juicies kickstarter

Das Juicies-Gründerteam: Laurens Laudowicz (links) und Hannes Reichelt

Juicies zweite Kickstarter-Kampagne und nützliche Tipps

Dass Crowdfunding sich mittlerweile zu einer etablierten Finanzierungsmöglichkeit gewandelt hat, ist keine Neuheit mehr. Täglich werden weltweit interessante und kreative Projekte mittels Crowdfunding ins Leben gerufen, welche auf traditionellen Wegen wahrscheinlich nie hätten verwirklicht werden können.

Unser Startup Juicies besteht aus meinem Partner Laurens Laudowicz, der seit über zehn Jahren im Urlaubsparadies Hawaii lebt, und mir, Hannes Reichelt. Unsere Idee ist es, mehr Style und Leben in die Welt der  langweiligen Auflade- und Sync-Kabel zu bringen. Nachdem wir eine ziemliche Achterbahnfahrt mit unserem ersten Crowdfunding-Projekt durchlebt hatten, haben wir aus diesen Erfahrungen gelernt und vor knapp zwei Monaten unser zweites Projekt Juicies+ ins Leben gerufen. Wir konnten unser Funding Goal (40.000 US-Dollar) innerhalb der ersten 24 Stunden erreichen und steuern nun auf 260.000 US-Dollar mit über 7.300 Backers zu.

Planung ist die halbe Miete

Wie bei jedem größeren Projekt ist eine gute Planung das Allerwichtigste. Unser erstes Projekt wurde im Wesentlichen lediglich auf „gut Glück“ gelauncht und selbst wenn wir es geschafft haben unser Fundingziel zu erreichen, so haben wir im Nachhinein Wochen und Monate damit verbracht, unsere Versäumnisse und Fehler zu korrigieren und dies mit unseren Backern zu kommunizieren. Das sind Kopfschmerzen, die ich niemandem wünsche und die man eigentlich relativ leicht vermeiden kann.

Folgende Punkte sollten unserer Meinung auf jeden Fall erfüllt sein, bevor man den „Live-Button” für sein eigenes Projekt drückt:

Eine klare Kostenstruktur sollte stehen

Selbstverständlich sollten alle Entwicklungs- und Herstellungskosten im Vorfeld ausgerechnet sein. Wichtig ist auch, dass alle Pledge Levels und Backer Rewards (Kickstarter-Vokabular für „wer bekommt was als Belohnung für welchen Einsatz“) gut durchdacht und auch alle damit verbundenen Rabatte und Lieferkosten genau kalkuliert sind.

Realistischer Zeitplan

Man sollte aus unserer Erfahrung immer ein oder zwei Wochen mehr für jede Aktivität einplanen. Wenn es aus irgendeinem Grund Verzögerungen geben sollte, sollte man dies dann auch später so schnell wie möglich mit seinen Backern kommunizieren.

Aufgaben innerhalb des Projektes klar verteilen

Gerade beim Crowdfunding ist hohe Transparenz gefragt und man sollte sich untereinander abstimmen, wer welche Tätigkeiten übernimmt, um nicht für Verwirrung zu sorgen.

Kommunikation nicht unterschätzen

Kommunikation ist ein zentraler Bestandteil des Crowdfunding und meistens dann doch trotzdem aufwendiger als man denkt.  Man kann schnell in Backer-Fragen, Kommentaren, Distributions- und PR-Anfragen oder in anderen Mails ertrinken. Es macht also wirklich Sinn, wenn sich jemand ausschließlich mit dieser Aufgabe beschäftigt.

Aufmerksamkeit und Medien-Interesse wecken

Wichtig ist, bei der Planung genau festzulegen, wen man auf sein Projekt aufmerksam machen will und welche Möglichkeiten es dafür gibt. In unserem Fall haben wir ganz klar Tech- und Gadget-Blogs (in diesem Zusammenhang ist jedes Online-Magazin mit Comments Section ein Blog) als unser Hauptziel ausgemacht.

Medienliste und Kontakte

Zunächst haben wir alle für uns relevanten Medien in einer Liste zusammengefügt. Diese Liste sind wir dann mehrmals durchgegangen und haben jeden Blog noch einmal genau recherchiert.  Es ist sehr wichtig, sich diese Arbeit zu machen, um z.B. ähnliche Artikel oder Themengebiete zu finden und genau auszumachen, welcher Blogger oder Journalist eventuell am meisten Interesse an dem Projekt haben könnte.

