Sarah Seeliger Librileo

Sarah Seeliger hat der kommerziellen Branche den Rücken gekehrt

Librileo war ein typisches Berliner Startup. Was zählte, waren Umsatz und Wachstum. Dann schwenkte die Gründerin Sarah Seeliger um: Jetzt arbeitet ihre Firma gemeinnützig und bietet ihr Kinderbuch-Abo nicht mehr Gutverdienern, sondern Familien in schwierigen Lebenslagen an. Asylbewerber oder Sozialhilfeempfänger können sich nun alle drei Monate eine Bücherbox nach Hause schicken lassen. Kostenlos.

Gegründet hat Seeliger das Unternehmen Librileo vor über zwei Jahren mit ihrem Mann Julius Bertram. Ihre Ursprungsidee: Boxen mit Kinderbüchern im Monatstakt an Eltern mit wenig Zeit verkaufen. Zuvor gründeten beide bereits Kirondo, einen Onlineshop für Secondhand-Kinderkleidung.

Vor einem Jahr wurde Librileo, bis dahin privat finanziert, dann in eine gemeinnützige UG gewandelt. Auch das Geschäftsmodell wurde angepasst. Hat das Abo-Modell nicht funktioniert? Firmen wie Wummelkiste und Kochzauber sind daran bereits gescheitert. Seeliger meint: Business Angels seien an ihrer Idee sehr interessiert gewesen – doch sie habe trotzdem lieber etwas Gutes tun wollen.

In fünf bis sieben Jahren will das Startup kostendeckend arbeiten. Bis dahin wird Librileo von Stiftungen unterstützt. Die Gründerin spricht im Interview über den Schwenk zur Gemeinnützigkeit und die Funktionsweise des neuen Modells.

Sarah, Du hast Bücherboxen im Abo verkauft. Vor einem Jahr hast Du das Modell angepasst. Wieso?

Weil ein Bücherabo für unsere ursprüngliche Zielgruppe nur mäßig interessant war. Sie wusste bereits, wie wichtig Bücher sind. Viel wichtiger sind Bücher aber für Familien, die nicht wissen, dass sie ihre Kinder bilden und einen Zugang zu Sprache geben.

Was hat sich seitdem verändert?

Der ganze Egoismus und Neid sind draußen. Alles ergibt nun einen Sinn. Und wir haben häufig mit besseren Menschen als in der kommerziellen Branche zu tun. Bei Finanzierungen sind das nicht mehr die klassischen Geldgeber, sondern Stiftungen, Privatspender oder Firmen mit gesellschaftlichem Engagement.

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Und was hat sich rechtlich geändert?

Wir werden keinen Gewinn, keinen Exit machen, und keine Mitarbeiter haben, die um Anteile betteln. Das waren alles große Themen bei unserer ersten Gründung – typisch Berliner Startup.

Warum hast Du Dich für diesen Schritt entschieden?

Wir wollen ein größeres Problem lösen: das von Eltern, die nicht so sozialisiert wurden wie wir; die arm sind, deren Kopf anders tickt, die nicht wissen, wie wichtig es ist, sich um ihre Kinder zu kümmern – oder es nicht können, weil die Ressourcen fehlen. Ich habe in den letzten Monaten schreckliche Geschichten gehört. Etwa von einer 28-Jährigen, die bereits zehn Kinder hat, die alle in zwei Räumen leben.

Zuvor haben die Bücherboxen 17 Euro gekostet. Eure neue Zielgruppe kann sich das nicht leisten. Wie löst Du dieses Problem?

Wir haben bei Null angefangen und das Geschäftsmodell und unser Angebot verändert. Neben dem Buch gibt es in der Box jetzt einen Ratgeber für die Eltern, der fast nur aus Bildern besteht. Damit sprechen wir auch Menschen an, die kein Deutsch können oder fast Analphabeten sind. Das zweite neue Element ist ein Spiel, das Eltern und Kinder verbinden soll. Alle Elemente sind auf ein Thema gemünzt, etwa gesunde Ernährung, Zähneputzen oder Mobbing. Das Paket ist kostenlos und kommt alle drei Monate.

Wie finanziert ihr das?

Das Angebot kann über eine Leistung des Jobcenters finanziert werden, das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT). Familien, die Transferleistungen bekommen, etwa Sozialhilfeempfänger oder Asylbewerber, erhalten die Bücherboxen so kostenfrei, wenn sie den BuT-Antrag ausfüllen. Um unser Angebot den Familien in schwierigen Lebenslagen vorzustellen, gehen wir über Kitas, Familienzentren, Hebammen oder Kiezmütter. Die sprechen „ihre“ Eltern für uns an.

Und wie funktioniert die Logistik?

Wir wählen Bücher aus und erstellen im Team die passenden Materialien. Sie werden dann direkt an eine kooperierende Behindertenwerkstatt gesendet. Dort werden die Boxen passend nach Altersgruppen gepackt und für den Versand vorbereitet.

Das neue Modell ist eher analog. Gibt es Digital-Pläne?

Viele potenzielle Antragsteller tun sich mit dem BuT-Antrag schwer. Wir haben deshalb eine Online-Plattform gebaut, auf der man den Antrag im Internet sehr einfach ausfüllen kann. Anschließend schicken wir ihn an die richtige Stelle. Gerade arbeiten wir daran, den Service allen gemeinnützigen Organisationen als White-Label-Lösung zur Verfügung stellen.

Bild: Librileo/Sarah Heuser