Das Team von Naturtrip

Sonntag, neun Uhr morgens. Die Sonne scheint, die Kinder sind seit zwei Stunden wach und der Kaffee ist schon wieder kalt geworden: Zeit für einen Ausflug mit der Familie. Was aber tun, wenn man mitten in der Stadt lebt, kein Auto hat und die Aussicht auf den nächsten Spielplatz niemanden vor die Tür lockt?

Das fragte sich auch Hermann Weiß. Der 44-Jährige kommt aus Bayern. Genauer: aus der Oberpfalz. Also aus Berliner Sicht vom Land. Als er wegen der Arbeit nach Berlin gezogen ist, wollte er wissen, wie er von seinem Wohnort im Wedding in die Natur kommt – und zwar ohne Auto, denn das hatte er nicht. „Ich habe im Internet nach einem Paddelverleih gesucht, der gut zu erreichen ist“, erzählt Weiß. Die Suche war lang und mühsam. Zufällig kannte ein Freund einen solchen Verleih. „Ich dachte mir, dass es solche Tipps auch online geben muss“, sagt Weiß. Deshalb gründete er im Juli 2014 mit der Projektmanagerin Judith Kammerer die Naturtrip GmbH.

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Auf deren Webseite Naturtrip.org findet man Ausflugsziele, die schnell mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrrad oder zu Fuß zu erreichen sind. Nutzer können die Tipps selbstständig hochladen und so andere von ihrem Wissen profitieren lassen. Das Prinzip der Suche ist einfach: Man gibt Wohnort, Datum und Uhrzeit ein und wählt eine von neun Kategorien aus. Damit legt man fest, was man unternehmen möchte. Baden im See? Wandern auf der Wiese? Klettern? Pferde füttern? Schweinchen streicheln? Entspannen im Whirlpool? Alles ist möglich.

Man klickt auch an, wie viel Zeit man für den Weg aufbringen will: maximal 30, 60 oder 90 Minuten. Danach erhält man eine Stadtkarte mit allen Ziele, die infrage kommen – und weitere Informationen, Fotos und Bewertungen zu den Ausflugsorten. Außerdem steht auf der Seite, wie man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin kommt.

Sieben Jahre hat Gründer Hermann Weiß an dem Projekt gearbeitet. Heute hat das Unternehmen fünf Mitarbeiter. Einige Verbände zählen zu seinen Kooperationspartnern, wie der VBB, der BUND und der DAV Berlin. „Wir dürfen ihr Logo nutzen und sie verlinken auf uns“, sagt Weiß. 20.000 Euro Eigenkapital steckten die beiden Gründer zum Start in ihr Unternehmen. Dazu kam eine niedrige sechsstellige Summe von der Nationalen Klimaschutz-Initiative des Bundesumweltministeriums – über die genaue Zahl spricht Weiß nicht. Klar ist: 25.000 Euro erhielt das Startup zusätzlich noch vom DB Accelerator Mindbox. Außerdem stellt die Deutsche Bahn dem Team mietfreie Büroplätze in den S-Bahnbögen der Jannowitzbrücke zur Verfügung.

Hier sitzt Weiß nun auf einer Bierbank im Freien, raucht selbstgedrehte Zigaretten und blickt auf die Spree. Auf dem Laptop vor ihm wird gerade die Webseite gerelauncht, an diesem Wochenende soll die Beta-Version vollständig aktualisiert sein. Rund 1.500 Ausflugsziele zeigt sie bereits, in Zukunft sollen es noch viel mehr werden.

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In Deutschland hat nur der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg die Fahrplandaten für Entwickler freigegeben. Die Daten braucht die Software von Naturtrip.org, um die schnellste Verbindung zu einem Zielort zu ermitteln. Aber Weiß hat auch andere Regionen im Blick. „Das Land Niedersachsen, das Ruhrgebiet und die Sächsische Schweiz haben Interesse“, erzählt er. Und mittelfristig sei auch die Expansion in die Schweiz, nach Holland oder in skandinavische Länder denkbar. Dort seien Daten über den Nahverkehr schon jetzt öffentlich zugänglich.

„Bis Ende des Jahres steht unsere Finanzierung“, sagt Weiß. Danach will er mit einem Freemium-Modell arbeiten. Das heißt: Für den Ausflugssuchenden wird das Portal kostenfrei bleiben. Doch touristische Anbieter wie Hotels, Bootvermietungen und Freizeitparks können gegen Aufpreis eine bessere Platzierung oder extra Werbeflächen buchen. „Wir wollen den Mainstream erreichen“, sagt der Gründer. Deshalb brauche man neben kleinen Anbietern auch touristische Attraktionen, die viele Menschen interessieren. Allerdings macht Weiß auch Ausnahmen: „Bordelle oder Panzerfahrkurse wird es bei uns nicht geben.“ Um zu kontrollieren, welche Angebote auf die Seite gestellt werden, will er eine eigene kleine Redaktion einrichten.

Mittlerweile weiß der Unternehmer, wo er zum Baden hinfahren würde. „Das Strandbad Caputh am Schwielowsee sieht toll aus“, sagt er. Er sei zwar noch nie da gewesen, aber er habe auf einem Foto gesehen, dass es dort Sonnenschirme aus Bambus gebe. Wie in der Südsee, schwärmt er.

Bild: Naturtrip.org/frauzimmermann.com