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Sollte man über Umwege einen „warmen“ Kontakt  zu einem oder mehreren dieser Blogger haben, so ist dies natürlich der beste Weg mit Journalisten in Kontakt zu kommen. Da dies jedoch oftmals nicht zutrifft, ist es notwendig, diese Blogger auch „kalt“ anzuschreiben.Wichtig ist, sich von Anfang an klar zu machen, dass Blogger auch nur Menschen sind und nicht  einzig und allein dazu da sind, Werbebotschaften zu transportieren. Auf gar keinen Fall sollte man aufdringliche Staubsaugervertreter-Spam-Mails verschicken. Blogger haben in der Regel wenig Zeit und hassen wahrscheinlich nichts mehr als von wildfremden Personen dichtgespamt zu werden.

Deswegen muss man sich genau überlegen, wie man dem jeweiligen Blogger am besten dazu verhilft, einen guten Artikel zu schreiben, damit letztendlich alle etwas davon haben. Man sollte immer versuchen, sich in die Sichtweise des jeweiligen Journalisten hineinzudenken und versuchen, ihm genau klar zu machen, warum gerade dieser Post für den Blog interessant sein könnte. Wir haben folgende Punkte als wichtig für den ersten Email-Kontakt ausgemacht:

Keine Massen-Emails

Niemals Massen-Email-Programme benutzen! Es sieht zwar aus, als ob man sich mit all den tollen Serienbrief-Funktionen unendlich viel Arbeit erspart, jedoch ist unserer Ansicht nach eher das Gegenteil der Fall. Normalerweise landen solche Emails automatisch im Spamfilter direkt neben Werbung für Penispumpen und Poker-Tuniere. Zudem ist es nicht sehr klug, dem Journalisten von vornherein den Eindruck zu vermitteln, dass man keine Zeit für ihn hat und praktisch auf die Schnelle einen Artikel platzieren will.

Keine Pressemitteilungen

Mittlerweile ist es zudem auch so gut wie sicher, zu sagen, dass die klassische Pressemitteilung ungefähr genauso tot ist wie die Briefmarke oder die analoge Schreibmaschine. Klassische Pressemitteilungen werden heutzutage von den meisten Bloggern ignoriert, sofern sie nicht von Großkonzernen oder Fußballvereinen kommen. Das Gute am Crowdfunding ist, dass praktisch alle Informationen im Video und der Produktbeschreibung bereits vorhanden sind. Man sollte natürlich schon jede Form von Hilfe anbieten, jedoch wollen die meisten Blogger in der Regel ihre Artikel lieber selber verfassen anstatt vorgefasste Texte abzudrucken.

Kein Pitch

Zudem sollte man vermeiden, zu aggressiv in der Email zu pitchen. Ziel sollte es vielmehr sein, durch das Video und die Produktbeschreibung das Interesse des Journalisten zu wecken. Selbst die beste Marketing-Sprache macht den Inhalt einer Email dadurch nicht zwangsläufig interessanter. Außerdem ist es nicht gerade respektvoll, Bloggern mit mehrseitigen Produktinfo-Mails die Zeit zu stehlen.

Kurz, noch kürzer, Twitter

Es ist also in diesem Zusammenhang wichtig, sich so kurz wie möglich zu fassen! Man muss sich mit der Arbeit des Bloggers vertraut machen und sollte dies auch erwähnen.  Mit einem Link auf das Projekt hinzuweisen und eventuell in einem Satz zu erklären, warum das Projekt eine gute Story für den Blog sein könnte, reicht! Ein Dropbox-Link mit Produktfotos und Fotos des Gründerteams sollte zudem immer griffbereit sein.

Nach unseren Erfahrungen ist Twitter auch ein sehr gutes Mittel, um mit Bloggern in Kontakt zu treten. Allerdings gilt es auch hier, Blogger nicht wahllos mit Tweets zu bombardieren. Einen Blogger zweimal anzuschreiben ist gerade noch okay, der dritte Tweet ist definitiv schon Spam. Die eigene Tweet-History sollte zudem auch nicht nur Copy-Paste-Tweets enthalten!

PR vorbereiten

Mit der gesamten PR-Vorbereitung sollte am besten begonnen werden, noch BEVOR das Projekt live ist. Sämtliche Emails kann man vorschreiben und den Versandzeitpunkt programmieren. Mit dieser Form von Pressearbeit ist es uns gelungen, mit unserem Marketingbudget von circa 100 Euro (für Visitenkarten und Sticker) unter anderem in Magazinen wie Techcrunch, CNET, Huffington Post, Cult of Mac, 9to5 Mac und der ComputerBild zu erscheinen.

