Beim Online-Schuhkauf ist die Retourenquote besonders hoch. Damit die vielen Schuhpaare möglichst zügig den Weg zurück zum Händler finden, bietet das Münchner Logistik-Startup Tiramizoo mittlerweile nicht nur die Zustellung, sondern auch die Retoure am gleichen Tag an. Die Modeplattform Zalando ist der erste Händler, der das ausprobiert: In Berlin können die Kunden nun von Montag bis Samstag ihre Retoure zwischen 10 und 21 Uhr innerhalb von 60 Minuten nach dem Auftrag oder einem einstündigen Wunschzeitfenster zu Hause abholen lassen.

Die Zustellbranche überbietet sich in dem Versuch, im Netz bestellte Ware immer schneller und bequemer für die Kunden auszuliefern. Die sind in der Regel tagsüber nicht zu Hause und wollen Alternativen. Same-Day-Delivery, die Zustellung noch am gleichen Tag und zu frei wählbaren Zeiten, ist einer der Megatrends in der Branche. Besonders, seitdem Amazon im Mai mit seinem Dienst Prime Now in den deutschen Markt eingestiegen ist und ein eigenes Liefernetz aufbaut.

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Prime-Kunden können sich ihre Produkte innerhalb von einer Stunde für eine Gebühr oder in zwei Stunden gratis liefern lassen. Zunächst ist das Angebot allerdings auf Metropolen wie Berlin beschränkt. Schätzungen zufolge beherrscht Amazon mindestens 25 Prozent des hiesigen Online-Handels, 400 Millionen von insgesamt 2,8 Milliarden versendeten Paketen in Deutschland sollen von dem US-Konzern stammen.

Paketdienstleistern drohen weniger Aufträge

Die Paketzustellung an Privathaushalte ist ein Wachstumsmarkt: „Wir gehen davon aus, dass wir bis 2020 ein durchschnittliches jährliches Volumenwachstum von fünf bis sieben Prozent sehen werden“, sagt Dunja Kuhlmann, Sprecherin des Marktführers DHL zu Gründerszene. Der Bundesverband der Kurier-Express-Post-Dienste (BdKEP) schätzt, dass sich das Geschäft für Sendungen an Privatkunden von 2015 bis 2025 etwa verdoppeln wird.

Die klassischen Paketdienstleister müssen sich allerdings auf weniger Aufträge einstellen, wenn Händler wie Amazon immer mehr Schritte der Paketzustellung selbst übernehmen. Das Geschäft verlagert sich stärker hin zu Kurieren und Lieferdiensten.

DHL, die weiterhin einen Großteil der Amazon-Lieferungen zustellt, hat bereits auf den Vorstoß des US-Konzerns reagiert und ihren Same-Day-Delivery-Service auf ländliche Regionen ausgeweitet. Damit erreicht die Post-Tochter nach eigenen Angaben bundesweit 44 Millionen Haushalte. Online-Kunden können für ihre Pakete nu bei der Bestellung ein zweistündiges Fenster zwischen 18 und 21 Uhr auswählen. Man wolle mit diesem Angebot den Paketversand stärker an die individuellen Bedürfnisse der Kunden anpassen, heißt es bei DHL.

Besonders interessant sei die Abendzustellung für den Lebensmittel-Onlinehandel. Das Unternehmen scheint sich zu erhoffen, dass sich immer mehr Kunden künftig die Waren zum Feierabend nach Hause liefern lassen. Obwohl Amazon für seinen neuen Service eigene Warenlager in den Innenstädten aufbaut und mit lokalen Kurierdiensten kooperiert, sei DHL weiterhin im Boot, so Sprecherin Dunja Kuhlmann. Sie glaubt: „Wir spielen als Logistikpartner durchaus eine wichtige Rolle im aufgewerteten Serviceangebot, weil Amazon nur ausgewählte Gebiete selbst abdeckt.“

