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Gründer Ronnie Vuine trainiert den Roboter

Ein Radiergummi aufzuheben und 30 Zentimeter weiter wieder abzulegen, ist gar nicht so einfach. Zumindest für einen Roboter-Arm mit sechs Gelenken. Ronnie Vuine schiebt und zieht an dem Arm herum, mit einiger Kraft kann er den Roboter-Arm führen. Der Computer daneben zeichnet die Bewegung auf. Der Arm legt den Gegenstand langsam ab, geschafft.

Beim nächsten Versuch greift der Roboter bereits selbstständig nach dem Radiergummi, genau wie Vuine es ihm vorgemacht hat. Die Maschine hat gelernt.

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Was wie eine etwas unbeholfene Bewegung aussieht, birgt ein großes Potential, das in den kommenden Jahren die deutsche Wirtschaft grundlegend verändern könnte: selbstlernende Maschinen. Ronnie Vuine arbeitet mit seinem Startup Micropsi Industries an einer Software, die Roboter schnell lernfähig machen soll.

Mithilfe der Daten, die ihre Sensoren einsammeln, sind Roboter beispielsweise in der Lage, ihre Umgebung zu erkennen und zu reagieren, wenn Unvorhersehbares passiert. Sie können außerdem Bewegungen von Menschen nachahmen. Schon in ein paar Jahren könnten so Menschen und Roboter Seite an Seite arbeiten.

Bislang sind beide Welten – Mensch und Maschine – noch weitgehend getrennt. „Die Roboter sind hinter Gittern eingesperrt“, sagt Gründer Vuine. In der Autoindustrie lackieren und schweißen sie beispielsweise Fahrzeuge, im Innenraum montieren Menschen die Einrichtung, ein Zusammenspiel ist nicht möglich. „Die Industrie-Roboter werden eingestellt und jemand programmiert ihnen bestimmte Befehle für genau eine Bewegung“, erklärt Vuine. Kommen sich die Roboter-Arme und der Mensch in die Quere kommen, gibt es schon mal Verletzte. Vor einigen Jahren starb ein Facharbeiter von Volkswagen durch einen Roboter.

„Wir machen die uncoolen Sachen – dort sitzt das Geld“

Sogenannte Cobots, ein Kunstwort aus „collaborative“ und „robots“, sollen in Zukunft Menschen und Maschinen zusammenbringen. Der Roboter übernimmt zum Beispiel die grobe Arbeit – und der Mensch macht die letzten feinen Handgriffe und überwacht die Fertigung. Für die Automobilbranche, aber auch für Maschinenbau- oder Elektroindustrie wäre dies ein großer Schritt.

Roboterhersteller wie Kuka arbeiten bereits an Cobots. Das Berliner Startup Micropsi Industries will die neuen Roboter mithilfe von Künstlicher Intelligenz mit Software ausstatten. „Die Maschine muss 20 bis 40 Befehle pro Sekunde verarbeiten, das lässt sich nicht mehr mit der bisherigen Technik programmieren“, sagt Vuine. Sonst kann sie nicht auf neue Situationen reagieren. Er und sein Team haben über Jahre zu dem Thema Künstliche Intelligenz geforscht, Vuines ehemaliger Professor Joscha Bach ist auch als Mitgründer am Unternehmen beteiligt.

Bereits an der Universität überlegten sie, wofür sich die neue Technik einsetzen ließe, etwa im E-Commerce oder der Werbung. Doch sie verwarfen die ersten Ideen – und kamen auf einen Markt, der sehr viel größer ist und für den Deutschland bekannt ist: die fertigende Industrie. „Wir haben dann den Entschluss gefasst, die uncoolen Sachen zu machen, dafür ist dort viel Geld im Spiel“, sagt Vuine und lacht.

Mit ersten bekannten Unternehmen wie einem großen Autobauer arbeiten sie nach eigenen Angaben bereits zusammen, um zu schauen, ob sich die Technologie in der Fertigung anwenden lässt. Im kommenden Jahr soll ihre Software dann tatsächlich zum Einsatz kommen.

Drei Millionen Euro für den nächsten Entwicklungsschritt

Für diese Entwicklung hat das Unternehmen nun eine Finanzierung erhalten. Insgesamt drei Millionen Euro fließen in der Seed-Finanzierung in Micropsi Industries. Vito Ventures, Coparion und die Altinvestoren Asgard Capital von Fabian Westerheide und mehrere Business Angel beteiligen sich, wie Gründerszene erfuhr.

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Micropsi Industries passt nicht in das übliche VC-Investment-Schema. „Uns ist klar, dass wir nicht die selben Kennzahlen wie beispielsweise im Bereich SaaS heranziehen können“, sagt der Investor Benedikt Herles von Vito Ventures. Zeit und viel Kapital sind nötig. Doch dafür sei das Potential in einer Industrie-Nation wie Deutschland riesig. „Nur wenige Teams weltweit haben dieses Wissen“, sagt er.

Gründer Vuine, der inzwischen ein Team von sieben Leuten anführt, war sich zum Start gar nicht sicher, ob sich für sein Vorhaben in Deutschland überhaupt Investoren-Geld auftreiben lassen würde. „Viele der Investoren verstehen die Technik hinter unserem Produkt einfach gar nicht“, sagt Vuine.

Dabei ist ihre Software für Roboter nur der erste Schritt. „Mithilfe der Künstlichen Intelligenz wollen wir irgendwann Roboter-Persönlichkeiten schaffen“, sagt Vuine. Das wird noch einige Jahre dauern – doch dann wird es Roboter mit Emotionen geben, da ist sich der Gründer sicher.

Bild: Caspar Schlenk/Gründerszene; Facebook: NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von mightyohm