Ja, es stimmt natürlich. Die fremdenfeindlichen Kommentare auf Facebook sind unerträglich. Es läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich das lese. Es wird zur Gewalt aufgerufen, zu Mord, Hass und Totschlag. Es kommt ein Wahnsinn zum Vorschein, mit dem man sich eigentlich nicht beschäftigen möchte. Doch beim Betrachten dieser Widerlichkeiten, wird uns allen klar: Sie sind unter uns, sie leben neben uns, sie haben den Mut, ihren Wahnsinn unter vollem Namen in einem Netzwerk zu verbreiten.

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Jetzt werden immer mehr Stimmen laut, die sich darüber beschweren, dass Facebook offenbar nicht in der Lage ist, kranke Typen aus ihrem Netzwerk zu verbannen. Auch die Kanzlerin ist mit dabei. Doch wäre uns wirklich damit geholfen, wenn solche Einträge gelöscht werden? Ich verstehe die Wut, den Ekel. Doch Dummheit kann man nicht einfach löschen. Was bringt es uns, wenn wir vom Unrat verschont bleiben? Ja, man lebt sicherlich angenehmer. Aber zu welchem Preis? Soll Facebook eine glatte, saubere Welt herstellen, die Teile der Realität ausblendet und den ganzen Unrat von uns fernhält. Soll Facebook die Wirklichkeit für uns frisieren? Normalerweise wird das Netzwerk genau dafür kritisiert. Stichwort „Filterbubble“.

Der Irrsinn verschwindet nicht einfach aus der Welt, nur weil er nicht mehr auf Facebook stattfindet. Er bleibt. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die digitale Sphäre bildet unsere Realität ab. Wenn wir wirklich wollen, dass sich etwas ändert, müssen wir etwas gegen die Dummheit tun, nicht gegen Facebook. Aber irgendwie muss sich die Wut über so viel Menschenverachtung kanalisieren. Und man projiziert sie einfach auf den Überbringer der schlechten Nachricht. Das ist viel bequemer. Irgendjemand muss sich kümmern. Das stimmt. Wir müssen uns alle kümmern. Schulen, Ausbilder, Chefs, Politiker – am besten die ganze Gesellschaft muss sich kümmern. Und natürlich die Polizei und Gerichte. Dann haben wir eine echte Chance, dass wir diesem ungeheuerlichen Quatsch auf Facebook in Zukunft nicht mehr begegnen.

Auch auf den Straßen von Tel Aviv wird auch über die Einwanderung und die Flüchtlingssituation in Deutschland diskutiert. Hier haben die Menschen eine ganz klare Haltung, die man bei uns nicht sehr gerne hören wird. Egal, wen man fragt, die Taxifahrer, Leute aus der Startup-Szene auf dem DLD-Festival oder Menschen im Café. „Deutschland hat ein riesiges Problem“, wird mir häufig gesagt. „Deutschland wird in 20 Jahren einen Moslem als Kanzler haben. Spätestens.“, bemerkt ein junger Mann, der neben mir in an der Bar sitzt. Über meine Antwort, dass Deutschland durchaus in der Lage ist, mit den Aufgaben fertig zu werden, wird am Tresen herzlich gelacht. „Ihr macht einen riesengroßen Fehler!“ Man hat in Israel offenbar Erfahrungen gemacht, die es verhindern, dass eine positive Entwicklung in Sachen Flüchtlinge für möglich gehalten wird.

Am Abend schlendert die ganze Stadt über den prachtvollen Rothschild-Boulevard im Zentrum der Stadt und schaut sich an, was die jungen Leute mit ihren Startups so alles zusammenbasteln. Da wird mit Robotern Basketball gespielt, ein Mann sitzt am Klavier und versucht sich an John Lennons „Imagine“, sein Smartphone hilft beim Üben und weist ihn auf Fehler hin. Gegen den Sandsturm und die schwülen 31 Grad am späten Abend ist leider noch niemandem etwas eingefallen. Startups in Tel Aviv sind nicht nur ein aufstrebender Wirtschaftszweig, sie bieten auch eine gute Show und gehören mittlerweile zur Folklore der Stadt.

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Startups wie GetStocks oder Warranteer finden man hier nicht. Sie sitzen in ihren gekühlten Büros und sind schon einen Schritt weiter. Warranteer hat sich dem Thema Garantien gewidmet. Mit jedem Gerät, das wir kaufen, erhalten wir eine Garantiekarte. Gründer Avishay Pariz erzählt, dass nur vier Prozent dieser Karten ausgefüllt werden. Mit seiner App scannt man den Barcode der Waschmaschine oder der Kinderkarre ein und erhält neben der Garantie auch die Gebrauchsanweisung und maßgeschneiderte Angebote vom Hersteller. Denn sie haben bei Nutzunng der App natürlich auch die Daten der Kunden. Elliot Hool vom Startup GetStocks will vor allem junge Leute dazu bringen, in Aktien zu investieren. Die Idee ist, dass man einfach erfolgreichen Investoren folgt und wenn man Vertrauen in sie gefasst hat, per Automatismus ihre Investments und damit ihren Erfolg kopiert. Man könnte es Social Investing nennen. Beide Startups wachsen rasant und gehören in Tel Aviv zu den Hoffnungsträgern.

Wir von Gründerszene ziehen uns jetzt voller Hoffnung in das wohlverdiente Wochenende zurück. Aber vorher gibt es noch etwas Musik. Handgepflückt. Ohne schädliche Zusatzstoffe und zuckerfrei. Garantiert.

Roland Wolff-Riviera hatte mit seiner Band Riviera einigen Erfolg in Asien. In Deutschland gibt es in dieser Beziehung noch dringenden Nachholbedarf.

Ja, es gibt noch Gitarren. Und die Mantles, wissen, wie man sie einsetzt.

Ja, es gibt noch diese Stimmen. Und Richard Hawley weiß, wie man sie einsetzt.