Zoe Adamovicz, Gründerin und CEO von Neufund

Zugegeben: Es wirkt erst einmal nicht besonders vorteilhaft, wenn ein Startup ein 30-seitiges White Paper benötigt, um seine Idee und das Geschäftsmodell dahinter darzustellen. Was Neufund, ein nicht einmal sechs Monate altes Startup, das nun mit zwei Millionen Euro von bekannten Angels finanziert wird, vorhat, ist aber auch nicht ganz einfach zu verstehen. Aber sollte wirklich alles so funktionieren, wie sich die Seriengründer Zoe Adamovicz und Marcin Rudolf das vorstellen, dann könnte ihre neuestes Projekt eine kleinere Revolution anschieben. Und das in mehr als einem Markt.

Neufund tritt an, um in der Schnittmenge zwischen Venture-Capital-Markt, Blockchain-Technologie und Crowdfunding-Prinzip ein neues Modell zu etablieren: Über die Plattform sollen Investoren – und zwar längst nicht nur professionelle – Startup-Anteile erwerben und handeln können, abgesichert über Blockchain-Tokens, zu minimalen Transaktionskosten.

Adamovicz und Rudolf sind in Berlin keine Unbekannten: Sie gründeten etwa die App-Suchmaschine Xyo, die sie im Herbst 2014 verkauften. Anschließend gingen die beiden für den Xyo-Käufer, das börsennotierte Unternehmen Mandalay Digital, nach Israel – und merkten: Als Gründer für einen US-Konzern zu arbeiten war nicht ihr Ding. Sie legten eine längere Pause ein, gingen auf Weltreise – und auf die Suche: „Wir wollten herausfinden, wie sich die Startupszene entwickelt hat, während wir uns nur um Apps gekümmert haben“, erzählt Zoe Adamovicz im Gespräch in Israel. Wo wartet der nächste Trend? Welche Technologie macht die nächsten Märkte auf? Sie suchten in Israel und im Westjordanland, gingen nach Tokio, Singapur, in die USA und nach China.

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Am Ende war klar: Es musste etwas mit Blockchain und Kryptowährung sein. Beide Gründer besaßen schon seit langer Zeit Bitcoins, mehr aus intellektueller Neugier, um zu verstehen, welche Auswirkungen die Währung auf Wirtschaft und Gesellschaft haben würde. 2016, im Bitcoin-Boomjahr, konnten sie beobachten, wie sich mehr und mehr Startups über die Blockchain finanzierten. Bei sogenannten Initial Coin Offerings (ICOs) erhalten die Geldgeber Tokens im Gegenzug für ihre Finanzierung.

Die Aachener App-Plattform Lisk sammelte so fünf Millionen Euro in Bitcoins ein, Golem, das „Uber für Computer“ aus Warschau, knapp neun Millionen US-Dollar. In den Krypto-VC The DAO aus Berlin wurden sogar fast 160 Millionen US-Dollar investiert, bevor die Organisation in einen Hacking-Skandal verwickelt wurde.

Was Adamovicz daran fasziniert: Es geht schnell und es ist unkompliziert. Vor allem im Vergleich zum klassischen VC-Fundraising. „Selbst wir, die uns damit inzwischen gut auskennen sollten, haben sechs Monate gebraucht, um das Kapital einzusammeln.“ Für das Investorengeld muss man auf Roadshow gehen, immer wieder pitchen, Tage am Telefon und in Excel-Tabellen verbringen. „Dabei sollten wir doch eigentlich innerhalb eines Jahres Resultate vorlegen können!“

Bei dem polnischen Startup Golem dauerte der ICO-Prozess nur zwei Wochen – das Fundraising selbst war innerhalb von 25 Minuten beendet. Der Prozess ist sogar so simpel, dass laut der Neufund-Gründerin Blockchain-Startups gar nicht mehr zu normalen VCs gehen. „Wir sind dort nur zweite Liga. Wir haben mehrmals versucht zu investieren – keine Chance.“

ICOs werden aber bislang beinahe ausschließlich von Bitcoin- oder Blockchain-basierten Startups durchgeführt. Das will Neufund ändern: „Wir wollen das System für normale Startups öffnen“, sagt Adamovicz. Die Unternehmensanteile und Blockchain-Tokens werden verknüpft – wie das genau funktioniert, wollen die Gründer noch nicht verraten. Die Lösung dieses technisch-regulatorischen Problems sei aber der Kern des Neufund-Modells, damit setze man sich auch von Wettbewerbern wie Funderbeam ab.

Im ersten Quartal soll ein erstes Projekt über die eigene Plattform finanziert werden, um Technologie und Prozess auf Schwachstellen zu überprüfen. Noch im Frühjahr will sich Neufund zudem selbst über einen ICO finanzieren. Die erste Anschubfinanzierung geben aber traditionelle Offline-Investoren: Zwei Millionen Euro gibt es von einer Gruppe Business Angels um Christophe Maire und Klaas Kersting. Damit haben Adamovicz und Rudolf ein Team von bereits 15 Mitarbeitern zusammengestellt, viele davon waren auch bei Xyo beschäftigt.

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Geld verdienen will Neufund einmal mit den Startups, die über die Plattform Geld einsammeln – es gibt Listing-Gebühren und Provisionen für die Plattform. Außerdem berechnet Neufund seine rechtlichen und technischen Dienstleistungen. Daneben will Neufund auch als VC bei den ICOs teilnehmen und Geld mit klugen Investments verdienen.

Die Frage ist, wie bereitwillig sich „normale“ Startups – trotz aller Geschwindigkeitsvorteile – für das Fundraising in die Krypto-Welt begeben werden. Adamovicz gibt zu, dass es einiger Überzeugungsarbeit bedarf. „Aber wo es easy money gibt, dahin gehen die Startups“, sagt sie. In Kryptowährungen seien derzeit gut 20 Milliarden US-Dollar angelegt. Viele der Bitcoin-Besitzer hätten in der Vergangenheit von einem enormen Wertzuwachs profitiert – und, glaubt die Gründerin, „wollen jetzt investieren – aber ihre Bitcoins nicht umtauschen“.

Auch die extreme Volatilität von Bitcoin und Co. sieht sie nicht als Problem. Sie glaubt sogar: „Welcher Währung auf der Welt traut man heute noch? Die sind alle unvorhersehbar. Kryptowährungen sind wie Gold.“

Bild: ZA