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Kristoffer Braun (33, links) und Andreas Dautermann (36) mit Büro-Hund Nala vor ihrem Büro in Mainz

Der erste, der Andreas Dautermann dieses Jahr zum Geburtstag gratulierte, war ein Unbekannter. Pünktlich um Mitternacht schickte der ältere Herr Dautermann Geburtstagsgrüße. Per Mail.

Dass sich der fremde Gratulant überhaupt auf elektronischem Wege bei ihm melden konnte, war womöglich Dautermanns eigener Verdienst. Denn für ihr Unternehmen Levato produzieren er und sein Mitgründer Kristoffer Braun Videos für Senioren, in denen sie erklären, wie Passwörter geändert werden und wie WhatsApp funktioniert. In einem Kellerbüro im Mainzer Stadtteil Hechtsheim drehen sie diese Filme selbst. In einem davon verrät Dautermann sein Geburtsdatum. Der ältere Herr scheint sich das gemerkt zu haben.

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Anfangs brannten die Gründer ihre PC-Kurse noch auf DVD. Erst im Oktober 2015 stellten sie auf Streaming um. Nun stehen die insgesamt rund 600 Filme in einem Mitglieder-Bereich bereit. Kostenpunkt: 60 Euro pro Jahr. DVDs verkaufen die beiden jetzt kaum noch.

Eigentlich sei das schon zum Firmenstart vor sieben Jahren das Ziel gewesen: „Wir wollten schon immer vorrangig Produkte herstellen, die digital abrufbar sind“, erzählt Braun. Doch die Großeltern-Generation, ihre Zielgruppe, sei damals noch nicht bereit gewesen, für ein rein digitales Angebot zu zahlen.

Selbstgestrickte Socken zu Weihnachten

Schon während ihres Publizistik-Studiums an der Mainzer Universität waren die beiden in ihrem Bekanntenkreis die Ansprechpartner für Technisches. Besonders unter den Älteren habe sich das herumgesprochen. Dautermann lacht: „Sie wollten nicht mal Spitzfindigkeiten am Computer erklärt bekommen, sondern Grundlagen. Also haben wir uns hingesetzt und ein paar Videos über die Fragen gedreht, die uns regelmäßig gestellt wurden. Damit wir sagen konnten: Lasst uns in Ruhe, geht auf unsere Webseite!“

Inzwischen geben Enkel bereits ihre dritten oder vierten Smartphones weiter, auch an die Großeltern. Die können mit den Geräten meist wenig anfangen. Nicht immer ist jemand da, der alles genau erklären kann – oder will. Die Hilfe aus Mainz kommt da gerade recht. Die Nutzer, im Schnitt älter als 65, sind dankbar: Zu Weihnachten schicken einige von ihnen ihren beiden Digital-Helfern selbstgestrickte Socken oder Schokolade. Ein Kunde habe sie einmal darum gebeten, ihm in Zukunft ungefragt jede Veröffentlichung zuzusenden. Erlebnisse wie diese erleichtern das Geschäft: „Es ist schön, wenn man so loyale Kunden hat, bei denen man nicht darum bangen muss, dass sie einem vielleicht bald den Rücken kehren“, findet Dautermann. „Wir haben in Deutschland circa 6.000 Omas und Opas, die uns ein bisschen so behandeln, als wären wir ihre Enkel.“

Von Anfang an konnten die Gründer die Erlöse vom Verkauf ihrer DVDs wieder in die Produktion investieren. Denn die war und ist mit wenigen Mitteln umsetzbar, bis auf einen Laptop und ein Mikrofon braucht es dafür nicht viel. „Wir sind von Anfang an organisch gewachsen, haben keine Kredite aufgenommen und auch keine finanziellen Investoren an Bord“, sagt Dautermann. Zwar gebe es einen Business Angel, dieser sei jedoch ein ideeller Investor, der Netzwerk und Kompetenz bereit stelle, aber kein Geld. Wenn es nach den Gründern geht, soll das auch so bleiben: „Wir haben uns gesagt, dass wir das aus eigener Kraft schaffen und so werden wir das definitiv auch weiter machen“, kündigt Braun an. Angestellte haben sie nicht, nur zwei studentische Hilfskräfte, die sie im Tagesgeschäft unterstützen.

Auch das iPhone 14 erklären

Klassische Werbung wollen die Levato-Macher nicht für ihr Unternehmen machen. Ein Budget hätten sie dafür nicht eingeplant. Stattdessen setzen sie auf Mundpropaganda und Empfehlungen durch Volkshochschulen, Senioren-Vereine und Computerclubs, mit denen sie in Kontakt stehen.

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Im Oktober wird sich zeigen, wie erfolgreich die Gründer mit der Umstellung auf ihr Streaming-Modell wirklich waren. Denn: Ein Nutzer ist nach einem Jahr automatisch kein Mitglied mehr. Er muss sich aktiv dazu entscheiden, dabei zu bleiben und weiter zu zahlen. „Für uns ist das ein Ansporn, guten Kundenservice zu leisten. Wir wollen ja keine Kunden haben, die nur vergessen haben, rechtzeitig zu kündigen“, so Dautermann. Wie viele zahlende Mitglieder Levato derzeit hat, verrät er nicht.

Angst davor, dass es ihr Unternehmen in 20 oder 30 Jahren nicht mehr geben könnte, weil die Digital Natives nachrücken, haben die beiden nicht. „Es kommen immer schneller neue Technologien nach“, meint Dautermann. Es werde immer Leute geben, die sich damit nicht auskennen würden: „Da sitzt man im Alltag, und hat überhaupt keine Zeit, sich mit dem neuen iPhone 14 auseinanderzusetzen.“ Sein Fazit: Zu erklären gebe es immer etwas.

Auch Braun glaubt nicht daran, dass ihr Geschäftsmodell eines Tages nicht mehr gefragt sein könnte: „Als wir angefangen haben, gab es weder iPads noch WhatsApp. Heute drehen wir Filme darüber.“

In diesem Video erklärt Kristoffer, wie Cortana funktioniert:

Bild: Elisabeth Neuhaus/Gründerszene