Im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahren waren dieses Jahr die Softwarehersteller die Stars und nicht die bekannten Telefonhersteller oder Netzbetreiber. Nokia buchte sich gar eine Veranstaltungshalle außerhalb der Messe und stellte zum Erstaunen vieler kein neues Smartphone vor. Unter den Softwareherstellern schaffte es erneut der Gigant Google die versammelte Fachwelt zum Staunen zu bringen. Eric Schmidt, CEO von Google, verkündete für sein Unternehmen in einem mitreißenden Vortrag die Devise „Mobile First“. Das offene google-Betriebssystem für Handys „Android“, die teuer akquirierte mobile Werbemaschine Admob sowie die neue Sprach- und Bilderkennung von Google sollen sich schnellstmöglich am Markt als Standards etablieren. Bereits jetzt würden täglich 60.000 Android-Geräte verkauft, was einer Verdopplung im letzten Quartal entspricht. Die durch Google demonstrierte Spracherkennung gepaart mit dem Übersetzungsdienst von Google verleiteten Schmidt zu der Vision, dass Google in wenigen Jahren ein automatisierter Dolmetscher für den Echtzeitdialog zweier Menschen mit unterschiedlichen Sprachen sein könnte.

Die schier unendliche Rechenpower des Google-Grid bzw. der Internet-Cloud wird es möglich machen. Auch in Barcelona verschenkte Google hunderte kostenloser Nexus-Geräte an Entwickler. Die Branche hat erkannt, dass Programmierer als Schöpfer von mobilen Softwareapplikationen, kurz Apps genannt, eine der wichtigsten und knappsten Ressourcen entlang der mobilen Wertschöpfungskette sind. In Barcelona wurden neue Allianzen verkündet und der berechtigte Ruf nach einheitlichen Standards, einer OpenAPI, wurde lauter, um den Entwicklern das Leben einfacher zu machen.

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Der Hype um native Applikationen wird sich jedoch schon bald legen und Millioneninvestitionen in die App-Economy werden verpuffen. Denn am Horizont leuchten bereits altbekannte Browsertechnologien, wie Flash oder Javascript, die schon in diesem Jahr leistungsfähige Software im Handybrowser möglich machen werden. So kündigte Eric Schmidt auch für Android die Unterstützung der vollständigen Flashversion 10.1. an und Adobe präsentierte an seinem Messestand in Barcelona neben Flash die Möglichkeiten von Adobe Air, das mit Beginn der zweiten Jahreshälfte 2010 für Softwareentwickler bereitstehen soll. Auch Opera demonstrierte, welche Einsatzmöglichkeiten es bereits für HTML 5 und CSS zum Beispiel im Rahmen von Video-Applikationen gibt.

Das Internet mit seinen Technologien ist nicht zu stoppen. Große Angst haben die Netzbetreiber auch vor Software-Anwendungen, die den Endkunden eine direkte Kommunikation per Web-Chat oder Voice-over-IP ermöglichen. Laut einer aktuellen Studie von TeleGeography Research, soll der Peer-to-Peer-Dienst Skype in 2009 bereits 12 Prozent aller weltweiten Sprachminuten transportiert haben. Dies entspräche einem Umsatzverlust für die Netzbetreiber von rund 13 Milliarden US-Dollar. Die Reaktion vieler Netzbetreiber war die Endmündigung des Endkunden, dem es schlichtweg untersagt oder technisch unmöglich gemacht wurde Skype zu nutzen. Vodafone oder die Telekom haben gar angefangen kostenpflichtige Extra-Pakete für VoIP-Gespräche zu verkaufen. Laut Skype sei der eigene Dienst für Netzbetreiber jedoch ein Akquisitionstool, das Nutzer an das mobile Internet heranführt und den Abverkauf teurerer Internetpakete ermöglicht. So verkündeten Skype und der US-Anbieter Verizon Wireless gemeinsam eine Skype-Version für die 91 Millionen Kunden entwickelt zu haben, die für die Smartphones und die Sprachnetze von Verizon optimiert sei. Kostenfreie VoIP-Calls über offene WiFi-Hotspots sind so nicht möglich.

Doch nicht nur bei Internettelefonaten, der Videonutzung, App-Stores und nativen vs. browserbasierten Technologien ist die Branche in einem starken Umbruch und auf der Suche nach sich selbst. Auch der Wettbewerb bei mobilen Betriebssystemen wird härter. Das neue Linux-basierte MeeGo von Nokia und Intel, sowie das neue Phone 7 von Microsoft treten gegen Android von Google und Apple im Smartphone-Segment an. Smartphones werden allgemeinhin als der Heilsbringer der Branche betrachtet und der derzeit noch niedrige Marktanteil von Smartphones soll sich samt der an sie geknüpften verstärkten Internetnutzung in den nächsten Jahren rasant nach oben entwickeln. LTE bzw. 4G sollen diese riesige Datenlast bewältigen. Einige Experten sprachen in Barcelona bzgl. der verfügbaren Bandbreiten jedoch bereits von einer Wand auf die sich die Mobilfunkbranche rasant zubewegt. Den Netzbetreibern scheint bei dieser Entwicklung eine immer bemitleidenswertere Rolle zuteil werden – von Betreibern dummer Datenleitungen ist die Rede.

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Spannend wird auch der Spagat, den globale Firmen wie Nokia und Co schaffen müssen, zwischen der ersten Welt mit ihren Smartphones und ausgabewütigen Besserverdienern sowie der dritten Welt mit ihren rudimentären Informationsbedürfnissen oder Micro-Payment-Anforderungen. Indien und China sind bereits jetzt die größten mobilen Massenmärkte, in denen die Landbevölkerung wie im Falle der indischen Airtel sogar über strategische Allianzen mit Düngemittelherstellern an mobile Produkte herangeführt wird. Alles wird mobil. Soviel wurde in Barcelona deutlich. Doch weltweit praktikable Geschäftsmodelle für Netzbetreiber oder einheitliche technologische Standards für Entwickler werden noch einige Zeit auf sich warten lassen. Wenigsten werden die Endkunden weiterhin aus einem breiten mobilen Angebot wählen können und diese Freiheit wird die Innovationen und Umwälzungen der Branche weiter antreiben.

Über den Autor:

bjorn-behrendtBjörn Behrendt ist Geschäftsführer von Hiogi (www.hiogi.de) und Service-Community.net. Die Hiogi GmbH ist eine SMS-Community, der per SMS eine Frage zugeschickt werden kann, die dann wiederum per Message durch die Community beantwortet wird. Service-Community.net ist eine flexible Software-as-a-Service (SaaS) der hiogi GmbH, die es Unternehmen ermöglicht, in kürzester Zeit ein eigenes Community-Forum für Kunden auf der Unternehmenswebsite einzubinden. Mit seinem Team bloggt Björn Behrendt auch unter http://blog.service-community.net zu Mobile- und LBS-Themen.

Bildmaterial unter Lizenz des Mobile World Congress