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Neues Duo zu Gast bei Gründerszene: Alstin-Chef Clemens von Bergmann (links) und Carsten Maschmeyer

Carsten Maschmeyer liebt es, Anekdoten zu erzählen. Zum Beispiel die Geschichte, wie er einem Gründer kürzlich ein Treffen mit Leonardo DiCaprio vermittelt hat. Gleich zweimal konnte sein Schützling den Schauspieler treffen.

Ein anderes Thema ist ihm dagegen eher lästig. Das Manager Magazin hatte kürzlich über Ärger bei seinem Startup-Fonds Alstin berichtet. Es hieß, Alstin-Chef Jörg Goschin habe zu wenige Investoren für einen neuen Fonds gefunden, anvisiert waren 100 Millionen Euro. Aus diesem Grund hätten sich ihre Wege getrennt. Seit einigen Monaten ist nun ein neuer Chef an Bord. Auch Gründerszene hatte Hinweise auf eine schlechte Stimmung bei Alstin bekommen. Was ist los im Maschmeyer-Unternehmen?

Der umstrittene Ex-Chef des Finanzdienstleisters AWD und Investor aus der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ stellt sich zusammen mit dem neuen Chef Clemens von Bergmann unseren Fragen.

Herr Maschmeyer, seit einigen Monaten leitet Clemens von Bergmann nun Alstin, der alte Chef Jörg Goschin ist zum Jahreswechsel ausgeschieden. Was ist der Grund für den Chefwechsel?

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Maschmeyer: Der Grund ist, dass die Zusammenarbeit mit Herrn Goschin von Anfang an eigentlich auf fünf Jahre angelegt war. Wir haben uns dementsprechend im Juni letzten Jahres verständigt, dass der Wechsel zum Jahresende erfolgen soll. Sein Nachfolger, Clemens von Bergmann, kam im Herbst von Check24 zu uns, unterschrieben hatte er schon im März des vergangenen Jahres. Es gab also einen harmonischen Übergang. Zudem ist Herr Goschin weiter beratend für uns tätig. Bei Orderbird sitzt er beispielsweise für uns noch im Aufsichtsrat. Auch das zeigt: Der Wechsel war langfristig geplant und ist im besten Einvernehmen geschehen. 

Es lag also nicht daran, dass Jörg Goschin beim Fundraising für den neuen Fonds keinen Erfolg hatte?

Maschmeyer: Nein, denn auch mit seinem Umgang zu Investoren war ich sehr zufrieden. Allerdings wissen Sie: Kein Fondsinitiator darf sich aus rechtlichen Gründen konkret zum Fundraising äußern. Aber meine generelle Meinung dazu ist folgende: Fundraising-Erfolge und lukrative Wertsteigerungen eines Fonds-Portfolios sind immer eine Team-Leistung. Misserfolge sollte sich derjenige zuschreiben, der das Gesicht nach außen ist. Und das wäre in diesem Falle ich.

Erst kürzlich gab es mit Mivenion eine weitere Insolvenz eines Alstin-Investments. Sind Sie denn mit der Performance des ersten Fonds zufrieden, den Jörg Goschin verantwortet hat?

Maschmeyer: Ja, es ist richtig, dass wir auch Lern-Erfahrungen mit unseren Investments gemacht haben, etwa Mivenion, in das wir aber glücklicherweise nur 1,3 Millionen investiert haben. Ich freue mich andererseits über unsere sehr erfolgreichen Investments, die stark wachsen und weitere große Finanzierungsrunden zu sehr hohen Bewertungen realisiert haben. Beispielsweise Blacklane, in das wir 7,2 Millionen Euro investiert haben und das auch Daimler als Investoren gewinnen konnten. Auch Orderbird zählt zu diesen Gewinnern. Mittlerweile ist Metro eingestiegen. Und die Bewertung hat sich seit unserem ersten Investment ver-18-facht. 

Herr von Bergmann, welche Erfahrungen für den neuen Job bringen Sie mit?

Von Bergmann: Ich war einer der ersten Mitarbeiter des High-Tech Gründerfonds – mit einer deutlich dreistelligen Zahl an Transaktionen von Erstfinanzierungen bis Exits habe ich diesen acht Jahre mit aufgebaut. Aber die operative Erfahrung fehlte mir. Ich bin dann als Geschäftsführer zu Check24 gewechselt und war in den letzten Jahren im Bereich Versicherungen tätig. Doch ich wollte immer wieder zurück zum Investment-Thema. Ich habe während meiner Zeit bei Check24 viele spannende Angebote bekommen. Letztlich haben mich bei Alstin das Team und der USP der operativen Sales-Unterstützung überzeugt. Der Mehrwert vieler Investoren jenseits von Kapital und Netzwerk ist sehr limitiert. Was Alstin hier für die Umsatzsteigerung der Startups tut, das kann kein anderer Investor.

Gibt es mit dem neuen Chef einen Kurswechsel?

