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Das Ladegerät von Kraftwerk

Es muss ein gutes Gefühl sein, wenn mehr als 11.000 Menschen an das eigene Projekt glauben. Für Sascha Kühn war das im Januar 2015 Wirklichkeit, als er auf der Crowdfunding-Seite Kickstarter Geld für sein Ladegerät einsammelte. Die Unterstützer stellten Kraftwerk 1,5 Millionen US-Dollar bereit – für die Idee eines mit Feuerzeuggas betriebenen Ladegerätes für unterwegs. Die Powerbank, die pro Füllung für elf iPhone-Aufladungen reichen soll, sollte im Dezember 2015 ausgeliefert werden. Heute – fast ein Jahr nachdem die Kampagne endete – warten die Unterstützer noch immer. Was ist mit dem Energiespender für die Hosentasche passiert?

Kühn arbeitete seit Jahren an seiner Idee, das legt zumindest das Gründungsjahr der hinter Kraftwerk stehenden Gesellschaft eZelleron nahe. Die wurde 2008 in Dresden angemeldet. Auf der Kraftwerk-Homepage ist allerdings eine gleichnamige US-amerikanische Firma angegeben. Die letzte Pressemitteilung ist ein Jahr alt, über den PR-Meldungen ist ein Artikel der F.A.Z. verlinkt. Dieser entpuppt sich als Anzeige. Die E-Mailadressen auf der Seite sind allgemein gehalten, vom Gründer ist keine zu finden.

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Kraftwerk-Gründer Sascha Kühn

Der Versuch von Gründerszene, Sascha Kühn auf Linkedin zu kontaktieren, bringt ein unerwartetes Resultat: Über seinem Profil antwortet nicht er, sondern ein „Team Kraftwerk“ auf die Nachfragen. In der Nachricht heißt es: „Wie Sie bei Gründerszene ja gut wissen, kann es in der Early-Stage-Phase von Startup-Unternehmen im großen Haifischbecken viele Umstände für Zeitverzögerungen geben.“

Ein solcher Grund sei zum Beispiel die gerichtliche Auseinandersetzung mit dem Gründer der Band Kraftwerk, Ralf Hütter, gewesen. Im März 2015 verklagte dieser das Unternehmen wegen Markenrechtsverletzung. Knapp einen Monat später ist die Klage allerdings gescheitert, ist bei Heise online zu lesen. Zudem hätten Kühn und sein Team monatelang auf das Geld von Kickstarter und auf Lieferungen für die Produktion warten müssen, heißt es in dem Schreiben von Kraftwerk.

Ursprüngliche Gesellschaft ist insolvent

Hinzu kamen finanzielle Schwierigkeiten: Bereits im November 2015 hatte Kühn einen Antrag auf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens für die eZelleron GmbH gestellt. Laut dem zuständigen Insolvenzverwalter Thomas Beck wurde dieses dann im April 2016 eröffnet, die Gesellschaft wurde kurze Zeit später aufgelöst. Von Kraftwerk heißt es lediglich, es sei zu dem Zeitpunkt keine Finanzierung der GmbH mehr möglich gewesen. Details zu den Hintergründen der Insolvenz will das Unternehmen nicht nennen.

Da die Kickstarter-Kampagne über die 2014 gegründete amerikanische Gesellschaft eZelleron Inc geführt wurde, habe die Insolvenz auch nur indirekte Auswirkungen auf die Kampagne gehabt, heißt es von Kraftwerk. Aber: „Natürlich haben die Umstände der Insolvenz zu Zeitverzug der Finanzierung des deutschen Standortes geführt und daher auch den Zeitverzug mitverantwortet, unter dem nun die Backer leider als enge Partner des Unternehmens mit leiden müssen.“

Einen „feindlichen Übernahmeversuch“ habe das Unternehmen zudem abwehren müssen – was noch einmal für Verzögerungen in der Produktion des Ladegeräts gesorgt habe. Da ohnehin keine Finanzierung der GmbH mehr möglich gewesen war und um nicht von einem anderen Unternehmen aufgekauft zu werden, sei sie abgewickelt worden, so heißt es von Kraftwerk. Im Mai 2016 gründete Kühn daraufhin die eZelleron Tubes UG, die sich laut Kraftwerk mit der Produktion des Ladegeräts befasst.

