Mobileye-Gründer Amnon Shashua

15 Milliarden US-Dollar. So viel Geld hat der Chiphersteller Intel im Frühjahr auf den Tisch gelegt, um das israelische Startup Mobileye zu kaufen. Die Firma entwickelt Sensoren und Systeme für Fahrassistenz und gilt als Vorreiter auf dem Gebiet des autonomen Fahrens. Der Exit – der bisher größte in der Geschichte Israels – sorgte weltweit für Aufsehen. Was weniger bekannt ist: Das Mobileye-Team steckt auch hinter dem Startup Orcam aus Jerusalem, das eine Hightech-Sehhilfe entwickelt.

Einer der Mobileye- und Orcam-Gründer ist Amnon Shashua. Der Professor lehrte an der Hebrew University of Jerusalem, bis er die Hochschule kürzlich wegen eines Streits um die Lizenzsgebühren von Mobileye verließ. Angeregt durch die Sehschwäche seiner Tante hat Shashua einen Brillenaufsatz mit kleiner Kamera entwickelt, die Orcam. Von dieser können sich Sehbeeinträchtigte Texte vorlesen lassen – auf Deutsch, Hebräisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, und bald auch in Chinesisch und Arabisch.

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Das funktioniert so: Tippt der Nutzer auf einen Text vor sich, schießt die Kamera mit einem lauten Klick ein Foto, schickt den abfotografierten Text durch eine Texterkennungssoftware und lässt ihn anschließend von einer Lautsprecherstimme vorlesen. Das klappt auch, bis auf wenige kleine Schwächen, ganz gut, wie ein Test durch Gründerszene zeigt. Schwierigkeiten hatte die Kamera beispielsweise beim Entziffern von „iPhone“, hier verschluckte sie das „i“ und entzifferte außerdem die Abkürzung “Min.“ als „mindestens“ anstatt als „Minuten“, wie es der Kontext vorgab.

Nächstes Jahr plant Orcam den Börsengang

Eine andere Funktion der Brille: Sie kann Menschen erkennen und zuordnen. Dazu wird eine Person einmalig mit einem Abstand von etwa einem Meter fotografiert, anschließend wird der Name zugeordnet. Tritt sie ein zweites Mal vor die Kamera, meldet sich die Lautsprecherstimme an der Brille mit dem zugehörigen Namen. Mit dem Internet ist die Brille nicht verbunden, eine Gesichtserkennung via Facebook und Co. ist deshalb nicht möglich.

In Deutschland ist die Orcam seit rund einem Jahr erhältlich, mehrere Hundert Geräte hat die Firma nach eigenen Angaben bisher verkauft. Weltweit sollen es mehrere Tausend Stück sein. Ganz günstig ist das Gerät, das neben dem Brillenaufsaufsatz aus einer Basis für die Steuerung sowie einem Ladegerät besteht, allerdings nicht. Knapp 4.000 Euro kostet es in Deutschland. Andere tragbare Lesegeräte mit Sprachausgabe sind für weniger als ein Drittel des Preises zu haben, allerdings auch wesentlich sperriger.

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Mit einem Tippen auf den Text wird die Spracherkennung aktiviert

In Israel erhalten Blinde beim Kauf der Orcam laut Unternehmensangaben einen Zuschuss von umgerechnet gut 1.000 Euro. Hierzulande müssen die Käufer die Kosten derweil überwiegend selbst tragen, ein Zulassungsverfahren bei den Krankenkassen laufe noch, heißt es.

Anders als bei Mobileyes Technik für das autonome Fahren ist der Markt aber eher klein: 1,2 Millionen Menschen sind hierzulande sehbehindert oder blind, schätzt die UN-Gesundheitsbehörde WHO.

Bei den Investoren kommt Orcam dennoch gut an: Bei der letzten Finanzierungsrunde konnte die Firma 41 Millionen US-Dollar einsammeln, einer der Hauptinvestoren ist Intel. Der Unternehmenswert wird aktuell auf 600 Millionen US-Dollar geschätzt, für das kommende Jahr ist der Börsengang geplant. Er wird wohl eine Nummer kleiner ausfallen als bei Mobileye.

Bilder: OrCam