Charlotte Stotzingen, Antonius Stotzingen, Brizan Were (oben; v.l.n.r.) mit Ludwig Bayern und Wilhelm Stotzingen (v.l.n.r.) leiten das Projekt Learning Lions

Nebenbei WordPress lernen, einfache Grafiken und Tabellen erstellen, Filme schneiden – viele dieser technischen Skills sind für junge Erwachsene in Deutschland kein Problem. Es gibt etliche Tutorials auf YouTube, Seminare an den Universitäten oder Wochenend-Workshops. An einigen Schulen werden mittlerweile schon Grundschüler mit den erste Programmierkenntnissen versorgt. Im Kunstunterricht werden nicht mehr nur Bilder gemalt, sondern Videos gedreht.

Anders sieht es im ostafrikanischen Staat Kenia aus, speziell in der Region Turkana im Norden des Landes. In der Region nahe der Grenze zu Äthopien und Südsudan ist die Haupteinnahmequelle immer noch Landwirtschaft und Handwerk, beispielsweise geflochtene Körbe und Schmuck aus Perlen. Aber: Der Boden ist trocken und unfruchtbar, es gibt keine Infrastruktur für den Handel. Die Arbeitslosenquote ist deswegen enorm hoch. Besonders junge Menschen leiden unter der schlechten Wirtschaftslage, ihnen fehlt häufig jegliche Perspektive.

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Diese Situation wollen vier Freunde aus Deutschland ändern. Sie haben die wohltätige Organisation Learning Lions in der ke­ni­a­nischen Stadt Lodwar gegründet. Das Prinzip: Junge Erwachsene zwischen 18 und 25 besuchen einen dreimonatigen Kurs in den Bereichen Software Development, Grafik-Design und Media Production. Die einzelnen Lerngruppen bestehen aus drei bis zehn Personen, die meisten Lehrer stammen aus Kenia, einer ist US-Amerikaner. Ausgewählt werden die Teilnehmer, die über Informationsveranstaltungen an den Schulen von dem Programm erfahren, mit einem IQ-Test und Interview.

In den Kursen lernen die Teilnehmer nicht nur, wie sie eine Internetseite, Apps oder Software programmieren, Fotos bearbeiten, einen Film drehen, Musik produzieren oder ein Logo designen. Softskills wie Arbeiten im Team oder Zeitmanagement werden ebenso beigebracht. Nach drei Monaten stehen für die Teilnehmer Prüfungen an. Wer sie besteht, darf einen fortführenden Kurs bei den Learning Lions für drei bis sechs Monate besuchen, in dem das Gelernte angewendet wird. Wer hier durchkommt, wird in das zweite Programm aufgenommen: Startup Lions, eine Art Mini-Inkubator, der bei der Gründung eines eigenen Unternehmens helfen soll.

Aufgebaut wurde Learning Lions von Ludwig Bayern, Ururenkel des letzten bayerischen Königs Ludwig III. Sein Onkel lebt als Missionar in Turkana und wies seinen Neffen auf die Missstände im Land hin. Unterstützt mit dem Geld von Familie und Freunden entwickelte Bayern das Konzept für Learning Lions, mietete die Räumlichkeiten an und kaufte erste Computer, Kameras, Stative und Flipboards. Drei seiner Freunde, Wilhelm Stotzingen, dessen Frau Charlotte Stotzingen und sein Bruder Antonius Stotzingen, folgten ihm und unterbrachen dafür ihre Karrieren bei Procter & Gamble und einer Genfer Kunstberatung. „Wir hatten ein sehr komfortables Leben, es fehlte uns an nichts“, erzählt Wilhelm Stotzingen. „Deswegen wollten wir uns unbedingt für ein soziales Projekt einsetzen, mit dem wir anderen Menschen helfen können und das wir dann unser Leben lang begleiten können.“

Gerade hat eine neue Klasse mit 28 Teilnehmern in Lodwar angefangen. „Die Teilnehmer sind anfangs sehr schüchtern und sehr zurückhaltend“, berichtet Wilhelm Stotzingen. „Im Laufe der Zeit gewinnen sie an Selbstbewusstsein, gehen richtig in ihrer Ausbildung und Arbeit auf und nehmen uns als Mentoren an.“

Um die Ausbildung weiterer Kenianer zu ermöglichen, sucht das Team nach freiwilligen Helfern und sammelt aktuell Spenden über eine Fundraising-Kampagne auf Indiegogo. 20.000 US-Dollar sind schon zusammengekommen, eigentlich hoffen die vier Freunde aber auf 75.000 US-Dollar. „Wir haben glücklicherweise noch einige hohe Spenden direkt auf unser Konto bekommen“, sagt Wilhelm Stotzingen. „Gerade ältere Spender müssen sich erst noch an das Prinzip des digitalen Fundraising gewöhnen.“

45 Kenianer haben das Programm der Learning Lions schon durchlaufen. Sie verdienen nun Geld mit Webseiten, Software-Programmierung, Apps, Logo-Design oder Dokumentarfilmen – und können so häufig nicht nur ihr eigenes Leben finanzieren, sondern auch das ihrer Familie. Völlig unabhängig von trockenen Böden oder fehlender Infrastruktur.

Bild: Learning Lions