Informationen über die Nutzer wie etwa deren Adresse – und die Software untersuche dann, ob es widersprüchliche Daten gebe.

Wie gut Circle von den Nutzern angenommen wird, will Allaire nicht verraten. „Zu solchen Zahlen äußern wir uns nicht.“ Stattdessen betont der Mann im nicht ganz zu ihm passenden Sakko, dass Circle auch nach drei Jahren seit der Gründung noch ganz am Anfang stehe. Was bislang erreicht ist, scheint ihm nicht wichtig. „Projekte, die groß sind in Ausmaß und Komplexität, sind diejenigen, an denen es sich am meisten lohnt, zu arbeiten.“


Mit Jeremy Allaire sprachen Christine Coester, Caspar Schlenk und Alex Hofmann. Bild: Georg Räth