Der Nestpick-Geschäftsführer Fabian Dudek und COO Patricia Moubarak

Die Adresse ist schick: Das Büro von Nestpick liegt auf der ältesten Flaniermeile Berlins, Unter den Linden. Trotzdem überlegen sie, umzuziehen, erzählen der Geschäftsführer Fabian Dudek und COO Patricia Moubarak bei einem Besuch im Februar. Zu dunkel seien ihnen die verschachtelten Räume auf zwei Etagen. Doch nicht nur das fällt hier auf – es ist auch ziemlich leer im Büro des Wohnungsvermittlers.

Das war nicht immer so. Vor einigen Monaten noch muss es hier gut gefüllt gewesen sein: Über 140 Mitarbeiter arbeiteten damals bei dem Rocket-Internet-Startup, das Vermieter und Mieter auf seiner Plattform zusammenbringen will. Davon ist heute nicht mehr viel übrig – nach einer Entlassungswelle im vergangenen Jahr wurde das Angebot von Nestpick inzwischen massiv zusammengestrichen.

An dem Wohnungsportal wird deutlich, wie hoch der Druck ist, die ehrgeizigen Wachstumsziele zu erreichen, die von Rocket vorgegeben werden. Statt Personalstrategie gibt es Hire and Fire. Startups werden in Rekordzeit aufgepumpt, doch funktioniert die Idee nicht, verschwinden sie genauso schnell wieder in der Versenkung. Allein 2015 setzte Rocket auch bei HelplingJumiaBonativoTake Eat Easy und SpaceWays den Rotstift an.

Von Rotterdam nach Berlin

Dieses Schicksal hatte sich Fabian Dudek für sein Unternehmen sicherlich nicht vorgestellt. 2014 gründete er Nestpick in Rotterdam, um Studenten und Expats bei der Wohnungssuche in der Unistadt zu helfen. Für ein niederländisches Startup sei Nestpick schnell gewachsen, sagt der Gründer im Gespräch. Doch alles soll größer und globaler werden, also sieht er sich nach Investoren um. Bei Rocket ist man interessiert.

Die Berliner Firmenfabrik habe „eine Offerte“ gemacht, so beschreibt Dudek den Ablauf, den Rocket Internet auf Nachfrage nicht kommentieren möchte. Der Nestpick-Gründer formuliert ein Gegenangebot, Rocket schlägt ein, zu Dudeks Konditionen. Der Samwer-Inkubator ist jetzt Mehrheitseigner. Einige Mitarbeiter werden nach Berlin geholt, dem damals erst 22-jährigen Gründer stellt man eine erfahrenere Managerin zur Seite: die Ärztin und ehemalige McKinsey-Beraterin Patricia Moubarak. Sie wechselt vom Rocket-Venture Foodpanda zu Nestpick.

Für die Firmenfabrik ist klar: Das Startup muss jetzt den Turbo einlegen, heute Rotterdam und Berlin, morgen die ganze Welt. Rocket-Geschwindigkeit eben.

Die Raketenstrategie ist gescheitert

Das ungleiche Management-Duo baut ein großes Angebot von Wohnungen auf. Zuletzt heißt es, Nestpick sei „in 35 Städten, 9 Ländern und in 6 Sprachen vertreten“. Auf einer riesigen Weltkarte, die gut sichtbar im Büroflur hängt, markieren rote Fähnchen die Märkte, in denen Nestpick präsent ist. In Europa wimmelt es von Pins, ein verlorener steckt mitten in Australien.

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Doch bei Nestpick geht die Rocket-typische Strategie des rapiden Wachstums nicht auf. Die inserierten Wohnungen auch zu vermieten – das scheint in großen Teilen nicht gelungen zu sein. Dudek sagt, es sei ein Fehler gewesen, so viele Märkte gleichzeitig anzugehen. Das Startup ist mit der Organisation überfordert. Unterlagen zeigen, dass es Schwierigkeiten bei verschiedenen Zahlungsflüssen gibt. So brauchen die Rücküberweisungen von Kautionen an die Mieter häufig länger als versprochen. Gehälter an Mitarbeiter wurden schon zu spät überwiesen. Wie eine Bloggerin berichtet, gab es außerdem Probleme beim Management betrügerischer Wohnungsangebote.

Inzwischen hat Nestpick reagiert, das Angebot wurde kräftig eingedampft. Nur noch fünf der 35 Städte sind tatsächlich online: Berlin, Barcelona, Rotterdam, Paris und London. Zu den Gründen für die aktuellen Kürzungen schweigt sich das Unternehmen auf Anfrage von Gründerszene aus. Beim Gespräch im Februar hatte Dudek noch widersprochen: Es stimme nicht, dass nur noch wenige Städte tatsächlich aktiv seien. Doch auf den Seiten der inserierten Wohnungen konnte man zu diesem Zeitpunkt nachvollziehen, wann die Vermieter die Verfügbarkeit ihrer Räume das letzte Mal aktualisiert hatten. Bei vielen Anzeigen war es Monate her.

