Oscar-Gründer Mario Schlosser

Die eine Sache beschäftigte Mario Schlosser immer wieder, in New York konnte er in Sekunden über sein Smartphone 100 Pizzen kaufen. Doch einen Termin beim Arzt für sein Kind? Den bekam er nicht so einfach. Bei näherem Hinsehen erkannte Schlosser schnell ein überteuertes, verkrustetes Gesundheitssystem – einer westlichen Zivilisation unwürdig, befindet Schlosser.

Für den Deutschen und seine Mitgründer war diese Erkenntnis die Initialzündung für Oscar. Mit ihrem Startup wollten sie etwas nahezu Unmögliches schaffen: Eine eigene Versicherung aufbauen. Nicht irgendeine Plattform, die Patienten und Ärzte vernetzt, sondern eine richtige Versicherung. Allerdings mit dem gleichen Verständnis von User Experience, mit dem es die erfolgreichen Tech-Startups wie Snapchat oder Instagram nach oben geschafft haben. Per App oder Desktop lässt sich das gesamte Gesundheitsleben organisieren: Arzttermine, Medikamente, die Patientenakte.

Heute, drei Jahre nach dem Start, stecken etwa 730 Millionen US-Dollar Wagniskapital in dem Startup. Und es ist mit der Bewertung von etwa drei Milliarden US-Dollar in den Kreis der Einhörner aufgestiegen. Das Who’s Who der amerikanischen Tech-Szene glaubt an Oscar: Etwa Google oder der Founders Fund von Peter Thiel. Lakestar, der Fonds von Star-Investor Klaus Hommels, ist auch mit an Bord.

Schlosser ist kein Mediziner, er ist eher der Tech-Guy. Im hessischen Hochheim am Main geboren, fing er schon früh mit dem Programmieren an. Nach seinem Studium in Trier und Hannover verschlug es ihn nach Standford und Harvard. Er gründete mehrere Unternehmen, darunter ein erfolgreiches Spiele-Unternehmen. Dann folgt Oscar.

Im Gründerszene-Interview erzählt Mario Schlosser, was er mit seinem Insurtech-Startup vorhat.

Mario, das amerikanische Gesundheitssystem hat weltweit einen schlechten Ruf. Es gilt als viel zu bürokratisch, ineffizient und teuer. Wie lässt sich da ein Startup gründen?

Hier herrscht ein totales Chaos. Und da haben wir angesetzt: Es gibt bei uns beispielsweise in der App eine Taste, wenn Du die drückst, dann ruft innerhalb von zehn Minuten ein Arzt zurück. Der kann deine Krankendaten sehen und auch, welche Medikamente du gerade einnimmst. Wir als Versicherung übernehmen die Kosten für diesen Service gerne, weil wir wissen, dass so ein Dienst langfristig Geld einspart.

Wie konkret wird so Geld gespart?

Der Gedanke ist, dass unsere Ärzte und Krankenpfleger den Kontakt zu den Kunden nicht abreißen lassen. Viele Leute wissen nicht, was sie machen sollen, wenn sie zum Beispiel aus der Notaufnahme kommen. Ein Großteil vergisst den Follow-up-Termin mit dem Arzt – und das verursacht Kosten, weil der Patient dann nicht gesund wird. Unser Geschäftsmodell beruht darauf, die Abstimmung zu verbessern und Patienten anzuleiten.

Wie unterscheidet sich Oscar sonst von amerikanischen Versicherern?

Erst einmal bieten wir den gleichen Versicherungsschutz. Aber über unsere App und Website kann der Versicherte zum Beispiel eingeben: „Mein Magen tut weh“ oder „Ich bin traurig“, also seine Symptome in leicht verständlicher Sprache eingeben. Wir listen dann auf, was für eine Krankheit das sein könnte, welcher Arzt im Umkreis einen Termin frei hat und wie viel das kostet. Später zeigen wir in der App eine Apotheke in der Nähe an, bei der unser Kunde das Medikament abholen kann. Wir tracken außerdem in Echtzeit, wenn ein Versicherter gerade in der Notaufnahme war. Wenig später ruft einer unserer Mitarbeiter an und fragt: „Hey, alles klar bei Dir?“ Unser Ziel ist es, an Deiner Gesundheit dranzubleiben. Ich habe lange als Spiele-Designer gearbeitet und weiß deswegen, wie man Leute in der App dazu bringt, sich zu beteiligen.

Aber der Gang zu einem Arzt lässt sich noch nicht durch Technik ersetzen.

Bei leichteren Erkrankungen gibt es durchaus Wege. Bei einer Erkältung muss ich nicht immer zum Arzt fahren. Der Arzt macht die grundsätzliche Diagnose über das Telefon und schickt dann das Rezept elektronisch an die Apotheke um die Ecke.

In Deutschland gibt es immer wieder eine Diskussion darüber, ob Versicherungen gesundes Leben belohnen sollten – zum Beispiel mit einer Apple-Watch. Ihr setzt diesen Gedanken bereits radikal um.

Genau, wir haben jedem Versicherten einen Fitness-Tracker geschenkt. Wer eine bestimmte Anzahl an Schritten läuft, bekommt zum Beispiel einen Dollar pro Tag erstattet. Wir belohnen es, wenn Du Dich fit hältst. Die ersten deutschen Versicherer gehen jetzt ja auch erste Trippelschritte in diese Richtung.

Bild: Oscar

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