Es ist schon viel über den legendären Chefdesigner von Apple geschrieben worden. Doch Ian Parker vom Magazin New Yorker ist dem 47jährigen Jonathan Ive näher gekommen als alle anderen Journalisten vor ihm und hat ein sehr langes Porträt geschrieben. Parker war Gast in Ives Haus in San Francisco, ließ sich mit ihm im Bentley durch das Silicon Valley kutschieren, durfte sich Apples Designstudio anschauen, traf Ives Teammitglieder und er stapfte mit ihm durch den kalifornischen Regen über die Großbaustelle, an der das neue Apple-Hauptquartier entsteht. Wer ist der Mann, der entscheidet, wie die Geräte aussehen, die Millionen Menschen weltweit täglich nutzen? Zum Beispiel iMac, MacBook, iPod, iPhone oder das iPad. Wie arbeitet und denkt er? Wie geht es mit Apple weiter – und was können wir für unsere eigene Arbeit von ihm lernen?

Wer ist Jonathan Ive?

Jonathan Ive ist einer der zwei wichtigsten Männer der wertvollsten Firma der Welt. Das ist offenbar nicht nur eine Lust, sondern auch eine Last. Ive beschreibt sich selber als „sehr, sehr müde“, „immer angespannt“ und „schüchtern“. In den kommenden Wochen wird er den längsten Urlaub nehmen, seit er bei Apple ist: drei Wochen. Hundertausend Apple-Angestellte und der Aktienkurs sind abhängig von seinen Entscheidungen und seinem Geschmack. Das lässt ihn offenbar nicht ganz unbeeindruckt. Steve Jobs Witwe, Laurene Powell Jobs, die sehr eng mit Ive befreundet ist, sagt über ihn: „Jonathan ist ein Künstler, mit einem künstlerischen Temperament. Er ist der erste, der dir erzählt, dass Künstler nicht mit diesen Dingen belastet werden sollten.“

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Zu Ives Freunden gehören Chris Martin, der Sänger von Coldplay, Stephen Fry, der englische Schauspieler und Autor oder der Modedesigner Paul Smith. Sie beschreiben ihn als sehr sanftmütig und freundlich. Er besitzt ein Privatflugzeug, eine Gulfstream GV mit 20 Sitzen, einen Bentley und einen Aston Martin DB4. Seit einem Jahr gönnt er sich einen Fahrer. Weil er zu schüchtern ist, um auf der Bühne aufzutreten, überlässt er die Ankündigung von neuen Produkten gerne Apple-CEO Tim Cook. Ive selber tritt nur in Videos auf, die im Apple Studio geschrieben, gefilmt und geschnitten werden.

Im Jahr 1997, als Ive fünf Jahre für Apple gearbeitet hatte und 30 Jahre alt war, schien schon alles vorbei zu sein. Die Firma war wirtschaftlich am Ende. Doch dann kehrte Steve Jobs als CEO zurück.

Ive trifft Jobs

Ive hatte sein Kündigungsschreiben in der Tasche, als er zum ersten Mal Steve Jobs trifft. Und dieses Treffen muss sehr intensiv gewesen sein. Ive: „Ich kann mich nicht erinnern, so etwas schon mal erlebt zu haben. Jemand zu treffen und es macht einfach nur – Klick! Es war bizarr, weil wir beide etwas schräg sind und diesen Klick einfach nicht gewohnt sind.“ Jedenfalls bleibt er schließlich bei Apple und führte Jobs in seine Designstudios. Der war nicht so richtig begeistert: „Fuck! Ihr seid nicht wirklich effektiv hier, oder?“ Doch Jobs beruhigte sich und noch an diesem Tag begannen sie die Arbeit an einem Gerät, aus dem später der iMac entstand. Im Gegentsatz zu Ive ging es Steve Jobs nie darum, gemocht zu werden. Er war bekannt für seine rücksichtslose und deutliche Kritik. Ive beschwerte sich bei ihm über diesen scharfen Ton gegenüber Mitarbeitern, doch Jobs sagte nur: „Warum sollte ich ungenau sein?“ Jobs Absicht war es jedenfalls nie, jemanden zu verletzen, sagt Ive heute. Bei Jobs Beerdigung nannte Ive ihn „seinen engsten und besten Freund“.

Im Apple-Designstudio

Hier entstehen die Ideen und das Aussehen der Apple-Produkte. Gäste sind nur selten zugelassen. Es dürfen normalerweise nicht einmal Angestellte von Apple hereinschauen. Im Hintergrund läuft leise Musik von Yaz und The Rapture. Die Mitarbeiter sind ähnlich leise und zurückhaltend wie ihr Chef. Es ist ein multinationales Team, das hier arbeitet. Dazu gehört zum Beispiel Julian Hönig, ein geborener Österreicher, der schon für Lamborghini gearbeitet hat und sehr gerne surft. Es gibt eine offene Küche mit einer italienischen Espressomaschine und ein Wand mit Büchern über Design. Zum Beispiel über den Uhrenhersteller Rolex.

Dann folgen individuelle Workstations, die etwas höher als Schreibtische sind, sodass man daran sitzen oder stehen kann. Jeder Tisch ist für ein Produkt oder ein Produktteil reserviert. Das kann ziemlich wild aussehen, bis am Ende ein Entwurf oder Modell übrig bleibt. „Das ist dann der Gewinner“, sagt Hönig. Im Hintergrund arbeiten Fräsmaschinen, die aus Plastik oder Metall Prototypen herstellen. „Sie stellen physische Objekte her, das ist das, was wir hier machen“, sagt Ive. Steve Jobs war täglicher Besucher des Studios.

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