Die Qualität der Unternehmer ist durch die Ex-Rockets sehr hoch

Bei der Noah-Konferenz im Berliner Tempodrom diskutieren VCs über den Standort Deutschland

Der Gründer der Noah-Konferenz, Marco Rodzynek, will mal wieder provozieren: „Sind europäische Unternehmen einfach nicht gut genug?“, fragt er gestern acht namhafte VCs, die auf dem finalen Panel der Internetkonferenz vor ihm sitzen. Es geht um die Unterschiede zwischen den USA und Europa, den großen Exits auf der anderen Seite des Atlantiks, und um die vermeintlichen Peanuts auf dieser Seite. Doch Sonali De Rycker, Partnerin bei Accel, widerspricht Rodzynek sofort: Eins von vielen Beispielen sei der Exit der erfolgreichen finnischen Gaming-Firma Supercell, die 2013 für 51 Prozent der Unternehmensanteile 1,5 Milliarden Dollar bekam und kürzlich noch weitere Anteile verkaufte.

„Es gibt viele tolle Firmen in Europa“, sagt De Rycker. Mit den USA sei das schwierig zu vergleichen: „Das Silicon Valley ist eine Philosophie, die sich über die vergangenen 50 Jahre perfektioniert hat. In Europa haben wir kein Angebot-Nachfrage-Problem, sondern einfach eines der Reife.“ Dem stimmt Hendrik Brandis, Partner bei Earlybird, zu: „Wir befinden uns noch in einer sehr frühen Phase“, sagt er über den deutschen Markt. „Das Ökosystem füllt sich jetzt. Es beginnt, eine kritische Größe zu haben und bietet zahlreiche Möglichkeiten.“ Als ein Beispiel nennt Brandis den 6Wunderkinder-Exit an Microsoft – das deutsche Lieblingsbeispiel der Noah-Redner in den vergangenen zwei Tagen.

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Einen großen Vorteil des Standorts Berlin und von Deutschland generell sieht Nenad Marovac, Managing Partner bei DN Capital: „Die Qualität der Unternehmer ist durch die Ex-Rockets sehr hoch.“ Das hätten beispielsweise die erfolgreichen Gründer von Quandoo gezeigt – sie verkauften vor kurzem ihr Startup für 200 Millionen Euro nach Japan.

Ein Nachteil hingegen: „Die größte Herausforderung ist, dass das Ökosystem unterfinanziert ist“, sagt Brandis von Earlybird. „Wenn wir nicht dazu in der Lage sind, schnell globale Marktführerschaft zu erschließen, dann wird es auch in Zukunft keine Milliarden-Exits geben.“ Investor Frank Thelen nennt das Mobilitätsunternehmen Uber als Beispiel – das sei einfach an jeglicher Konkurrenz vorbeigezogen. Brandis glaubt, wenn die Unterschiede zwischen den Investments so groß blieben, werde es sehr schwierig, im Wettbewerb mitzuhalten: „In den USA wurden 50 Milliarden Dollar investiert, in Europa lag das Venture Capital bei fünf Milliarden. Vielleicht müssen es hier nicht 50 sein, aber zehn bis 15 wären ein Anfang.“

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Weiter bemängelt Brandis: „Es gibt fürchterlich wenige Venture-Capital-Fonds in Deutschland.“ Während es im Jahr 2000 noch knapp 150 Stück gewesen seien, gebe es nun, nach dem Platzen der New-Economy-Blase, nur noch 15. „Und das kann sicherlich nicht an mangelnden Gelegenheiten liegen“, argumentiert Brandis, „vor allem nicht in den vergangenen fünf Jahren.“ Er sieht das Problem in Teilen als ein strukturelles: In den USA, so Brandis, gebe es wahrscheinlich 500 Venture-Capital-Fonds, wobei das BIP nur vier Mal höher sei als das deutsche. „Aber zwei Drittel der VC-Gelder in den USA stammen aus Lebensversicherungen und Altersvorsorge-Plänen – beides gibt es so in Deutschland nicht einmal.“

Zur Folge habe dies, dass spätere Startup-Phasen unterfinanziert seien – da sind sich die Investoren einig. Der 2014 European Tech Report zeigte, dass Early-Stage-Investments dominieren, was auch zu erwarten war. Zwar stieg der Anteil der Finanzierungen späterer Phasen 2014 im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings machten auch 2014 alle Finanzierungen nach der Series C nur 20 Prozent des gesamten Kapitals aus.

Jährliche Anteile der VC-Tech-Deals nach Finanzierungsphase (Quelle: The 2014 European Tech Report)

Auch wenn relativ wenig und womöglich zu wenig Geld in späteren Phasen fließt: Laut dem Report haben sich VC-Investments in deutsche Startups von 2013 auf 2014 mehr als verdoppelt – auf beinahe 1,3 Milliarden US-Dollar. In Großbritannien wurde im selben Zeitraum knapp 80 Prozent mehr Geld vergeben: 1,6 Milliarden Dollar. Und zumindest Nenad Marovac von DN Capital sieht die Finanzierungsproblematik etwas anders als seine Kollegen: „Wer ein gutes Unternehmen hat, der kommt auch an das Geld.“

Die aktivsten VCs in Europa (Quelle: The 2014 European Tech Report)

Titelbild: panthermedia.net / Lothar Steiner