Die Aufmerksamkeit der Blogs war definitiv ausschlaggebend für den Erfolg unseres Projektes und sollte für jedes Crowdfunding-Projekt immer mit eingeplant werden.

Start der Kampagne

Natürlich ist uns auch klar, dass man eine Crowdfunding-Kampagne im Großen und Ganzen nicht zu 100 Prozent planen kann und dass es immer anders kommt als man denkt. Aber all diese Arbeiten schon im Vorfeld gemacht zu haben, war eine große Erleichterung für uns und hat uns sehr viel Zeit und Nerven erspart.

Kickstarter-Regeln sind genau zu beachten

Nach Einreichung des Videos und der Projektbeschreibung bei Kickstarter wird das Projektvorhaben  geprüft. Kickstarter hat gerade im Hardware-Bereich sehr strenge Regeln und es macht wirklich Sinn, sich vorher ausgiebig mit den Kickstarter Guidelines zu beschäftigen. Auch zusätzliche Beiträge zum Projekt wie Stretchgoals oder neue Pledge-Optionen sollte man im Vorfeld genau planen und auch von Kickstarter absegnen lassen.

Wir haben dies auf schmerzvolle Art und Weise gelernt, als eine unserer Stretchgoal-Optionen als unzulässig abgelehnt wurde und uns aufgrund dessen nachträglich Geld und Backer abgezogen wurden! Andere Projekte sind sogar daran gescheitert oder haben wirklich hohe Beträge verloren.

Freunde und Familie

Wenn die Kampagne live ist, sollte man nicht aufhören, Aufmerksamkeit zu erregen. Natürlich haben wir weiter Blogs und Magazine angeschrieben aber auch Freunde und Familie können super hilfreich sein, das Projekt bekannt zu machen.  Da dies aber ja bereits unsere zweite Kampagne ist, haben wir uns bewusst dazu entschieden, unseren Freunden und Familien diesmal nicht mehr allzu sehr auf die Nerven zu gehen. :-)

Andere Events nutzen

Es kann außerdem sehr hilfreich sein, größere Events zu nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen. In unserem Fall haben wir die Präsentation des goldenen iPhone 5S durch Apple genutzt, indem wir am nächsten Tag ebenfalls das goldene Juicies+ Kabel vorstellten. Dies hat uns zu sehr viel Aufmerksamkeit verholfen und viele Blogs haben unser Projekt erneut aufgenommen und darüber berichtet.

Communication is Key

Die Kommunikation mit den Backern ist natürlich sehr wichtig. Diese ist aber wirklich nicht einfach. In erster Linie gilt, dass man immer ehrlich sein sollte und auch Probleme im Projekt so schnell wie möglich den Backern mitteilen sollte. Die Backer haben ja schließlich bezahlt und verdienen es, reinen Wein eingeschenkt zu bekommen. Manchmal ist es als Project Creator jedoch nicht so einfach, zu entscheiden, welche Informationen man nun öffentlich macht und welche man vertraulich behandelt.

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Gerade im Hardware-Bereich hat man als Hersteller auch in vielen Punkten eine Verschwiegenheitspflicht gegenüber seinen Geschäftspartnern und kann nicht jede Detailinformation wahllos ins Internet stellen. Im Wesentlichen kann man dies jedoch klar deutlich machen und in der Regel wird dies von den Backern auch mit Verständnis aufgenommen.

Es ist allerdings auch wichtig, sich klar zu machen, dass  man es wirklich nicht jedem recht machen kann und Kritik und negative Kommentare Teil eines jeden Crowdfunding-Projekts sind.

Trolle

Zusätzlich zu der konstruktiven Kritik gibt es auf Kickstarter genau wie auf YouTube eine große Anzahl von Trollen, denen es in erster Linie nur darum geht, ihren Frust abzubauen und Streit zu entfachen. Manche haben dies wirklich gut drauf und können dich, dein Projekt und alles andere mit nur zwei Zeilen wirklich lächerlich wirken lassen.

In diesem Fall sollte man sich aber auf gar keinen Fall darauf einlassen, es sei denn, man hat wirklich Lust, mehrmals täglich Boris Becker gegen Olli Pocher zu spielen. Man kann auf Dauer nur verlieren. Die Kernaufgabe ist es, hier genau zwischen ernstgemeinten Fragen, konstruktiver Kritik und einfachen Internet-Trollen zu unterscheiden.