Der Ort, an dem unsere Zukunft gestaltet wird

Da kommt etwas auf uns zu. Mit geballter Macht. Aus der Windrichtung West. Genauer gesagt aus einem übersichtlichen Tal südlich der Stadt San Francisco. Heerscharen von Managern, Unternehmern und Neugierigen ziehen durch das Silicon Valley, um besser zu verstehen, was aus der Wirtschaft, der Gesellschaft und dem ganzen Rest werden soll. Auch der Autor dieses Artikels hat vier Monate im Valley verbracht. Denn in diesem Landstrich wird offenbar an der Zukunft der Menschheit gebastelt. Und hier sitzen zum Beispiel die Giganten Google, Apple und Facebook.

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Mitten im Valley hat auch der Executive Vice President der Axel Springer SE, Christoph Keese gelebt und gearbeitet. Für sechs Monate mit seiner Familie. Genauer gesagt in Palo Alto. Dieses Städtchen könnte man vielleicht als das Sylt des Valleys bezeichnen. Mit allen Begleiterscheinungen wie überteuerten Mieten, Immobilien und Supermarktpreisen. Über seine Erlebnisse, Beobachtungen und Begegnungen hat Keese ein Buch geschrieben. In „Silicon Valley“ (Knaus, 19,90 Euro, 320 Seiten) gibt er einen Einblick in die digitale Revolution, die in weiten Teilen von Kalifornien ausgeht. Und er macht sich Gedanken, wie wir in Deutschland auf die vielen Fragen, die dabei entstehen, antworten können. Hier einige wichtige Aspekte des lesenswerten Buches.

Palo Alto: Eine einmalige Mischung aus Geld und Geist

So richtig hübsch ist Palo Alto nicht. Es gibt keine Hochhäuser, alles ist eher unauffällig. All die Internetmillionäre, die hier wohnen, mögen es offenbar zurückhaltend. Ausladende Swimmingpools sind die Ausnahme. Das Haus des verstorbenen Steve Jobs kommt ohne Protz aus. Aber hier befindet sich zweifellos das Zentrum der digitalen Revolution. Im Café um die Ecke kann es durchaus passieren, dass am Nachbartisch gerade das nächste große Ding verhandelt wird. In den Gesprächsfetzen, die herüberwehen, ist häufig von ziemlich hohen Geldsummen und ziemlich schrägen Ideen die Rede. Keese beschreibt das Städtchen als bescheiden, offen, unscheinbar, kreativ. Innovation entsteht hier durch physische Nähe. Was in einem merkwürdigen Kontrast zum digitalen Denken steht, in dem räumliche Distanzen keine Rolle spielen.

Bei Firmen wie Pulse oder Airbnb wird diese Nähe geradezu zelebriert. Die Mitarbeiter sitzen dicht gedrängt an ihren eng gestellten Schreibtischen. Maximaler Austausch soll so ermöglicht werden. Maximalen Ausstausch gibt es auch zwischen jungen Firmengründern und Investoren und Geldgebern. Niemand wird an ihrem Sitz, der Sand Hill Road, abgewiesen. Hier sitzen auf einer Länge von drei Kilometern die großen Investmentfonds – und genau hier muss man als junger Gründer persönlich hin, wenn einem für die Umsetzung der Idee noch die eine oder andere Million fehlt.

Stanford: Ist das eigentlich noch eine Universität?

Gleich auf der anderen Seite der Schnellstraße liegt die Universität Stanford. Hier kommen die klugen Köpfe her, die erfolgreiche Firmen gründen. Leute wie Mark Zuckerberg. Hier tobt die Diskussion, ob Stanford eigentlich noch ein Wissenschaftsbetrieb ist oder schon längst ein Inkubator für digitale Firmen und Geschäftsmodelle. Gründertraining ist jedenfalls Teil des Studiums. In den vielen kleinen, oft gläsernen Besprechungsräumen arbeiten Teams mit Mitgliedern aus aller Welt an neuen Geschäftsideen. Wenn Palo Alto das Zentrum der digitalen Revolution ist, dann ist Stanford die Keimzelle.

Kultur: Je größer die Herausforderung, desto besser

Im Valley haben Techniker das Sagen. Kaufleute spielen nur eine untergeordnete Rolle. Die Geldgeber sind auf der Suche nach Tech-Genies, die in der Lage sind, sich ein neuartiges Produkt auszudenken und es auch herzustellen. Rechnen und Marketing können andere auch. Leute wie der Tesla-Chef Elon Musk machen es vor. Die Probleme bei der Entwicklung seiner Elektroautos konnten gar nicht groß genug sein. Sie wurden gelöst. Fast alle. Gegen seine Elektroautos sieht sogar die Konkurrenz aus Deutschland schlecht aus. Andreas von Bechtolsheim, Gründer von Sun Microsystems, der auch im Valley lebt: „Manchmal glaube ich, Deutschland will absichtlich nicht weiterkommen.“

Angriff auf bestehende Industrien

In jedem dritten Satz kommt im Valley das Wort „disrupt“ vor. Dieses Wort ist ein Schlachtruf. Der iPod war eine disruptive Innovation und verdammte mit seiner Erfindung die CD zum Aussterben. Heute sind es wahrscheinlich Streamingdienste wie Spotify, die den iPod „disrupten“. Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert. Angriffsziel der neuen Unternehmen sind dadurch alle bestehende Geschäftsmodelle, die sich nicht schnell genug dem digitalen Zeitalter anpassen. Viele sind gar nicht in der Lage dazu. Selbst wenn sie wollten. Sie schleppen einfach zu viele analoge Altlasten mit sich herum, die sie unbeweglich und unfähig für einschneidende Veränderungen machen.

