MyTherapy_App

MyTherapy erinnert seine Nutzer daran, Medikamente zu nehmen – und spazieren zu gehen.

Ob ein Arzneimittel wie verordnet eingenommen wird oder nicht, darüber entscheidet der Patient. Manch einer geht gar nicht erst zur Apotheke, um ein Rezept einzulösen. Andere vergessen Tabletten, denken nicht daran, ausreichend zu trinken oder ihren Blutdruck zu messen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO kommen nur 50 Prozent der chronisch Kranken in Industrieländern ihren Therapieempfehlungen nach. Das hat verschiedene Gründe, verringert aber so oder so den Erfolg einer Therapie.

Die App des 2012 gegründeten Münchner Startups SmartPatient begleitet Patienten bei Behandlungen, indem es sie in Aufgabenlisten übersetzt. MyTherapy, das kostenlos ist, erinnert den Nutzer daran, Tabletten zu schlucken oder den Blutzuckerwert einzugeben. Die einzelnen Punkte kann der Patient als erledigt markieren. Wir haben mit SmartPatient-Geschäftsführer und Mitgründer Sebastian Gaede über die App gesprochen.

Sebastian, Ihr habt eine App an den Start gebracht, die Patienten dabei helfen soll, Therapien durchzuhalten. Wie kamt Ihr auf die Idee?

40 Prozent der deutschen Bevölkerung sind chronisch krank. Viele müssen regelmäßig Medikamente nehmen. Meine Mitgründer und ich kamen in unseren vorherigen Jobs als Berater erstmals mit der Adhärenz, also der Therapietreue von Patienten, in Kontakt. Wir haben erfahren, dass die Hälfte der Medikamente, die chronisch Kranke einnehmen sollen, nicht richtig angewendet werden. Das war 2012, als Smartphones anfingen, sich auch in den älteren Bevölkerungsschichten zu verbreiten. Wir sahen die Chance, mit einer App etwas für die Gesundheit von Millionen von Menschen zu tun. Also haben wir unsere Jobs geschmissen und MyTherapy konzipiert.

Wer trägt die Medikamente in die App ein?

Im Moment übernimmt das der Patient noch selbst. Trotzdem legen wir Wert darauf, dass Ärzte beteiligt sind. So haben auch sie die Möglichkeit, auf die Daten zu schauen – über einen Ausdruck oder ein web-basiertes Dashboard. Viele Ärzte schätzen diesen Überblick, denn sie wissen teilweise gar nicht, was ihre Patienten alles einnehmen, zum Beispiel weil zusätzlich Schmerzmittel genutzt werden.

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Auf Eurer Seite schreibt Ihr, dass Ihr Daten anonymisiert und bündelt, um typische Verhaltensweisen von Patientengruppen zu ermitteln. Diese Auswertungen würden Euren „Forschungspartnern“ helfen. Heißt das, Ihr verkauft die Daten an die Pharma-Industrie?

Wir verdienen nicht mit dem Verkauf von Daten Geld, sondern mit der Unterstützung der korrekten Medikamenteneinnahme. Medikamente müssen heutzutage auch unter realen Bedingungen die Ergebnisse liefern, die sie in Studien gezeigt haben. Deswegen sieht sich die Industrie zunehmend in der Verantwortung, dass sie richtig angewendet werden. Weder dafür, noch für irgendetwas anderes teilen wir mit unseren Industriepartnern oder anderen Dritten die Daten unserer Anwender. Allerdings sagen wir auch klar und offen, dass wir aggregierte Auswertungen nutzen, um zum medizinischen Fortschritt beizutragen. Forschungspartner sind für uns dabei primär Universitätskliniken, aber eben auch die Industrie.

Also lasst Ihr Industrie und Forschung ja doch in Eure Daten schauen.

Wir schauen sie uns zu Forschungszwecken in aggregierter Form gemeinsam mit unseren Partnern an: Was sind typische Medikationen, die zusammen verschrieben werden? Wann vergessen die Leute ihre Medikamente am häufigsten? Wir geben grundsätzlich keine personenbezogenen Daten an Dritte weiter.

