leonhard bichler lifecompanion

Als Theologe und Extremsportler hat sich Leonhard Bichler häufig mit dem Tod auseinandersetzen müssen. Der 30-Jährige entwickelte daher die App „LifeCompanion”, in der Nutzer beispielsweise letzte Worte hinterlegen, Dienstleister für das Testament finden oder Angehörigen Zugang zu wichtigen Dokumenten ermöglichen können.

Die App betreibt Bichler unter dem Dach der TomorrowBits GmbH aus München, entwickelt wird sie von der Agentur Mobile Software AG. Und finanziert ist sie aus dem Ersparten von Bichler. Neben seiner Rolle als Unternehmer ist er als Radioredakteur und -moderator beim christlichen Radiosender Radio Horeb tätig. 

Leonhard, Du bist Theologe. Angst vor dem Tod dürftest Du also nicht haben?

Das stimmt, vor meinem Tod habe ich keine Angst. Schrecklicher als der Tod wäre für mich, zu gehen, ohne wichtige Dinge gesagt und geklärt zu haben. Oder ohne meine Lebensziele erreicht zu haben.

Du bist nicht nur Theologe, sondern auch Extremsportler. War auch das ein Grund, eine App für den digitalen Nachlass zu bauen?

Bei einer Kletteraktion ist mein Kumpel schwer verunglückt. Und nachdem er bereits von einem Helikopter abgeholt wurde und ich auf einen Rettungstrupp wartete, habe ich über mein Leben nachgedacht. Und ich habe auch von anderen Extremsportlern und Bergsteigern gehört, die völlig überraschend aus dem Leben geschieden sind und weder emotional noch verwalterisch vorgesorgt hatten. Das war für mich ein Grund, um das Thema zu reflektieren und zu bearbeiten.

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Was genau regelt die App?

Zum einen geht es um das emotionale Vermächtnis, um letzte Nachrichten wie etwa Ratschläge an die Kinder oder Aussprachen mit Freunden, mit denen man sich zerstritten hat. Zum anderen geht es um Verwaltung und Vorsorge, damit sich die Hinterbliebenen auf die Trauer konzentrieren können. Viele Menschen sterben, ohne wichtige Dokumente wie beispielsweise eine Patientenverfügung oder ein Testament zu haben. Dafür vermitteln wir über die App zu Rechtsdienstleistungen, bei denen man beispielsweise mit juristischer Hilfe online ein Testament erstellen kann. Aber in der App kann man auch die PIN für den Tresor, die Bankdaten oder Daten zu einem persönlichen Onlinespeicher oder Zugänge für Social Media hinterlegen – oder nur beschreiben, wo diese Informationen zu finden sind.

Und für die Vermittlung der Dienstleister nehmt Ihr wahrscheinlich eine Gebühr?

Das ist momentan nicht der Fall, aber wenn die App genügend Nutzer hat, wollen wir damit unser Geld verdienen. Für den Nutzer soll die App aber immer kostenlos bleiben.

Als Theologe ist Deine eigentliche Intention doch wahrscheinlich, dass der App-Nutzer seine letzten Worte verfasst, sie dann aber vor seinem Tod persönlich kommuniziert?

Genau, das ist eigentlich mein Wunsch, dass man durch das Schreiben die erste Kommunikationshürde nimmt und es schafft, sich auszusprechen. Die App soll helfen, bewusster zu leben und soziale Beziehungen zu revitalisieren. Daher kann man in der App auch seine Lebensziele festlegen, um sich bewusst zu werden, was man eigentlich mit der verbleibenden Zeit anstellen will.

Und was passiert nach dem Tod des Nutzers mit den Daten in der App?

Der Nutzer, wir nennen ihn Vorsorger, kann in der App drei Personen festlegen, die über die Sicherheit seiner Daten bestimmen. Wir nennen sie Zeugen und Vertreter. Die einzige Aufgabe der Zeugen ist es, die vom Vertreter verfasste Todesmeldung zu bestätigen. Danach bekommt der Vertreter die Daten des Verstorbenen – der Vertreter sollte also eine Person sein, der man vertraut. Der Vertraute bekommt Zugang zum Profil und kann zum Beispiel die letzten Nachrichten abschicken – ohne diese lesen zu können oder die Empfänger zu kennen. Und nach einem halben Jahr werden die Daten des Nutzer komplett gelöscht.

Wie rechtlich bindend sind die Daten, die der Vorsorger in der App hinterlegt? Würden Abschiedsworte in der App beispielsweise das Testament überschreiben?

Wir machen keine Rechtsberatung, weisen aber bei allen rechtlich relevanten Bereichen in der App darauf hin, dass man selbst verpflichtet ist, sich über den rechtlichen Rahmen zu informieren.

Deine App ist überraschend frisch und bunt. Das ist wahrscheinlich Absicht?

Die meisten schrecken vor Vorsorge zurück, weil sie denken, dass sie alt werden und weil sie die Kosten, wie den Gang zum Notar, als Hürde wahrnehmen. Um die Angst vor diesen Themen zu nehmen, haben wir beispielsweise die Farbskalen sehr bewusst gewählt, gerade das Grün als Farbe der Hoffnung. Und die App beginnt mit Icebreaker-Fragen wie „Was soll mein letzter Song auf der Beerdigung sein“ oder „Was wäre mein letzter Facebook-Post?“.

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Soll das besonders junge Menschen ansprechen?

Unsere Hauptzielgruppe sind junge Familien und Gründer. Weil dort eine erhöhte Verantwortung gegenüber den Kindern und der Familie besteht.

Langfristig soll die App ein Lebensbegleiter werden. Was genau wird da noch kommen?

Es sind einige Bereiche in der Planung. Ich will aber nicht zuviel verraten. Nur soviel: Die soziale Interaktion innerhalb der App wird deutlich ausgebaut.

Bild: Leonhard Bichler