Merkel und Startups

„Müssen wir nicht viel verrückter und mit mehr Spaß an die Sache herangehen?“, fragt Kommunikationsberater Sachar Klein. Die Kanzlerin bleibt cool.

Es ist ein herrlicher Frühlingsabend in Berlin. Die Sonne scheint in das Arbeitszimmer von CDU-Generalsekretär Peter Tauber und der hat so richtig Lust, sich gleich mit Startups über die Digitalisierung zu unterhalten. Das Wissen über das Internet hat Tauber in seiner Partei groß gemacht: „Sonst wäre ich der Kanzlerin gar nicht aufgefallen, als ich vor ein paar Jahren angefangen habe.“ Ja, Startups sind ein Gewinner-Thema. Es geht um Digitales, um junge Leute, die etwas vorhaben in ihrem Leben, und um erfolgreiche Wirtschaft. Sogar die Kanzlerin persönlich lässt sich etwas später für eine Stunde blicken.

Anzeige
Aber wie wird die digitale Wirtschaft und unser Land im Jahr 2025 aussehen? Gar nicht so einfach zu beantworten, die Frage. Also hat Tauber einfach mal ganz locker Vertreter von Startups ins Konrad-Adenenauer-Haus in Berlin-Tiergarten eingeladen. Die setzen sich schließlich jeden Tag mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Netzes auseinander. Drei Minuten hat jeder Sprecher Zeit, seine Vorschläge und Gedanken zu einer digitalen Politik zu pitchen. Einer Politik, die uns fit macht für die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft. Tauber: „Ich bin sehr gespannt.“

Was wollen Startups von der Politik?

Den Anfang macht Joana Breidenbach von Betterplace.org. Sie regt eine Einrichtung an, die „Die Digitaldienstleister“ heißen und Verwaltung und Behörden in digitalem Know-how auf die Sprünge helfen soll. Die Digitalisierung habe laut Breidenbach das Potential, die Lebensqualität der Menschen dramatisch zu verbessern. Dieses Potential müsse gehoben werden.

Doch beim Thema Geschwindigkeit hat Peter Tauber so seine Probleme. Man dürfe die Menschen nicht abhängen, sondern müsse sich bemühen, sie auf dem Weg in eine neue, digitale Gesellschaft mitzunehmen. Immerhin will er, dass seine Chefin im Herbst erneut als Bundeskanzlerin gewählt wird. Da kann man sich es nicht leisten, den Wählern mit der Digitalisierung vor den Kopf zu schlagen.

Peter Smits alias PietSmiet ist Youtuber. Er beschwert sich in seinem Pitch über Regulierungen, die ihm das Leben schwer machen. Rundfunklizenz? Warum? Man dürfe nicht den Zugang zu digitalen Medien beschränken.

Mark Ralea von Glossybox betont, wie wichtig eine Fehlerkultur sei, die es jungen Leuten erlaube, auch mal einen falschen Weg einzuschlagen. Und wie viele Kollegen nach ihm betont er die Wichtigkeit der Bildung und Vermittlung einer lebendigen Gründerkultur an den Schulen.

Zimmermann

Lars Zimmermann spricht. Die Kanzlerin lauscht andächtig.

Lars Zimmermann ist Senior Advisor bei Egon Zehnder, CEO von Hy! und CDU-Mitglied. Er legte in seinem Pitch den Fokus auf Technologie. Am Ende, sagt er, sei Digitalisierung nichts anderes als der Einsatz von digitaler Technologie. Die Deutschen müssten sich viel intensiver mit Themen wie künstlicher Intelligenz und Robotik beschäftigen.

Franziska von Hardenberg, Gründerin von Bloomy Days, ist die Digitalisierung offenbar auch eine Spur unheimlich: „Wir müssen aber auch an die Eltern denken. Wieviel Konsum von digitalen Inhalten ist gut für mein Kind, wann ist es schädlich. In Korea gibt es schon die ersten Todefälle durch Spielsucht, ein Gesetz wurde erlassen, was das Spielen von Computerspielen nach 24 Uhr verbietet.“ Und weiter: „Vielleicht brauchen wir eine Art Führerschein für digitale Inhalte, vielleicht eine Art Webinar.“ Besonders wichtig war ihr zu betonen, dass Frauen im Berufsleben immer noch nicht die gleichen Chancen haben wie Männer.

