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Phil Knight gründete Nike und führte den Sportartikelanbieter jahrelang als CEO und Vorstandsvorsitzender. Das Magazin Forbes führt ihn mit einem geschätzten Vermögen von 24 Milliarden Dollar als einen der reichsten Menschen der Welt. Nun ist die offizielle Biografie des Gründers erschienen. Darin erzählt Knight sehr detailliert, wie sich das Unternehmen unter seiner Ägide in den Jahren 1962 bis 1980 an die Spitze kämpfte. Ein Buchauszug aus dem Kapitel „1980“, in dem Knight mit seinem Partner Delbert J. Hayes nach China reist.

In den folgenden zwölf Tagen fuhren wir in Begleitung von Reiseleitern in China herum, die von der Regierung gestellt waren. Sie nahmen uns mit zum Platz des Himmlischen Friedens und stellten sicher, dass wir lange genug vor dem gigantischen Portrait des Vorsitzenden Mao stehen blieben, der vier Jahre zuvor gestorben war. Sie nahmen uns mit in die Verbotene Stadt. Sie nahmen uns mit zu den Ming-Gräbern. Wir waren natürlich ganz fasziniert und neugierig – zu neugierig. Bei all unseren Fragen wurde es unseren Reiseleitern zusehends unbehaglicher.

Irgendwann drehte ich mich um und sah Hunderte von Leuten in Mao-Anzügen und dünnen, schwarzen Schuhen, die scheinbar aus Bastelpappe gemacht waren. Wenigstens einige Kinder trugen Leinenturnschuhe. Das machte mir Hoffnung.

Was wir natürlich vor allem sehen wollten, waren Fabriken. Unsere Reiseleiter stimmten nur widerwillig zu. Sie nahmen uns im Zug mit in abgelegene Städte, weit entfernt von Peking, wo wir uns endlose und schreckliche Industriegebiete ansahen, kleine Metropolen aus lauter Fabriken, eine rückständiger als die nächste. Diese Fabriken waren alt, verrostet und baufällig, dagegen wirkte Hayes’ altertümliche Ruine in Saco geradezu modern.

Vor allem waren die Fabriken schmutzig. Ein Schuh, der vom Fließband gefallen war, hatte einen Fleck, einen breiten Dreckstreifen, und keiner kümmerte sich darum. Es gab kein natürliches Gefühl für Sauberkeit und schon gar keine richtige Qualitätskontrolle. Als wir auf einen defekten Schuh hinwiesen, zuckten die Fabrikleiter nur mit den Schultern und meinten: „Erfüllt doch perfekt seinen Zweck.“ Ganz zu schweigen von Ästhetik. Die Chinesen hatten keinen Blick dafür, dass das Nylon oder das Leinen bei einem Paar Schuhe denselben Farbton haben sollte. Es war durchaus üblich, dass ein linker Schuh hellblau war und der rechte Schuh dunkelblau.

nikeWir trafen uns mit Dutzenden von Fabrikangestellten, Lokalpolitikern und ausgesuchten Würdenträgern. Wir mussten anstoßen, wir wurden gefeiert, befragt, beobachtet, belehrt und fast immer sehr herzlich empfangen. Wir aßen pfundweise Seegurken und gebratene Ente und bei vielen Aufenthalten wurden wir mit tausend Jahre alten Eiern verwöhnt. Ich konnte jedes einzelne dieser tausend Jahre herausschmecken. Natürlich wurden uns auch viele Mao Tais angeboten. Nach all meinen Reisen nach Taiwan war ich vorbereitet. Meine Leber hatte schon Routine. Worauf ich nicht vorbereitet war: Hayes schmeckten sie mehr als ausgezeichnet. Bei jedem Schluck leckte er sich die Lippen und verlangte mehr.

