anne dred

Wie läuft die Behandlung bei DrEd ab? Unsere Redakteurin hat das getestet.

Ich kaufe meine Klamotten zu einem großen Teil im Netz, mein Essen auch, ich arbeite online, liebe soziale Netzwerke und wenn mein Smartphone mal nicht geht, werde ich hibbelig.

Außerdem bin ich Kassenpatient, warte deshalb oft Monate auf einen Arzttermin. Und ich bin Hypochonder, volle Wartezimmer mit triefenden, niesenden Menschen sind mir ein Graus. Also bin ich eigentlich der perfekte Patient für DrEd, einer virtuellen Arztpraxis, die seit der Eröffnung im Jahr 2011 Patienten online behandelt.

An sieben Tagen in der Woche können sich dort Kranke im Netz von einem Mediziner beraten lassen. Rund 70 Mitarbeiter arbeiten in dem in London ansässigen Unternehmen. Darunter sind 15 Ärzte, die sich um 1.500 Patienten am Tag kümmern – mehr als 400 davon kommen aus Deutschland.

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Trotz des Patientenandrangs ist DrEd vor allem bei deutschen Medizinern umstritten. Vielen Kritikern kommt es anrüchig vor, dass Ärzte Patienten Rezepte ausstellen, ohne sie jemals gesehen zu haben. Als schmuddelig bezeichnete gar der Präsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, vor Kurzem diese Rezepte.

Wie gut ist also das Angebot von DrEd? Stellen die Mediziner zu schnell Rezepte für Krankheiten aus, die der Patient womöglich gar nicht hat? Und verschaffen ihm so den Zugang zu Medikamenten, die sie gar nicht brauchen – oder die ihnen sogar schaden können? Das will ich wissen und begebe mich bei DrEd in Behandlung.

Die Webseite ist übersichtlich in Blau-, Grün- und Weißtönen gehalten. Auf der Startseite lächeln mich fünf Menschen mit weißen Kitteln und Stethoskopen um den Hals an, im Hintergrund sind Wolken. Auffällig ist der orangene Button mit den Worten „Besuchen Sie eine DrEd Sprechstunde“. Genau das habe ich vor und klicke darauf.

Nichts für Notfälle

Es erscheint eine weitere Seite mit einer Liste, für wen DrEd geeignet ist. Für Patienten über 18 Jahre. Bin ich. Für Patienten, die sich für die Behandlung eines bestimmten Gesundheitsproblems interessieren. Tue ich. Ungeeignet ist DrEd für Patienten mit akuten Erkrankungen, Schmerzen und Notfällen. Habe ich nicht.

Darunter findet sich eine Liste mit Krankheiten, die DrEd behandelt. Jetzt kommt der schwierige Teil. Ich muss mir das Gesundheitsproblem aussuchen, für das ich mich interessiere. Erektionsstörungen? Vorzeitiger Samenerguss? Haarausfall? Lieber nicht, da kenne ich mich zu wenig aus. Mit dem Thema Frauengesundheit, Verhütung, Pille danach und Blasenentzündung kann ich mehr anfangen. DrEd behandelt beispielsweise bei Geschlechtskrankheiten, Asthma, Akne, Bluthochdruck und Reisedurchfall.

Habe ich alles nicht, aber zumindest Blasenentzündung hatte ich schon mal. Klick. Sofort erscheint eine neue Seite, auf der verständlich erklärt wird, was eine Blasenentzündung ist und wie man sie kuriert. Darüber befindet sich wieder ein orangefarbener Button: „Blasenentzündung jetzt behandeln“. Klick.

Es öffnet sich ein Fragebogen. Fünf Minuten soll die Beantwortung dauern, steht da. Aufgelistet sind verschiedene Symptome. Bei mir ist es zum Glück schon eine Weile her, dass ich eine Blasenentzündung hatte, das war noch während meines Studiums. Aber ich erinnere mich gut an den fiesen Schmerz. Mal schauen, ob ich den Test bestehe.

Schmerzen, häufigeres Wasserlassen, plötzlicher Harndrang, Blut im Urin: Ja. Fieber: nein.

Eine Online-Ärztin verschreibt mir Antibiotika

Schmerzen in den Flanken? Flanken? Haben das nicht nur Pferde? Ich klicke auf nein und beantworte so brav alle weiteren Fragen. Dann bestätige ich die AGBs und sage, dass die Medikamente nur für mich bestimmt sind. Kurz ist mir mulmig. Ja, ok, klick. Danach werden mir nur zwei Medikamente zur Auswahl gestellt. Hier scheint DrEd Verträge mit bestimmten Pharmaunternehmen geschlossen zu haben. Das Problem gibt es allerdings auch bei lokalen Medizinern, die oft ein ganz bestimmtes Medikament verschreiben. Bei DrEd kenne ich beide der mir angebotenen Medikamente nicht und klicke auf das günstigere. Fertig. Vier Minuten sind vorbei.