Zweifelhafte Methoden

Der Wachstumsdruck verführte das Rocket-Venture offenbar auch zum Einsatz fragwürdiger Tricks. So zeigen Unterlagen, die Gründerszene vorliegen, dass die sogenannte Growth-Hacking-Abteilung des Unternehmens Bewertungen für Nestpick gefälscht hat. Dudek streitet das ab. Doch auf Nachfrage bei Trustpilot schreibt die Bewertungsplattform per Mail: „Wir können bestätigen, dass unser System eine Anzahl von Nestpick-Bewertungen als möglicherweise betrügerisch identifiziert hat.“ Die entsprechenden Einträge seien archiviert worden und nun nicht mehr einsehbar.

Die Geschäftsführung muss gewusst haben, was die Nestpick-Growth-Hacker trieben. Die Unterlagen zeigen, dass COO Patricia Moubarak Mitarbeiter dazu ermutigte, von den „dreckigen Methoden“ eines Mitbewerbers zu lernen. Moubarak sagt dazu: Eine solche Aufforderung sei nicht ernst gemeint gewesen.

Um die Wachstumsziele zu erreichen, scheinen viele Mittel recht zu sein. Laut Insidern sind die Umsätze noch immer gering – im Gegensatz zur Burn-Rate der Firma. Unterlagen zeigen, dass Nestpick in der Vergangenheit Schwierigkeiten hatte, die gesetzten Monatsziele zu erreichen.

Schlechtes „Erwartungsmanagement“

Auf die mageren Zahlen reagiert Nestpick bereits Mitte 2015: Die Hälfte der etwa 140 Beschäftigten muss gehen. Anfang dieses Jahres verloren wieder Mitarbeiter ihre Jobs, das Marketing-Team wurde halbiert. Heute arbeiten nach Angaben des Startups noch etwa 50 Leute für Nestpick.

Wie die Geschäftsführung die Massenentlassungen durchsetzte, hat Mitarbeiter enttäuscht. Aus mehreren unabhängigen Quellen, mit denen Gründerszene sprach, ergibt sich das Bild eines überforderten Managements. Zum Beispiel in Sachen Vertragsverlängerungen: Mitarbeiter sollen hingehalten worden sein, bis ihre Verträge ausliefen – obwohl Verlängerungen versprochen worden seien. Dudek räumt dazu ein, das „Erwartungsmanagement“ hätte besser sein können. Die „globale Nachricht“ sei aber, es gebe eine „Learning Curve“. Heute sei das Unternehmen ruhiger, man habe erfahrene Führungspersonen. Der Personalchef zeigt sich im Gespräch betroffener und sagt, man habe das verbockt.

Sind die Nestpick-Gebühren illegal?

Neben allen operativen Problemen erschwert seit vergangenem Sommer ein neues Gesetz das Nestpick-Geschäft: das sogenannte Bestellerprinzip. Es besagt, dass die Person einen Makler bezahlen muss, die ihn beauftragt. Zuvor wurden die Kosten überwiegend auf Mieter abgewälzt, das ist heute nicht mehr rechtens. Nestpick jedoch nimmt für die erfolgreiche Vermittlung einer Wohnung eine flexible Gebühr von den Mietern. Nachdem das neue Gesetz eingeführt worden war, setzte das Startup diese Praxis einige Zeit lang aus.

Doch seit dem 1. März 2016 hat Nestpick neue AGBs – und verlangt wieder Servicezahlungen von den Mietern. Die Argumentation: Die Gebühr decke Leistungen ab, die über die Vermittlung einer Wohnung hinausgingen. Ein Verstoß gegen das neue Gesetz? Ja, sagt der Berliner Miet- und Immobilienrechtsanwalt Jürgen Schirmacher. Er hält das Vorgehen für ein „unzulässiges Umgehungsgeschäft“ und somit für „illegal“. Er sagt: „Gerichtlich ist meine Einschätzung noch nicht bestätigt. Aber ich glaube, dass das zum Scheitern verurteilt ist.“ Nestpick wollte zu dieser Frage keine Stellung nehmen. 

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Sollten die Einnahmen auf Mieterseite wegfallen, könnte das für das Startup zu einem großen Problem werden. Und: Nicht nur das Berliner Geschäft scheint betroffen zu sein. In Rotterdam, dem wohl größten Markt für das Startup, gilt seit dem Sommer 2015 ein ähnliches Gesetz. Auch hier ist nicht klar, ob das Startup mit seinen Gebühren durchkommen wird.

Trotz der schwierigen Lage konnte Nestpick Ende 2015 neue Investoren ins Boot holen: Mangrove, Enern, Target Global und B-to-v sollen zusammen mit Rocket Internet über zwölf Millionen Euro investiert haben. Doch wie lang wird das Kapital reichen? Und wie lange werden die Investoren ein Modell stützen, das in einem schwierigen Markt eher schlecht funktioniert?

Gerade Rocket Internet hat in den Airbnb-Klon Wimdu schon viel Geld versenkt – bisher bleibt der Erfolg jedoch hinter den Erwartungen zurück. Ob Rocket künftig beide Plattformen am Leben halten möchte, ist also fraglich. Dazu möchte der Inkubator allerdings auf Nachfrage nichts sagen. Und auch Nestpick will sich derzeit lieber nicht zu Zukunftsplänen äußern. Eines betont Fabian Dudek allerdings immer wieder – man wolle nun wirklich „kein Rocket-Startup“ sein.

Bild: Nestpick