Joker

Auch wir Redakteure von Gründerszene haben Wünsche. Manchmal sogar Wünsche, die nur am Rande mit dem Thema auf unserer Website zu tun haben. Ich habe ich einen großen Wunsch für das kommende Jahr, den ich mit Euch teilen möchte. Denn jeder kann dazu beitragen, dass wenigstens ein kleines Stück meines Wunsches in Erfüllung geht.

Ich weiß, das klingt nach Lichterglanz, Vanilletee und esoterischen Atemübungen. Ok. Da muss ich jetzt durch. Aber ich erkläre gleich, was ich damit meine, denn ich wünsche mir die Rückkehr und den Sieg der Freundlichkeit. Ja, Freundlichkeit. Nein, nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Gerne heftiger Streit, harte Diskussionen, harte Arbeit und Auseinandersetzungen – aber bitte mit einem freundlichen Lächeln.

Probleme, Gefahren und Bedrohungen

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Freundlichkeit ist eine völlig unterschätzte Kulturtechnik des Menschen. Denn Freundlichkeit kann alles. Sie bringt Gesprächspartner und Diskutanten auf eine gemeinsame Ebene. Sie sorgt dafür, dass wir überhaupt miteinander auskommen und leben können. Die Kultur der Freundlichkeit zu beherrschen, ist leider gar nicht so einfach und vollkommen aus der Mode gekommen. Der Mensch ist von Natur aus immer auf der Lauer, skeptisch und sein Gehirn ist in Millionen von Jahren von der Evolution darauf programmiert, Probleme, Gefahren und Bedrohungen zu identifizieren. Optimismus, Zuversicht und Freundlichkeit sind dagegen anstrengend und müssen in einem aufwändigen Prozess gelernt und dann täglich gegen alle Widrigkeiten gelebt werden.

In den sozialen Netzwerken erleben wir jeden Tag, wie Freunde oder Bekannte, die im normalen Leben wunderbar miteinander auskommen würden, sich nach wenigen Kommentaren auf eine völlig absurde Weise in die Haare geraten. Endlose Beschimpfungen, Unterstellungen und heftige persönliche Angriffe unter der Gürtellinie sind an der Tagesordnung. Könnt Ihr Euch bitte alle mal etwas zusammenreißen? Wäre das möglich? Wir begegnen auch auf der Straße, im Restaurant oder in der U-Bahn Leuten, die einem den Glauben an die Menschheit verlieren lassen. Täglich. Aber niemand schnauzt deshalb nicht einfach wild in der Gegend herum. Na gut, fast niemand. Ein freundliches Nicken, Weitergehen, Weghören, Ignorieren, Schweigen. Es gibt hier nichts zu sehen. Geht doch. Freundlichkeit. Das macht auch die sozialen Netzwerke zu besseren Orten.

Wenn alles geht, ist alles egal

Leider ist das Gegenteil der Fall: dicke Hälse, platzende Kragen, Wutausbrüche wohin man schaut. Der moderne Mensch fühlt sich offenbar dauernd belästigt, latent angegriffen und überhaupt komplett missverstanden. Nicht nur auf Facebook, sondern auch vom Chef, vom Busfahrer oder von der Bäckerei-Fachangestellten. Gerade in Berlin erleben wir jeden Tag das Gegenteil von Freundlichkeit. Hier gehört eine passiv-aggressive Unfreundlichkeit zum guten Ton. „Alles geht!“ in unserer aufregenden, bunten Hauptstadt. Toll, oder? Darauf ist man hier stolz. Aber „Alles geht!“ heißt eigentlich „Alles egal!“. „Is mir egal“ singt Kazim Akboga deshalb auch im erfolgreichen Werbespot der Berliner Verkehrsbetriebe – und trifft das Lebensgefühl der Stadt leider auf den Punkt.

Nein, es ist aber nicht alles egal! Wir sind verantwortlich. Für uns. Für die anderen. Dafür, dass hier alles funktioniert und wir zusammenleben und arbeiten können. Negative Höhepunkte der Menschenfeindlichkeit erleben wir leider viel zu oft in unserer Hauptstadt. Solche Taten sind die Aufkündigung unseres ungeschriebenen Gesellschaftsvertrages. Brutale Kriminelle sind mit einem Aufruf zu mehr Freundlichkeit natürlich nicht zu erreichen. Aber der Rest der vernünftigen Leute muss jetzt ein Zeichen setzen und zeigen, wie wir miteinander umgehen und leben wollen. Dass wir uns in Notfällen sogar zur Seite stehen und gegenseitig helfen.

Etwas mehr freundliche Oberfläche

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Es tut mir wirklich leid. Was wir brauchen, ist Freundlichkeit. Sie hilft gegen Unsicherheit, schafft eine Grundlage. Sie hilft Menschen, die nicht genau wissen oder vergessen haben, wie sie sich verhalten sollen. Ein paar Regeln kann jeder beachten. Es ist ganz einfach. Zum Beispiel in London: Man stellt sich hinten an der Warteschlange an. Wie in den USA, wo es bei jeder Begegnung heißt: „Wie geht es Dir, woher kommst Du?“ Das sind freundliche Verhaltensweisen und Floskeln, die ich mir auch für unser Land wünsche. Bitte viel mehr davon! Oberflächlich sei das, hört man hierzulande. Ja, genau. Etwas mehr freundliche Oberflächlichkeit wünsche ich mir.

Außerdem wünsche ich mir, nicht auf Schritt und Tritt oder auf Facebook mit persönlichen Befindlichkeiten belästigt zu werden. Schon gar nicht mit schlechter Laune, dem schalen Gefühl, dass man irgendwie zu kurz gekommen sei, allgemeiner Verstimmung oder dicken Hälsen. Das alles könnt ihr 2017 gerne zu Hause lassen und mir und dem Rest der Stadt im neuen Jahr mit oberflächlicher Freundlichkeit begegnen. Sie darf natürlich auch echt sein. Herzlichen Dank dafür.

Foto: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von janssensdebbie