Gegen Ende unserer Reise traten wir eine 19-stündige Zugreise nach Shanghai an. Wir hätten fliegen können, doch ich hatte darauf bestanden, den Zug zu nehmen. Ich wollte die Landschaft sehen und erleben. Schon nach einer Stunde verfluchten mich meine Männer. Der Tag war drückend heiß und der Zug hatte keine Klimaanlage. Es gab einen alten Ventilator in der Ecke unseres Waggons, der sich so langsam bewegte, dass er den heißen Staub kaum aufwirbelte.

Um sich abzukühlen, hatten sich die chinesischen Fahrgäste einfach bis auf die Unterwäsche ausgezogen. Hayes und Strasser dachten, das gab ihnen das Recht, es ihnen gleichzutun. Selbst wenn ich 200 Jahre alt werde, werde ich den Anblick dieser zwei Riesen niemals vergessen, wie sie in ihren T-Shirts und Unterhosen im Zug auf- und abliefen. So dürfte es auch jeder Chinesin oder jedem Chinesen gegangen sein, die an diesem Tag in dem Zug waren.

Bevor wir China verließen, hatten wir in Shanghai noch ein, zwei letzte Aufgaben zu erledigen. Die erste bestand darin, einen Vertrag mit der Leichtathletikföderation abzuschließen. Was bedeutete, dass wir einen Vertrag mit dem Sportministerium abschließen mussten. Im Gegensatz zu westlichen Ländern, in denen jeder Sportler seinen eigenen Vertrag macht, handelte die chinesische Regierung die Sponsorenverträge für alle Sportler aus.

Also trafen Strasser und ich uns mit einem Funktionär des Ministeriums – in einer alten Schule in Shanghai, in einem Klassenraum mit 75 Jahre altem Mobiliar und einem riesigen Portrait des Vorsitzenden Mao. In den ersten Minuten dozierte der Funktionär über die Schönheiten und Vorzüge des Kommunismus. Er wurde nicht müde zu betonen, dass die Chinesen gerne Geschäfte mit „gleichgesinnten Menschen“ machten.

Strasser und ich schauten uns an. Gleichgesinnt? Was ist los? Dann hörte der Vortrag mit einem Mal auf. Der Abgeordnete lehnte sich nach vorne und fragte mit einer tiefen Stimme, die mir vorkam wie eine chinesische Version von Leigh Steinberg, dem führenden Agenten der amerikanischen Sportwelt: „Wie viel bieten Sie denn?“ Zwei Stunden später hatten wir unseren Vertrag.

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Vier Jahre später lief die chinesische Leichtathletikmannschaft bei den Olympischen Spielen in Los Angeles zum ersten Mal nach fast zwei Generationen in amerikanischen Schuhen und Trainingsanzügen ein. Nike-Schuhe und -Trainingsanzüge.

Unser letztes Meeting hatten wir im Außenhandelsministerium. Wie bei allen vorherigen Sitzungen gab es einige Runden langer Reden, meistens von Funktionären. Hayes war schon bei der ersten Runde gelangweilt. Bei der dritten Runde stand er kurz vor dem Kollaps. Er begann, mit losen Fäden an seinem Polyesterhemd zu spielen. Plötzlich hatte er genug von den Fäden. Er holte ein Feuerzeug heraus.

Während uns der stellvertretende Außenhandelsminister gerade als wertvolle Partner lobte, hielt er mitten in seiner Rede inne und sah, wie Hayes in Flammen stand. Hayes konnte zwar die Flammen mit seinen Händen ausschlagen, aber er hatte diesen Moment ruiniert und dem Redner den Wind aus den Segeln genommen. Alles halb so schlimm. Noch bevor wir unseren Flieger heimwärts nahmen, unterschrieben wir zwei Verträge mit chinesischen Fabriken und avancierten offiziell zum ersten amerikanischen Schuhhersteller nach 25 Jahren, dem erlaubt wurde, in China Geschäfte zu machen.

Das Buch „Shoe Dog“ von Phil Knight ist im Finanzbuch Verlag erschienen. 448 Seiten, 19,99 Euro.

Bild: Nike