Startups wollen nicht aufgeben

Das Startup Tiramizoo, das kaum eigene Fahrer hat, sondern mit einem Netz von Lieferdiensten kooperiert, gibt sich angesichts der neuen Konkurrenz zuversichtlich: „Wir haben lange erwartet, dass Amazon in den Markt eintritt“, sagt Tiramizoo-Chef Michael Löhr zu Gründerszene. „Andere Händler stehen nun unter Druck nachzuziehen, dadurch kommt Bewegung in den Markt – und das kommt uns zugute.“ Löhr vergleicht Amazons Einstieg in die Logistik-Branche mit der Gründung von Hermes durch die Otto-Gruppe in den 1970er Jahren, die damit ebenfalls auf einen eigenen Dienst setzte.

Der Gründer sieht den Wettbewerbsvorteil von Tiramizoo gegenüber klassischen Versender wie DHL oder Hermes darin, dass sein Startup flexibler sei und sich einfach in die Buchungs- und Bezahlprozesse der Händler integrieren lasse. Ein wichtiges Argument in Zeiten, in denen Logistik zur Hälfte aus Datenverarbeitung besteht. „Wir können schneller auf die Marktbedürfnisse reagieren als die großen Paketdienstleister“, findet Löhr.

Zuversichtlich dürfte ihn zudem stimmen, dass er mit DPD einen etablierten Player hinter sich stehen hat. Das gleiche gilt auch für das Frankfurter Startup Liefery, an dem wiederum Hermes beteiligt ist. Liefery liefert die Ware innerhalb von 90 Minuten oder innerhalb wählbarer Zeitfenster. Es arbeitet zu zehn Prozent mit eigenen Fahrern, für die übrigen Lieferungen heuert es Kurierdienste oder selbstständige Fahrer an. Amazon sei kein klassischer Konkurrent, sagte Liefery-Gründer Nils Fischer dem Händlerbund: Schließlich nehme der US-Konzern in München auch die Dienste des Startups in Anspruch.

Zum anderen belebe der Markteintritt von Amazon das Geschäft. „Wenn ein großer Player wie Amazon auch das Thema Same Day Delivery für sich erkennt, hilft das am Ende allen Verbrauchern und zwingt andere Händler sich ebenfalls dem Thema zu widmen.“

Die Konkurrenz wächst

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Tatsächlich erweist sich der wachsende Konkurrenzkampf in der Branche als enormer Treiber für Innovation sowie neue Partnerschaften. So testen beispielsweise die Zustelldienste GLS, DPD und Hermes seit vergangenem Jahr gemeinsam einen intelligenten Paketkasten, der im Spätsommer offiziell starten soll – ähnlich der Lockbox.

Die Deutsche Post wiederum erprobt gemeinsam mit Amazon und Audi in München die direkte Zustellung in den Kofferraum geparkter Autos. Einen ähnlichen Feldversuch hat die österreichische Post mit VW und T-Systems am Laufen. Und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Pakete von Drohnen geliefert werden – zwar nicht für den Normalverbraucher, aber in abgelegene Bergregionen oder auf Inseln. Entsprechende Tests machen sowohl die Post als auch DPD.

Selbst der US-Konzern Google will künftig in der Branche mitmischen: Er hat ein Patent für einen autonomen Zustell-Transporter angemeldet, der wie eine mobile Packstation funktionieren soll. Dieses Prinzip wird das Startup Starship Technologies noch in diesem Monat bereits in die Tat umsetzen: Es arbeitet mit selbstfahrenden Liefer-Robotern, die Pakete und Einkäufe innerhalb eines Radius von fünf Kilometern an die Haustür bringen sollen. Selbst die Taxi-App Uber könnte schon bald im deutschen Markt mitmischen: Der Essenlieferdienst UberEats startet voraussichtlich demnächst in Berlin und München. Pizza und Co. könnten dabei nur der Anfang sein.

Bild: Amazon