Von Bergmann: Zwei Aspekte sind tatsächlich neu: Wir werden in Zukunft keine Healthcare-Investments mehr machen. Denn: Themen wie Wirkstoffforschung, Zulassung – das dauert zu lange und ist zu kostenintensiv. Unsere Expertise liegt im Bereich Internet. Und wir werden zukünftig noch stärker die Urkompetenz, die Erfahrung und das Netzwerk von Herrn Maschmeyer für den Bereich Insurtech und Fintech nutzen. 

Maschmeyer: Das ist bei mir eine Neuerung: Nachdem Swiss Life meine Firma AWD gekauft hatte, habe ich mir ein paar Jahre gesagt, wenn ich Insurtech mache, dann wirkt das so, als könne ich von diesem Thema nicht lassen. Tatsächlich habe ich die Firma vor zehn Jahren verkauft und was die Insurtech-Startups heute machen, hat nichts mit dem bisher üblichen Verkauf von Versicherungen zu tun. Wir sind überzeugt, dass die Versicherungen jetzt vor der Welle stehen, die Banken schon seit längerer Zeit spüren und sich nachhaltig wandeln werden. Meine Schamfrist, mich in diesem Bereich zu engagieren, ist vorbei und ich glaube, dass ich sowohl den Startups aber auch den Versicherungen helfen kann.

Gerade bemühen sich mehrere Startups um eine eigene Versicherungslizenz, bei anderen geht es vor allem um den Verkauf von Versicherungen. Gibt es einen speziellen Fokus für das Insurtech-Thema?

Maschmeyer: Der beste Fokus in diesem Fall ist es, keinen einengenden Fokus zu haben. Hätte jemand mit einem fokussierten Ansatz Facebook entdeckt? Ich bin überzeugt: Nein! Es kann beispielsweise um Lead-Generierung oder Schadensregulierung gehen. Der Vorteil der Modelle: Die Versicherungen sparen Geld und für die Kunden ist die Nutzung einfacher. Wir beobachten sehr genau, was in diesem Sektor in den USA passiert. Dort sind wir mittlerweile auch vertreten und haben auch schon erste Deals, etwa mit Peter Thiel gemacht.

Mit welchem Ziel geht es in die USA?

Maschmeyer: Wer in der Bay Area scoutet, scoutet global. Das Team wird jeden Accelerator durchkämmen, auf jeder Campusveranstaltung und in Stanford präsent sein, die Startups aus den Programmen von 500 Startups und Y Combinator auf mögliche Investitionschancen prüfen. Wir bilden uns nicht ein, dass wir bei jedem interessanten Deal reinkommen und mit den allergrößten der Branche konkurrieren. Aber manchmal wird es uns schon gelingen. Zusätzlich sehen wir, wo die Zukunftsmusik spielt, wir können Trends erkennen und die Erkenntnisse daraus auch für unsere Europainvestments nutzen.

Es geht also vor allem um Trendscouting?

Maschmeyer: Es geht darum, lohnende Investitionsziele zu erkennen – und sie wahrzunehmen. Dazu wird es zu Beginn ein kleines amerikanisches Team geben – zusätzlich ist dauerhaft im Wechsel mindestens ein Mitglied unseres deutschen Teams für zwei Wochen vor Ort. Das US-Team konzentriert sich aufs Scouting. Due Dilligence, Bewertungsfragen klären wir mit unserem internationalen Team. Die größte Kunst ist es, auf dem US-Markt das Target mit dem größten Wachstumspotential zu finden und früh zu einer noch günstigen Bewertung reinzukommen.

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Die deutsche Startup-Szene gilt weiterhin als unterfinanziert. Gibt es in Deutschland nicht genug gute Deals?

Maschmeyer: Ich lasse mich nicht von der Frage steuern, ob etwas unterfinanziert ist. Ich stehe nicht morgens auf und denke: Jetzt helfe ich denen mal nur des Helfens willens. Es ist ganz klar: Wir wollen Erfolg. Den Gründern und den an das Unternehmen glaubende Mitarbeiter, die nicht nur acht Stunden arbeiten, denen wollen wir helfen. Und wenn wir sagen, wir haben im Silicon Valley eine Firma entdeckt, wo es noch lohnender ist als in Berlin, dann steigen wir dort ein.

In den USA sind Sie eher unbekannt. Haben Sie denn schon Deals in den USA gemacht?

Maschmeyer: In das Startup 8i haben wir etwa investiert, zusammen mit Peter Thiel, Bertelsmann, Warner Brothers und Baidu Ventures. Das ist Virtual Reality auf höchstem Niveau: Sie erzeugen Hologramme. Ich war selbst mehrfach vor Ort und habe mir alles genauestens angeschaut. Bei Quobyte sind wir zusammen mit Samsung eingestiegen. Die werden im Herbst eine nächste Finanzierungsrunde machen. Die Bewertung könnte locker bei mehr als dem fünffachen liegen. In Scorp, der schnellwachsenden Social-Video-App, haben wir auch investiert. Wir sind im Moment sehr aktiv, sind aber nicht darauf aus, dass es jedes Mal eine Meldung über eine neue Beteiligung geben muss.

Bild: Georg Räth/Gründerszene