In grauer Vorzeit, es muss vor etwa zwanzig Jahren gewesen sein, da galt das Internet als das heilige Land. Jede größere Firma sah im E-Commerce des heiligen Gral einer erfolgreichen Unternehmensstrategie. Mittlerweile schlagen sich die Großen bereits um die Nischenmärkte, wofür mit „Long-Tail“ eigens ein neuer Terminus geprägt wurde.

Das ist natürlich doppelt bitter für die bereits etablierten Kleinunternehmer, die sich mit viel Verve für ihr eigenes Unternehmen engagieren. Mithalten ist meist nicht drin, beschränken sich doch viele Budgets kleinerer Shops auf ein Minimum. Werbeetats in Millionenhöhe wie bei der großen Konkurrenz sind nicht drin.

Doch David schlägt zurück – und zwar auf dem Terrain von Goliath. Zwar sind es bis jetzt nicht viele, aber immer mehr Online-Shops eröffnen Offline-Filialen. Im Elektronikbereich haben bis jetzt mindestens zwei der bekannten E-Commercer den Schritt in die reale Welt gewagt. In Darmstadt gibt es den Store von www.notebook.de und in München ist ein Laden von www.notebooksbilliger.de eröffnet worden. Selbst Spreadshirt (www.spreadshirt.net) dachte zwischenzeitlich über einen Offline-Shop nach.

Die Nähe zum Kunden ist ein wichtiger Faktor für die Entscheidung. So nah wie in einem Vorführraum kommt der Kunde seinem Produkt erst, wenn er es aus dem Paket knibbelt und in den Händen hält. Ein großer Vorteil gegenüber den Online-Shops, da ist sich auch Sascha Coldewey, Gründer und Geschäftsführer des Kolibrishop (www.kolibrishop.com), sicher. Deshalb hört man es bereits zwitschern, dass der Streetwear-Spezialist aus Mainz sich demnächst ebenfalls sesshaft machen will.

„Neben der anlaufenden Internationalisierung in den nächsten Monaten, die in Frankreich und den Benelux-Ländern anfangen wird, ist das Ladenkonzept im Franchise-System ein weiterer Punkt, auf den wir uns kurzfristig konzentrieren“, bestätigte Coldewey auf Anfrage von Gründerszene. Man sei überzeugt von dem Konzept, denn „zurzeit machen viele Ladenbesitzer einiges falsch“, beispielsweise bei der Präsentation und Auswahl der Marken. Funktionierende Beispiele kommen wie so oft aus dem Ausland. Die Amerikaner von Urban Outfitters sind bereits in Deutschland und Europa mit eigenen Filialen vertreten. Diese potenziellen Marktanteile will man sich im Hause Kolibrishop natürlich nicht kampflos abnehmen lassen.

Es ist also nicht ganz das Bild, welches Gründerszene selbst noch vor einigen Monaten von der Zukunft des Kolibrishops zeichnete. Wer hätte gedacht, dass nach der Übernahme durch Dress-for-less (www.dress-for-less.de) eine solche Entwicklung zu beobachten wäre.

Und so basteln die Macher bereits hinter zugezogenen Gardinen an Konzepten und Plänen. Orientieren will man sich etwa an der Titus-„Kette“. Die Lichtgestalt der deutschen Skateboarding-Szene besitzt mehrere Läden in verschiedenen Städten, unter anderem auch im Rahmen von Franchising. Sicher ist bis jetzt nur, dass demnächst eine Bewerbungsphase für junge Unternehmensgründer anlaufen wird. Diese werden gesichtet, um das Potenzial der Region für Streetwear auszuloten und das Sortiment an die Gegebenheiten anzupassen, denn „nicht jede Marke wird auch überall getragen, da gibt es regionale Unterschiede“, weiß Coldewey zu berichten.

Im Gegenzug bietet Kolibrishop neben dem Knowhow im Vertrieb ebenfalls Unterstützung beim Marketing. Dazu zählen neben der Mediaplanung auch die Hilfe bei der Erstellung und Wartung der Webseiten. Ganz uneigennützig agiert Kolibrishop natürlich nicht. Neben der Vergrößerung der Reichweite und der Steigerung der Markenpräsenz gibt es eine Gewinnbeteiligung an den Läden.

Gerade beim Absatz sind die meisten realen Geschäfte in den Einkaufspassagen nicht vergleichbar mit den Online-Stores. Der Umsatz eines Ladens für Streetwear soll in einer guten Lage und bei verkaufsfreudigen Besitzern im Durchschnitt bei 30.000 Euro pro Tag liegen. Ein einträgliches Geschäft, wenn man den Quellen vertrauen kann.

Ein wichtiger Punkt, der für die Eröffnung eines Ladengeschäftes in Betracht gezogen und im Vornherein gut recherchiert sein muss, sind die laufenden Kosten. Diese können schnell das beste Konzept scheitern lassen. Einer Langzeitstudie aus dem Jahr 2009 zufolge stiegen etwa die Mietpreise für Objekte zwischen 80 und 125 Quadratmeter, der Standardgröße für Ladengeschäfte, deutschlandweit in den vergangenen fünf Jahren um 20 Prozent. Nicht nur in Berlin, dem Spitzenreiter mit Steigerungsraten in den 1A-Lagen von 125 bis 150 Prozent, sondern auch in Städten mit wesentlich kleinerem Einzugsgebiet explodieren die Mietpreise. Gute Lagen wie die Friedrichstrasse, Hackescher Markt oder Kurfürstendamm sind mit bis zu 220 Euro pro Quadratmeter wahrscheinlich zu teuer für Neueinsteiger und Nischenprodukte.

Abgesehen von den Mieten fallen selbstverständlich noch weitere Kosten für Personal, Reinigung, Logistik und so weiter an. Faktoren, die bei einer Online-Gründung nicht oder nur marginal beachtet werden müssen. Wer sich da verzettelt, wird wohl schnell das „Räumungsverkauf“-Schild im Fenster hängen haben.

Aber angesichts der Tatsache, dass die Online-Konkurrenz wie Zalando (www.zalando.de) derzeit mit großem Einsatz im Marketingbereich um Kunden buhlt, ist der Schritt auf die Straße vielleicht kein Falscher. „Zalando hat uns die Augen geöffnet und alle in diesem Segment ziemlich hart getroffen“, gibt Coldewey zu. Auch weil man als eher kleiner Shop da langfristig nicht mithalten kann, müssen andere Wege gefunden werden.

Bildmaterial unter Lizenz von dharder