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Es ist Wahlkampfjahr. Das merkt man der Kanzlerin an. Als sie bei der ReDI School for Digital Integration ankommt, ist sie sichtlich müde. Ihr Zeitplan ist knallhart durchgetaktet und dann ist da ja noch eine Republik, die geführt werden will. Dennoch: Der Besuch bei der Non-Profit-Organisation am Berliner Nordbahnhof ist eine gute Gelegenheit für sie, das Thema Flüchtlinge auf freundlichem Terrain anzusprechen.

Rückendeckung hat sie auch. Und zwar vom Stahl-Gigant Klöckner, der ReDI unterstützt und dessen CEO Gilbert Rühl zwar mit von der Partie ist, sich aber angenehm im Hintergrund hält. Ein Erfolgsbeispiel stellt er dennoch gleich im Grußwort vor: Rami Rihawi, einen Absolventen des ersten ReDI-Jahrgangs, hat er eingestellt. Rihawi ist aus Syrien geflüchtet und hat hier Programmieren gelernt. Auf der Bühne mit der Kanzlerin fühlt er sich sichtlich wohl. Schöne Grüße von den Eltern aus Aleppo solle er ausrichten. „Grüßen Sie zurück!“

Was die Kanzlerin Tech-affinen Flüchtlingen zu sagen hat

Langsam wird die Kanzlerin etwas munterer. Was denn sein Lieblingswort im Deutschen sei, fragt sie. Fuchsteufelswild. „Damit kann man ja schon was anfangen“, schmunzelt Merkel. Und sie scheint ihr Thema gefunden zu haben. Denn als es weitergeht zum Panel mit weiteren ReDI-Schülern antwortet sie auf den Moderator, der eigentlich auf Englisch weitermachen wollte, nur mit einem strengen „Mmhmm, okay. Aber eigentlich… .“ Deutsch ist ab dann gesetzt und das schaffen auch alle ganz passabel. Wenn’s gar nicht geht, erlaubt Merkel auch ein paar Sätze auf Englisch. „Aber jetzt bitte wieder auf Deutsch“, die Kanzlerin bleibt streng. „Wenn er hier erfolgreich werden will, geht das mit Deutsch besser.“

Als Merkel fragt, was den Flüchtlingen besonders schwer falle bei der Ankunft hier in Deutschland, hat ein Syrer gleich eine Antwort parat – und sogar eine Lösung. Munzer Khatab hat mit anderen die App Bureaucrazy gestartet, mit der er unklaren Zuständigkeiten, unverständlichen Formularen und übermäßigem Beamtendeutsch ein Ende bereiten will. Das goutiert die Kanzlerin, die Problematik ist ihr ganz offensichtlich nicht fremd.

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Wieder zurück zum Tagesthema. Ob die Uni-Qualifikation in der deutschen Sprache gut geregelt sei, will die Kanzlerin wissen. Prinzipiell ja, aber ganz ohne private Angebote gehe es nicht, antwortet Louna Al Bondakji in recht sicherem Deutsch. Im ersten ReDI-Jahrgang saß sie als einzige Frau 40 Männern gegenüber, mittlerweile studiert sie Architektur an der TU Berlin. Sie sagt, sie fühle sich wohl an der Uni.

Es kristallisiert sich das eigentliche Thema heraus. Es geht um die Blase, in der Flüchtlinge immer noch zu sehr leben und aus der sie heraus müssen. Sprache ist da sicherlich ein wichtiges Element. Gleiches gilt auch für Computersprachen. Diejenige, die man in einem Land der Welt gelernt hat, funktioniert auch in jedem anderen. Und so kann das technische ABC und vielleicht mehr noch zur Überwindung von kulturellen Grenzen tun als es Deutsch oder Englisch können. Und es ist in gewisser Weise auch eine Sprache, die auch die Kanzlerin versteht, sie ist jetzt sichtlich in ihrem Element. „Ich bin ja promovierte Naturwissenschaftlerin.“ Schon in der DDR, im Sozialismus, habe sie immer gesagt: Zwei Mal zwei ist vier, da könne keine Ideologie etwas dran ändern.

Bilder: Alex Hofmann / Gründerszene