Franzi & Merkel

Franziska von Hardenberg pitcht ihre Ideen.

Tom Kirschbaum von Door2Door fordert, dass Deutschland zu einem Erlebnispark für Innovationen werden müsse: „Wir müssen einen anderen Anspruch entwickeln! Aber die Rahmenbedingungen lassen das nicht zu.“ Es reiche laut Kirschbaum nicht aus, immer nur den Status Quo zu verbessern, wenn es zu einem Umbruch kommt.

Auch Johannes Reck, Mitgründer und CEO von GetYourGuide, fordert eine Stanford-Universität für Deutschland. Außerdem fehle in Deutschland die nötige Kapitalausstattung. Ganz Europa brächte es nur auf ein Fünftel der Mittel, die in den USA als Risikokapital in Startups fließen.

Finn Hänsel, Geschäftsführer von Movinga, bemängelt das fehlende digitale Denken in deutschen Firmen. Man gönne sich in vielen Fällen einen CDO, der sich dann um Digitales kümmern soll, aber das reiche nicht aus. Schon Schülern müsse beigebracht werden, welche Technik im Smartphone steckt.

Auch Anna Alex von Outfittery hofft auf bessere Bildung und Lehrerausbildung. Sie macht sich aber auch Sorgen über fehlende Regeln im digitalen Bereich und fordert eine Kommission, die sich über ethische Fragen Gedanken macht. Maxim Nohroudi von Ally sagt mit Blick auf die Kanzlerin, dass der Staat auch ruhig mal als Kunde von Startups auftreten dürfe. Dann würde die Transformation der deutschen Industrie ins Digitalzeitalter vielleicht etwas besser funktionieren.

Anzeige

Es folgt der Auftritt der Kanzlerin

Die Kanzlerin hörte sich das alles sehr interessiert an. Man spürt, dass sie sich für das Thema interessiert und es ihr Spaß macht. Auch zwischen den Leuten aus der Startup-Szene fühlt sie sich wohl. Nicht nur, weil die meisten von ihnen CDU-nah sind an diesem Abend. Sie hat sich vorgenommen, die Verwaltung und Behörden in Deutschland zu digitalisieren, obwohl sie weiß, wie schwer das bei den föderalen Strukturen unsres Landes wird, weil jedes Land seine eigenen Regeln macht. Gespräche mit Ländern und Kommunen über ein Bürgerportal seien bereits geplant.

Das Portal wurde bereits im Oktober vergangenen Jahres beschlossen. Alle Verwaltungsleistungen von Bund, Ländern und Kommunen sollen über einen einheitlichen Portalverbund abgerufen werden können, Bürokratie abgebaut werden. Dazu ist sogar eine Grundgesetzänderung nötig. Aber Merkel weiß, wie wichtig so ein Signal wäre. Denn wenn der Staat nicht vorangeht in Sachen Digitalisierung, warum sollen seine Bürger das Thema ernst nehmen?

„Man muss den Leuten doch die Option lassen“

Die Kanzlerin betonte aber gleichzeitig, dass es fraglich sei, ob Rahmenbedingungen und Regulierungen das richtige Mittel seien, um die digitale Entwicklung zu befördern. Merkel: „Manchmal muss man die Dinge vielleicht einfach laufen lassen.“ Damit ist sie in ihrer Denkweise deutlich mutiger als einige der eingeladenen, braven Startup-Vertreter: „Wir müssen sehr viel größer denken!“

Merkel kann das. Dabei muss sie nur auf ihre Wähler Rücksicht nehmen, die ihr am Ende zur nächsten Amtszeit als Bundeskanzlerin verhelfen sollen und die sie deshalb mit gewagten öffentlichen Aussagen zur Digitalisierung lieber verschont. Merkel: „Man muss den Leuten doch die Optionen lassen. Ich habe immer etwas Bargeld in der Tasche.“ Falls mal etwas mit der elektronischen Datenübermittlung im Kreditkartensystem ausfallen sollte. Sicher ist sicher. 

Bilder: Frank Schmiechen / Gründerszene