Etwa zu derselben Zeit nahm Kühn mit Kraftwerk am Programm des German Accelerator teil, ein durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unterstütztes Förderprogramm – fünf Monate nachdem er ursprünglich den Insolvenzantrag eingereicht hatte.

Dirk Kanngiesser, CEO des Programms, sagte auf Nachfrage gegenüber Gründerszene, man habe zu dem Zeitpunkt nichts von dem Insolvenzverfahren gewusst: „Nachdem wir von Dritten am 3. Juni 2016 davon erfuhren, haben wir die weitere Teilnahme am GA Programm [German-Accelerator-Programm, Anm. d. Red.] unmittelbar unterbunden. Wir hatten noch einige persönliche Gespräche mit [den] Gründer[n] Sascha und Martin gesucht, die Auskünfte, die wir erhielten, sowie die Vorgehensweise waren konfus und widersprüchlich.“ Neben Sascha Kühn ist auch Martin Pentenrieder Mitgründer von Kraftwerk. Pentenrieder war 2014 einige Wochen beim German Accelerator tätig, 2015 stieg er bei Kraftwerk ein.

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Noch ein Jahr

Dass Crowdfunding-Kampagnen ihren Plan nicht einhalten, passiert nicht zum ersten Mal. In Deutschland hatten etwa Kameraball-Hersteller Panono, das Fahrrad-Startup Cobi oder das Fahrradschloss-Startup Lock8 Probleme nach erfolgreichen Finanzierungen über die Crowd. Wie auch bei diesen Kampagnen machen Kraftwerk-Unterstützer auf Facebook und der Kampagnen-Seite bei Kickstarter ihrem Ärger Luft. Die Worte „Scam“ und „Nicht akzeptabel“ tauchen auf.

In den neuesten Kommentaren verspricht Kraftwerk, im Dezember 2017 mit den Auslieferungen der Ware zu beginnen. Auch gegenüber Gründerszene nennt das Unternehmen diesen Zeitraum. Ein weiteres Jahr zu warten, sorgt bei den Unterstützern allerdings für weitere Unzufriedenheit.

Auch bei Kraftwerk ist man offenbar verärgert: Unter dem Synonym eZelleron antwortet das Unternehmen scheinbar genervt auf die Update-Forderungen der Nutzer.

You got more than 40 updates on the status. We did proof the working technology models several times. There is a video on kickstarter. Latest time it was presented here: http://www.hk01.com/sns/article/48127. Insinuations do not help. If you think that we are doing things just to fool you, you should think about the costs of more than 20 patents for example. PR agencys do not work for free either. kickstarter is not amazon. This is not a shop. Many backers supported us with their pledges and helped us to bring this new technology after many years of development. When the product is ready for delivery, we will deliver. That is how kickstarter works. We will not deliver a unready product. Thank you for your support and thank you for your patience. We will provide further updates in the future.

Dass das die Unterstützer noch weiter verärgert, ist verständlich. Doch Kraftwerk sagt, nur 40 der 11.660 Backer hätten eine Rückerstattung eingefordert. Das Geld zurückbekommen haben sie dabei offenbar nicht: Ein Refund sei nicht möglich, heißt es von Kraftwerk, da die Kampagne damals noch über Amazon Payments gelaufen sei. Mittlerweile arbeitet Kickstarter mit dem Zahlungsanbieter Stripe zusammen. Auf Nachfragen von Gründerszene sagte ein Sprecher für Kickstarter, dass der Zahlungsanbieter für Rückerstattungen keine Rolle spiele. Es liege am Projekt-Gründer, ob dieser Geld zurückgebe.

Gleichzeitig führt Kraftwerk Rückerstattungen offenbar doch durch. Denn in dem Schreiben bestätigt „Team Kraftwerk“ zudem auch, 18 andere Rückerstattungen getätigt zu haben – allerdings von Unterstützern, mit denen das Unternehmen offenbar Ärger hat. Nach eigener Aussage prüfe die Firma nun, ob es Schadensersatz von diesen Unterstützern fordern könnte. Daher sollen sie ihr Geld zurückbekommen und für die Kampagne gesperrt werden. Der Hintergrund: die Unterstützer hätten „organisierte Schädigung“ betrieben. Weitere Details, wie an so vielen Stellen, nennt das Unternehmen nicht.

Bild: Screenshot/Kickstarter/Kraftwerk; Hinweis: Die Aussage von Kickstarter wurde am 1. November um 17.40 Uhr hinzugefügt.