Wenn Ihr daran tatsächlich nicht verdient, wie Du sagst: Wie finanziert Ihr Euch dann?

Mit unseren Partnern stellen wir in der App beispielsweise intelligent Zusatzinformationen für bestimmte Medikamente bereit. Diese Infos geben zum Beispiel Auskunft darüber, warum es wichtig ist, Gerinnungshemmer zur Schlaganfallprophylaxe immer nach Verordnung zu nehmen.

2015 haben Forscher der Charité eine Studie zur Akzeptanz Eurer App veröffentlicht. 30 Smartphone-unkundige Senioren nutzten MyTherapy vier Wochen lang. Obwohl die Mehrheit die App täglich anwendete, gaben am Ende nur knapp 60 Prozent an, sie weiter zu nutzen. Wie habt Ihr auf dieses Ergebnis reagiert?

Diese Studie war die erste von einer ganzen Reihe, die wir zusammen mit der Charité gemacht haben. Sie ist zwar letztes Jahr veröffentlicht, aber schon vor drei Jahren durchgeführt worden. Seitdem haben wir MyTherapy weiterentwickelt. Die Ergebnisse waren für uns aber extrem hilfreich. Gerade zu Beginn haben viele zu uns gesagt: Apps und kranke, alte Leute – das funktioniert nicht. Durch die Studie haben wir aber gesehen, dass es anscheinend doch geht.

Die Charité testet die Wirksamkeit Eurer App gerade auch bei 100 Patienten, die eine Niere transplantiert bekommen haben. Wann kann man mit ersten Ergebnissen rechnen?

Insgesamt sind es 200 Patienten, da es parallel noch eine Kontrollgruppe gibt. Die Studie läuft mindestens sechs Monate, danach werden die Ergebnisse ausgewertet. Dann startet der wissenschaftliche Veröffentlichungsprozess, der sich erfahrungsgemäß ein wenig hinziehen kann.

Wie viele Nutzer habt Ihr aktuell?

Wir kommunizieren keine Nutzerzahlen.

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Ab Oktober haben Patienten mit mindestens drei verschreibungspflichtigen Medikamenten Anspruch auf den sogenannten Medikationsplan. Um Wechselwirkungen zu vermeiden, listet der Arzt darin sämtliche Mittel auf, die ein Patient einnimmt. Was bedeutet die Einführung für Euch?

Das ist ein großes Thema für uns. Etwa 20 Millionen Deutsche haben Anspruch auf so einen Plan. Dass er zunächst auf Papier ausgestellt wird, hat natürlich ein paar klare Nachteile: Die Patienten können den Zettel verlieren oder vergessen. Das Handy hingegen haben sie immer dabei. Deswegen machen wir MyTherapy gerade zur App zum Medikationsplan.

Wie soll das gehen?

Auf dem Plan wird es einen QR-Code geben, der die Informationen in digitaler Form enthält, und etwa für die Auslesung in Apotheken gedacht ist. MyTherapy nutzt diesen Code, um die Medikamente vom Papier in die App zu übertragen. Der Patient muss anschließend nur noch angeben, ob und wann er an die Einnahme erinnert werden möchte.

Ist es nicht absurd, dass das dahinterstehende E-Health-Gesetz ein Papier hervorbringt?

Vom Prozess her ist die Papier-Aufstellung bestimmt nicht ideal. Papier hat aber eine hohe Akzeptanz bei allen Beteiligten und ist deshalb aus unserer Sicht ein sinnvoller Zwischenschritt zur Erhöhung der Sicherheit von Arzneimitteltherapien. Eigentlich gehört so etwas aber in eine digitale Patientenaktie. Doch diese ist in Deutschland ein sehr politisches Thema. Laut dem E-Health-Gesetz soll eine elektronische Speicherung der Daten der Gesundheitskarte frühestens 2018 erfolgen.

smartpatient_gruender

Die SmartPatient-Gründer Julian Weddige (links), Sebastian Gaede und Philipp Legge.

Bilder: SmartPatient