Second-Screen-Nutzung funktioniert nicht immer so gut, wie Social-TV-Sender es wollen

Motto: Tussialarm! In einer aktuellen Sendung von „Brain + Buddy“ muss sich ein junger Mann mit rotem Lippenstift im Gesicht selbst die Beine enthaaren. Mit Wachsstreifen. Aua. Das Format wird im Programm von Joiz Germany ausgestrahlt, einem interaktiven Social-TV-Sender, der Fernsehen für alle unter 30 macht. Am Programm sollen Zuschauer aktiv über den Second Screen mitmachen, also zum Beispiel über den Bildschirm ihres Smartphones Gesehenes kommentieren.

Allerdings ist soziales Fernsehen in der Vergangenheit gar nicht gut angekommen. Erst im Sommer meldeten kurz hintereinander die deutschen Social-TV-Sender Tunedin und Zapitano Insolvenz an. Der Grund: Der Second-Screen-Markt habe sich nicht so entwickelt wie erwartet. Joiz Germany funktionierte ebenfalls nicht: Der Sender wurde im Dezember 2014 zahlungsunfähig. Offenbar will das Mutterunternehmen von Joiz Germany das Programm auch nicht weiter vorantreiben, im Gegenteil. Die Schweizer Joiz-Gruppe setzt nun lieber auf ihre neu gegründete Technologie-Sparte Joiz Global. Die soll anderen Fernsehsendern Marketing-Instrumente für soziales Fernsehen verkaufen.

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Damit wendet sich Joiz teilweise von seinem Kerngeschäft ab. Zwar scheint der Social-TV Sender in der Schweiz noch zu funktionieren, doch die insolvente deutsche Tochter muss jetzt ihr Team radikal verkleinern. Von den zuletzt 65 Mitarbeitern bei Joiz Germany wird offenbar etwa die Hälfte gehen müssen. Eine Sprecherin sagte gegenüber dem Medienmagazin DWDL,dass man „mit weniger als der Hälfte der Mitarbeiter Verhandlungen über Aufhebungsverträge“ führe. Laut Artikel ergreift außerdem Managing Director Carsten Kollmus die Flucht und verlässt den angeschlagenen Sender auf eigenen Wunsch zum Monatsende. Gründer und Geschäftsführer der Joiz Gruppe, Alexander Mazzara, wird Kollmus‘ Aufgaben übernehmen.

In der Insolvenz in Eigenverwaltung versucht Joiz Germany nun, sich neu zu strukturieren: Im Free-TV wird nicht mehr gesendet, das Programm läuft nun nur noch übers Web und IPTVCEO Mazzara machte die GfK-Quotenerfassung für den Bankrott verantwortlich: „Joiz-TV-Formate genießen vor allem im Web und in den sozialen Medien eine hohe Relevanz. Bedauerlicherweise kann dieser hohe Stellenwert bei der jungen Zielgruppe nicht in der Reichweiten- und Quotenmessung abgebildet werden.“ Damit habe man seine Wichtigkeit bei Vermarktern nicht unter Beweis stellen können, weswegen die Werbeeinnahmen weit hinter den Erwartungen zurück geblieben seien. Die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung, in deren Auftrag Einschaltquoten erhoben werden, wies die Kritik von sich.

Während das Konstrukt von Joiz Germany bröckelt, scheint die Schweizer Mutter ganz auf die Techologie-Sparte der Joiz Gruppe zu bauen. Joiz Global wurde 2014 gegründet und kümmert sich vor allem darum, Marketing-Lösungen zu vertreiben. Dabei wird ein Marktplatz mit personalisierter Werbung verbunden, zudem gibt es den sogenannten „Red Button“, den Sender in ihr Programm integrieren können. Leuchtet der Button auf, können Zuschauer über den Second Screen aktiv werden und zum Beispiel bei Gewinnspielen mitmachen. Das soll die Lücke zwischen TV, Online und und Mobile schließen. Die Technologie wird als Lizenzmodell vertrieben. Einer der ersten deutschen Kunden ist seit kurzem der M. DuMont Schauberg Verlag, der die Instrumente bei dem Lokalsender Köln TV einsetzen will.

Joiz Global bekommt im Zuge des Wachstums einen neuen Geschäftsführer: Samuel Gähwiler, vorher Controller des Digitalbereichs bei dem größten Schweizer Medienhaus Tamedia, wird bei Joiz Global das Finanzmanagement und Tagesgeschäft leiten. Zudem soll er unter anderem Geschäftspartnern dabei helfen, „ihre Produkte und Dienstleistungen zu optimieren und auf innovative Art und Weise zu monetarisieren“. Vielleicht schaut er da auch einmal bei Joiz Germany vorbei.

Bild: © panthermedia.net/Spectral