Eigentlich arbeiten die Gründerinnen Laura Pohl und Anne Krüger in der Berliner Blogfabrik. Für das Interview trafen wir sie in ihrem Lieblings-Café „Ora“.

In meinem Freundeskreis ist Fernsehen out, eine große Glotze im Wohnzimmer gilt als prollig. Dafür ist Netflix für viele genial, Youtube manchmal auch ganz lustig. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben es wirklich nicht leicht, wenn meine Freunde der deutsche Durchschnitt sind. Je jünger und smarter Menschen sind, desto lieber behaupten sie auf Partys, dass sie nie Fernsehen gucken. Häufige Ausnahme: Der „Tatort“ am Sonntagabend.

Eigentlich schade. Die öffentlich-rechtlichen Sender – manchmal sogar die Privatsender – produzieren durchaus sehenswerte Sendungen. Um diese zu finden, braucht es allerdings Zeit. Ich habe schon Stunden mit der Suche zugebracht.

Die Gründerinnen Anne Krüger (29) und Laura Pohl (30) könnten meine Rettung sein. Ihr Konzept: Sie suchen sehenswerte Dokus und Filme aus den Mediatheken heraus und präsentieren die Fundstücke ihren Lesern auf dem Blog „Mediasteak“. Die Zielgruppe ist 18 bis 35 Jahre alt. Seit knapp drei Jahren gibt es ihre Seite mittlerweile, die schon für zwei bekannte Medienpreise – Grimme Award und die LeadAwards – nominiert war. Eingeteilt in „Politik“, „Drogen“ oder „Sex & Liebe“ finden Besucher hier Dokus von Arte, ZDF, ARD, Vice, BBC aber auch anderen Seiten. Im Monat erreiche Mediensteak 120.000 Menschen, sagen die Gründerinnen.

Doch wie verdienen die beiden überhaupt Geld? Und was macht eine gute Doku aus? Um diese und weitere Fragen zu stellen, traf ich die Freundinnen auf einen Kaffee in Berlin-Kreuzberg.

Ihr erspart Doku-Fans eine Menge Arbeit. Wie seid ihr auf die Idee für Mediasteak gekommen?

Anne: Ich bin mit dem Programm der öffentlich-rechtlichen Sendern aufgewachsen. Bei mir zuhause war es total verpönt, Privatfernsehen zu gucken. In meinem Studium an der Universität der Künste in Berlin habe ich dann meinen Kommilitonen ständig Filme und Dokumentationen aus den Mediatheken empfohlen. Auf einer Uni-Feier fragte schließlich ein Freund, warum ich nicht einen Blog mit meinen Tipps machen will.

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Dabei zeigen Statistiken, dass Menschen in unserem Alter nicht mehr fern gucken. Das Durchschnittsalter der ARD-Zuschauer liegt beispielsweise bei 61 Jahren.

Anne: Ich liebe aber Fernsehen! Es ist so toll, was dort kommt. Es ist ja total im Trend zu sagen: „Ich habe keinen Fernseher mehr“ und sich über die Rundfunkgebühren aufzuregen. Aber eigentlich gibt es viel Gutes in den Mediatheken. Deswegen habe ich schließlich Mediasteak als Abschlussarbeit in der Uni entwickelt.

Wieso „Mediasteak“?

Anne: Das ist ein Wortspiel. Die Mediathek ist quasi das Tier, an dem alles dran ist. Und bei uns gibt es deswegen nur das Feinste, eben nur das Steak. Und die ganze Schwarte und der Speck kommen weg.

Wie muss man sich Euren Arbeitsalltag vorstellen?

Laura: Anfangs haben wir uns jeden Abend nach der Uni hingesetzt und den Blog mit Inhalten gefüllt. Die positiven Reaktionen, die wir bekamen, haben uns motiviert, immer weiter zu machen. Vergangenes Jahr haben wir dann eine Förderung von der MIZ-Babelsberg bekommen. Daraufhin haben wir unsere Jobs, die wir nach der Uni angenommen hatten, wieder gekündigt. Seitdem arbeiten wir Vollzeit für Mediasteak.

Wie viele Stunden verbringt ihr damit, Mediatheken nach guten Dokumentationen und Filmen zu durchforsten?

Anne: Das ist mit den Jahren immer weniger geworden. Ich gucke häufig nebenbei, beispielsweise beim Zähneputzen.

Laura: Eine Stunde pro Tag schätzungsweise. Mittlerweile sind wir geübt. Wir merken schon in den ersten fünf Minuten, ob uns eine Dokumentation gefällt oder nicht.

Woran merkt ihr, dass eine Dokumentation nicht gut genug ist?

Laura: Beispielsweise ist die Synchronisation schlecht oder der Schnitt zu schnell. Es gibt wirklich Dokumentationen, die sehr interessant klingen, aber dann einfach nicht gut umgesetzt sind.

Anne: Häufig erzählt der Sprecher noch mal, was im Bild passiert – das ist schlimm! Diese Woche habe ich eine Dokumentation über einen Rechtsextremen, der aus der Szene ausgestiegen ist und jetzt Jugendliche aufklärt, empfohlen. Die Doku ist toll, aber die Musik einfach schrecklich, viel zu dramatisch. Das habe ich dann in meinen Text zu der Empfehlung erwähnt.

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Die öffentlich-rechtlichen Sender lassen ihre Sendungen häufig nur für wenige Tage in der Mediathek, bei Arte beispielsweise sind es immer nur sieben Tage. Müsst ihr das manuell kontrollieren oder ist das automatisiert?

Anne: Wir haben jetzt neuerdings ein System, dass das automatisch kontrolliert. Vorher haben wir das tatsächlich selbst gemacht (lacht). Das war ziemlich anstrengend.

Es gibt mehrere Seiten, die das Beste aus Mediatheken vorstellen. Was unterscheidet Euch von den Wettbewerbern?

Anne: Uns zeichnet aus, dass wir wirklich alles gucken – von vorne bis hinten. Gefällt uns die Doku oder der Film, empfehlen wir sie unseren Nutzern. Auch bei den Texten orientieren wir uns nicht an den Pressetexten, sondern bringen unsere eigene Bewertung ein – die Seite ist damit deutlich persönlicher.

Auf eurer Seite sieht man keine Werbung. Verdient ihr überhaupt Geld?

Anne: Durch das Stipendium des MIZ, das uns ermöglicht, eine Mediasteak-App für Apple TV zu entwickeln, haben wir derzeit den Luxus, Vollzeit für Mediasteak zu arbeiten. Außerdem verdienen wir mit Kooperationen, beispielsweise mit dem Spiegel-Magazin Bento oder Advertorials über Kinofilme Geld.

Eure Förderung läuft bald aus. Was dann?

Laura: Wir bemühen uns gerade, die Kooperationen auszubauen. Wenn das klappt, können wir das weiter hauptberuflich machen. Ansonsten müssen wir uns einen Nebenjob suchen.

Eigentlich tut ihr den öffentlich-rechtlichen Sendern einen großen Gefallen, weil ihr für die Produktionen Werbung macht. Wieso gibt es da keine Kooperation, die Euch Geld einbringt?

Anne: Wir haben mittlerweile einen guten Draht zu den Sendern und bekommen manchmal auch Tipps von denen. Aber eine Kooperationen, mit der wir wirklich Geld verdienen – beispielsweise in Form von bezahlten Vorschauen auf unserer Seite – ist bisher nicht zustande gekommen. Hoffentlich kommt das noch.

Danke für das Interview!

Bild: Hannah Loeffler / Gründerszene