Julie Meyer: Gründerinnen mit Brüdern im Vorteil

Die US-Amerikanerin Julie Meyer ist mittlerweile ein alter Hase in der Startup-Szene. Bereits 1998 gründete sie das Networking-Event First Tuesday in London. Schnell verbreitete sich das beliebte Event in 17 weitere europäische Städte. Für 50 Millionen US-Dollar ging die Firma zwei Jahre nach Gründung an die israelische Investment-Firma Yazam. Der Exit macht Meyer reich und bekannt. Noch im selben Jahr gründete sie mit dem Geld die VC-Firma Ariadne Capital in London.

Im Interview erzählt Meyer, die laut dem Wall Street Journal zu den 30 einflussreichsten Frauen in Europa zählt, warum Gründer ungern zugeben, dass sie viel arbeiten, wieso Kinder und Karriere schwer zu vereinen sind und wie wichtig Networking ist.

Ich habe gelesen, dass Du 75 Stunden pro Woche arbeitest. Ganz schön viel.

75 Stunden? Ich arbeite sogar mehr. Die meisten Gründer arbeiten locker 80 bis 90 Stunden pro Woche, aber sie würden das nie zugeben – besonders die Frauen scheuen davor zurück.

Wieso will das niemand sagen?

Wenn jemand erzählt, dass er 90 Stunden pro Woche arbeitet, klingt das so, als hätte er oder sie keine Kontrolle. Einige Leute würden denken, dass die Person nicht sehr clever ist oder unorganisiert. Oder möglicherweise schlechte Mitarbeiter hat. Trotzdem ist es wahr: Die meisten Gründer arbeiten unglaublich viel. Und nicht nur, wenn es schlecht läuft. Gerade wenn es gut läuft, sind vielen von ihnen hochmotiviert, weil sie sich so freuen.

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Wieso sagen Frauen besonders ungern, dass sie viel arbeiten?

Weil sie Angst haben, dass sie nicht mehr weiblich wirken, wenn sie zugeben, dass Arbeit die oberste Priorität in ihrem Leben hat. Frauen machen sich generell sehr viel mehr Gedanken darüber, wie sie nach außen wirken. Aber für mich steht meine Arbeit an erster Stelle – und ich sage das auch offen –, denn ich liebe meine Arbeit nun mal.

Machst Du Dir keine Gedanken darüber, was andere über Dich sagen?

Spätestens seitdem ich 40 Jahre alt bin, ist mir die Meinung anderer Leute total egal. Das interessiert mich mittlerweile wirklich überhaupt nicht mehr. Aber in meinen Zwanzigern war es mir total wichtig, was andere über mich denken. Das ist immer ein großes Problem, denn das bremst einen.

Was rätst Du also jungen Gründerinnen?

Alles im Leben hängt davon ab, welche Signale man sendet. Man sollte als Frau immer signalisieren, dass man sich wehren kann. Früher habe ich mich zum Beispiel nie verteidigt. Es ist mir öfter passiert, dass ich im Meeting etwas gesagt habe – und wenige Minuten später hat ein Mann im Raum dasselbe gesagt und wurde dann dafür gelobt. Früher war ich dann immer still. Heute würde ich sagen: „Vielen Dank, dass du noch einmal wiederholst, was ich vor fünf Minuten bereits gesagt habe.“ Insgesamt glaube ich, dass Männer es ausnutzen, dass Frauen die meiste Zeit sehr passiv sind. Ich sage nicht, dass Frauen Zicken sein müssen, aber sie müssen auf sich aufmerksam machen. Sie müssen versuchen, dass die Männer in ihnen eine Art Schwester sehen. Nicht die potentielle Ehefrau oder Affäre.

Was hast Du sonst in deiner Karriere gelernt?

Ich habe gelernt, dass man sich auf seine Stärken fokussieren sollte, anstatt zu viel Zeit damit zu verbringen, seine Schwächen auszugleichen. Das liegt aber auch an der Erziehung meiner Mutter, die immer wollte, dass ich in der Schule in jedem Fach eine Eins habe.

Hat die Erziehung und die Familie viel Einfluss auf die spätere Karriere?

Extrem viel. Frauen, die mit Brüdern aufgewachsen sind oder ein enges Verhältnis zu ihrem Vater haben, haben ein riesigen Vorteil, weil sie wissen wie man mit Männern umgehen muss. Ich habe keine Brüder, war aber eng mit meinem Vater verbunden, auch wenn ich ihn selten gesehen habe. Mein Vater hat immer daran geglaubt, dass Frauen Großes vollbringen können.

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Du selbst hast keine Kinder, weil Du glaubst, dass es sich mit dem Beruf nicht vereinen lässt.

Ich finde es wirklich sehr schwer, alles unter einen Hut zu bekommen. Einige meiner Freundinnen haben einen Job, einen Ehemann und Kinder. Und da frage ich mich immer: Wie machen die das? Ich finde das echt hart. Ich könnte das nicht. Weil mir bewusst war, dass ich nicht alles schaffen würde, habe ich für meinen Beruf entschieden. Und ich bin damit sehr glücklich. Ich glaube, man muss an gewissen Punkten im Leben Entscheidungen treffen und diese dann auch akzeptieren. Jetzt zumindest bin ich glücklich, vielleicht bin ich es mit 70 nicht mehr. Wer weiß das schon.

Bekannt und reich geworden bist Du mit dem Networking-Event First Tuesday. Wie wichtig ist Networking?

Networking ist alles. Networking hat immer einen schlechten Ruf, weil niemand will, dass andere denken, dass er oder sie nur auf Konferenzen rumhängt. Aber natürlich ist es wichtig, wen man kennt. Es ist auch wichtig, wie schnell man Kontakt zu den wichtigen Partnern aufbauen kann. Denn natürlich hat man dann einen Vorteil. Auch hier nach Berlin bin ich nicht nur für meinen Vortrag gekommen, sondern auch um die Gründer von zwei Startups kennenzulernen, in die ich investieren will.

Welche Startups sind das?

Das kann ich leider noch nicht sagen.

Vielen Dank für das Gespräch, Julie.