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Rocket-Chef Oliver Samwer beim Börsengang 2014, links daneben Group Managing Director Alexander Kudlich

Einmal mehr ist die Aufregung um Rocket Internet am Kapitalmarkt groß: Die von Aktionären ungeliebte Firmenschmiede muss einen weiteren Kurssturz verkraften. Nachdem Großaktionär Kinnevik am Mittwochabend verkündete, die Hälfte seiner Anteile zu verkaufen, brach die Aktie ein. An der Spitze lag der Verlust am Donnerstag bisher bei mehr als 16 Prozent (Stand: 15:20 Uhr).

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Für Analysten kam der Zeitpunkt des Verkaufs überraschend, hatte sich die Rocket-Aktie doch zuletzt erholt. Das Jahrestief lag bei 16,35 Euro, bei Börsenschluss am Mittwochabend kostete das Papier 21,34 Euro – bevor es nach der Verkündung der Nachricht im Späthandel abstürzte. Warum also stößt der schwedische Investor gerade jetzt so viele Aktien ab?

Kinnevik gibt in einer Mitteilung an, das Unternehmen habe mit der Transaktion 209 Millionen Euro Bruttoerlös erzielt und keinen Gewinn gemacht. Das spricht dafür, dass der Investor das leichte Hoch der Rocket-Aktie für sich nutzen wollte, um Verluste durch die Beteiligung zu vermeiden.

Bei Bloomberg heißt es, insgesamt habe Kinnevik seit dem Rocket-Investment im Jahr 2010 das eingesetzte Kapital versechsfacht. Laut dem Artikel plant Kinnevik, die Mittel aus der aktuellen Transaktion in neue Startups zu investieren, um unter einem neuen CEO die Strategie zu wechseln. Auf eine Gründerszene-Anfrage reagierte das Unternehmen bisher nicht.

Der Schritt ist keine Überraschung

Obwohl die Aktien-Platzierung überraschend kam, war der Schritt an sich erwartet worden. In den vergangenen Monaten hatten sich die beiden Partner immer weiter voneinander entfernt. In einigen Bereichen soll es Uneinigkeiten gegeben haben: zum Beispiel bei der Bewertung der Portfolio-Unternehmen oder auch dem 2015 geplanten Börsengang von HelloFresh, den Kinnevik durch Anwälte im Rocket-Aufsichtsrat blockiert haben soll.

Ende 2015 trat der damalige Kinnevik-CEO Lorenzo Grabau von seinem Posten als Aufsichtsratvorsitzender bei Rocket Internet zurück, im folgenden Juli verließen er und ein weiterer Kinnevik-Manager das Gremium ganz.

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Grabau und Rocket-Chef Oliver Samwer haben zwar stets bestritten, dass zwischen den Unternehmen ein Dissens bestehe. Grabau hatte allerdings bereits im Mai vergangenen Jahres angekündigt, den Kinnevik-Anteil an Rocket in zwei bis drei Jahren prüfen zu wollen. Ein wichtiger Grund dafür: Die Konzerne würden immer mehr miteinander um Investitionsmöglichkeiten konkurrieren. Soll heißen: Rocket Internet entwickelt sich weg von einem Unternehmen, das selbst Startups aufbaut, hin zu einem Investor wie Kinnevik. Dieser Interpretation hat Rocket zwar immer wieder vehement widersprochen, doch nicht zuletzt der neue, eine Milliarde schwere RICP-Fonds zeigt, dass die Berliner zunehmend in externe Startups investieren. Dieser Interessenkonflikt könnte Kinnevik nun früher als geplant zum Handeln bewegt haben.

Samwer gewinnt an Einfluss

Eine Frage, die sich Marktbeobachter ebenfalls stellen: Warum schlägt Kinnevik seine Anteile noch vor dem offenbar geplanten Börsengang von Delivery Hero los? Die wahrscheinlichste Antwort darauf: Da es völlig unklar ist, wie gut ein IPO des Berliner Lieferdienstvermittlers verlaufen wird, verringern die Schweden mit der Entscheidung, jetzt zu verkaufen, ihr Risiko.

Und Rocket? Was heißt der Kinnevik-Abschied für die ohnehin gebeutelte Firmenfabrik? Auch wenn Samwer und Co. im Moment als beschädigt dastehen, könnte ihnen der Verkauf langfristig sogar Vorteile bringen. Denn nun gelangen 6,6 Prozent der Aktien zusätzlich in Streubesitz – und eine größere Streubesitzquote ist die Voraussetzung, damit Rocket in höherwertige Börsenindizes wie den MDAX aufsteigen könnte.

Samwer gewinnt mit der Entscheidung von Kinnevik außerdem an Einfluss über seinen Konzern. Die Schweden waren mit ihrem Anteil von 13,2 Prozent zweitgrößter Eigner der Berliner Firmenfabrik – nach dem von Samwer kontrollierten Beteiligungsfirma Global Founders, die rund 37 Prozent an Rocket hält.

Was die übrigen Großaktionäre – Ralph Dommermuths United Internet, die philippinische Telekomfirma PLDT sowie die Fonds Access Industries und Baillie Gifford – von der Kinnevik-Entscheidung halten, ist nur teilweise klar. Ein United-Internet-Sprecher sagte zu Gründerszene, die Entscheidung von Kinnevik habe „keine Bedeutung“ für den Konzern aus Montabaur. „Selbstverständlich steht es jedem Investor frei, wie er mit seinen Beteiligungen umgeht.“ Das Rocket-Engagement von United Internet sei „strategisch und langfristig angelegt, daran hat sich nichts geändert“. Baillie Gifford wollte sich auf Gründerszene-Anfrage nicht zu der Transaktion äußern.

Für viele Analysten ist aber klar, dass die anderen Anteilseigner als Verlierer dastehen. „Die Investoren waren besser dran, als Kinnevik mehr Einfluss hatte“, heißt bei Bloomberg. Schließlich habe Kinnevik Rockets Assets häufig und deutlich realistischer (heißt: niedriger) bewertet.

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Die Eigentümerstruktur von Rocket Internet vor dem Kinnevik-Verkauf

Bilder: Hannelore Foerster; Screenshots: Google, Rocket-Internet.com