Jetzt registriere ich mich, gebe an, dass das Rezept an eine Apotheke in meiner Nähe gehen soll, und sage, dass ich per Rechnung bezahlen will. Dann drücke Enter und schließe meine Bestellung ab.

Insgesamt muss ich 34,51 Euro zahlen: 19 Euro kostet die Behandlung, 15,51 Euro das Medikament, das ich mit dem Rezept schon mitgekauft habe. Wie ein Online-Händler verabschiedet sich DrEd mit den Worten „Ihre Anfrage war erfolgreich. Vielen Dank für Ihre Bestellung!“ von mir.

Nach einer knappen Stunde bekomme ich die Nachricht einer Ärztin, inklusive Fehler: „Auf Grund Ihrer Angaben, halte ich es für sinnvoll eine Antibiotika Behandlung durchzuführen.“ Es hat tatsächlich geklappt. Ich habe beim Fragebogen die richtigen Häkchen gesetzt. Morgens und abends soll ich jetzt fünf Tage lang eine Tablette schlucken. Außerdem schickt mir die Ärztin mehr Informationen zur Blasenentzündung, zum Beispiel, dass die Symptome in vielen Fällen mild seien und dass sich die Entzündung dann oft von selbst wieder lege. Mild? Also bei mir war da nie irgendetwas mild.

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Außerdem schreibt mir die Ärztin mögliche Nebenwirkungen des Medikaments: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Hautausschlag. Und die Warnung, dass beispielsweise Fieber, Erbrechen oder Flankenschmerzen ein Zeichen für eine Nierenentzündung sein kann.

Spätestens morgen ab 13 Uhr soll ich mein Medikament in der Apotheke abholen können. Ich bin überrascht, wie schnell und unkompliziert die Bestellung war. Und ich bin überzeugt davon, dass mir das Medikament im Fall einer richtigen Blasenentzündung helfen würde. Die Beschreibung, die mir die Ärztin mitgeliefert hat, ist knapp gehalten und trotzdem scheint das Wichtigste darin zu stehen. Mehr würde mir ein Arzt vor Ort auch nicht über die Krankheit oder zu den Tabletten sagen – eher sogar weniger.

„Klar, Patienten können uns anlügen“

Und dennoch: Ich habe ein Medikament bekommen, das ich nicht brauche. Es hat sich schlecht angefühlt zu lügen. Aber mit der Lüge durchgekommen zu sein, fühlt sich noch übler an. Ein Arzt vor Ort hätte mir die Geschichte wahrscheinlich nicht abgenommen – zumal der mit einem Schnelltest sofort herausgefunden hätte, dass ich keine Blasenentzündung habe.

DrEd-Gründer David Meinertz ist sich des Problems bewusst. Ganz sicher sein könnten sich seine Ärzte nicht, dass Patienten wirklich bei der Wahrheit blieben, sagte er in einem Gespräch mit Gründerszene. Bei DrEd bekomme man deshalb nur Medikamente, mit denen man keinen Missbrauch betreiben könne. Also zum Beispiel keine Steroide, Schlafmittel oder Schmerzmittel. Antibiotika zählen augenscheinlich nicht dazu.

Ob ich mich im Fall einer echten Krankheit online behandeln lassen würde? Das kommt darauf an. Bei wiederkehrenden Krankheiten wie Lippenherpes, Heuschnupfen oder Migräne kann ich mir das gut vorstellen. Auch bei einer Geschlechtskrankheit wäre DrEd für mich eine Alternative. Beim Facharzt kriegt man meist nicht schneller einen Termin und DrEd versorgt offenbar schnell und unkompliziert mit Tabletten, die helfen können. Vorsichtig wäre ich bei Krankheiten, die lebensbedrohlich sein können, wie Asthma oder Bluthochdruck. Hier würde ich mir sicherlich mehrere Meinungen von Ärzten einholen, sei es offline oder online.

Bei einer Blasenentzündung würde ich allerdings lieber zum Hausarzt gehen als mich online behandeln zu lassen. Der Grund? Ich würde nicht 24 Stunden warten wollen, bis das Rezept endlich da ist. Wer schonmal so eine Krankheit hatte, die nicht zu den milden Versionen zählt, weiß warum.