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Einfachheit, Schnelligkeit und Fehler

Firmengründer im Valley sitzen nicht drei Jahre im dunklen Zimmer und basteln an dem perfekten Produkt. Sie versuchen schnell eine rudimentäre Version ihrer Idee auf den Markt zu bringen und lassen dann die Kunden entscheiden, was in den nächsten Entwicklungsstufen wichtig ist und was nicht. Die Datingplattform Tinder ist ein Beispiel. Würden sich Menschen verabreden, die von sich nicht mehr kennen als ein paar Fotos? Offenbar ja. Drei Monate nach dem Start gab es drei Millionen Nutzer. Der Gründer Sean Rad: „Wir hatten die Idee, haben sie blitzschnell programmiert. Jede Weiterentwicklung danach basierte auf den Reaktionen des Publikums.“ Wenn etwas nicht funktioniert, ist das kein Problem. Im Gegenteil. Dadurch wird das Produkt in der nächsten Ausbaustufe noch smarter.

Und was jetzt?

Aber was sind die Folgen dieser dramatischen, digitalen Entwicklungen im Silicon Valley? Keese analysiert im zweiten Teil des Buches die Auswirkungen seiner Beobachtungen. Die zentralen Thesen:

  • Das Netz führt zu Monopolen. Alles gehört dem Gewinner. Firmen wie Google und Facebook lassen immer weniger Platz für Konkurrenten. Alles wird niedergewalzt. Und wer nicht mitspielt, wird zum Beispiel bei der Google-Suche eben nicht mehr berücksichtigt. Der Wettbewerb stirbt und der Monopolist kann tun und lassen, was er will. Und dabei sei es keineswegs sicher, ob Netzmonopole und Datenmonopole im Laufe der Zeit gebrochen werden können. Kreative Zerstörung kann es nur geben, wenn freier Wettbewerb herrscht.
  • Auch die Arbeitswelt wird sich dramatisch verändern. Auf den ersten Blick werden wir freier. Hierarchien werden flacher. Das klingt gut. Doch wir müssen dafür mit neuen Unsicherheiten leben. Für viele Menschen beginnt irgendwann das Leben als digitaler Tagelöhner oder „Sekundenlöhner“, der im direkten Wettbewerb mit Menschen in aller Welt steht. Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer werden also teuer bezahlt werden.
  • Es beginnt das Zeitalter der Gleichzeitigkeit in Kultur und Kommunikation. Indem wir alle Gedanken, Handlungen und Daten in der Cloud platzieren, schaffen wir Zeit- und Ortsunterschiede ab. Keese sorgt sich um den weitgehenden Verlust von Geheimnissen – und outet sich nebenbei als Romantiker: „Es ist vor allem ein Verlust von Romantik – im Sinne des Erfindens zusätzlicher Bedeutung durch den Einsatz von Fantasie.“
  • Das ultimative Projekt des Valleys heißt Singularität. Hier geht es um die Idee, Menschen in die Cloud hochzuladen und sie unsterblich zu machen. Klingt nach Science Ficition, es wird aber sehr ernsthaft daran gearbeitet. Die Singularity University wird von Google unterstützt. Einer der Gründer ist der Futurologe und Erfinder Ray Kurzweil, der unter anderem den Flachbettscanner und den ersten Synthesizer gebaut hat. Menschliches Leben wird durch das exponentielle technische Wachstum unumkehrbar transformiert. Das ist eine seiner manchmal etwas seltsam klingenden Thesen.

Keese kommt zu dem Schluss, dass unsere Gesellschaft „Schutz vor den kalifornischen Cyber-Theoretikern“ braucht. Wir müssen uns selbstbewusst in die Debatte einschalten, denn es geht um unsere Zukunft und unsere Freiheit. Da genügt es nicht, den Schülern ein iPad in die Hand zu drücken. Das geht nur mit einer grundlegenden Änderung in unseren Schulen und Universitäten. „Verhandelt wird unsere Freiheit im Netz“, so Keese. „Das geht uns alle etwas an und deshalb sollten wir alle mitreden. Es hängt von uns ab, was wir aus den Entwicklungen des Valleys machen. „Eine Bilanz der Digitalisierung ist vor allem eine Bilanz unseres Willens, Grundsätze zu formulieren und Freiheit zu schaffen. Wir tun das für unsere Freiheit, Selbstbestimmung und unseren Wohlstand.“

Bild: Buchcover von Christoph Keeses „Silicon Valley“; Disclaimer: Axel Springer ist Gesellschafter der Vertical Media GmbH, dem Medienhaus von Gründerszene. Weitere Informationen zur Vertical Media GmbH hier: www.vmpublishing.com.