Mit diesen Leihrädern will oBike auch nach Berlin kommen

Es war ein chaotischer Start: Als oBike im August in München seine ersten gelben Räder verteilte, war die Aufregung groß. Die Menschen fühlten sich von der Masse an Leihfahrrädern sprichwörtlich überfahren. Marco Piu soll den Imageschaden wettmachen. Anfang September ist er als „General Manager Deutschland“ des Bikesharing-Startups aus Singapur gestartet, das zuletzt eine Finanzierung über 45 Millionen US-Dollar einsackte.

Wie will er das schaffen? Wir haben Piu in seinem Büro in den Hackeschen Höfen in Berlin-Mitte besucht. Im Interview mit NGIN Mobility zeigt sich der Ex-Bertelsmann-Manager einsichtig, erklärt, was er in Berlin besser machen will und warum er die Rivalen Mobike und Ofo fürchtet.

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Herr Piu, draußen vor der Tür steht ein Tesla. Ist das Ihrer?

Nein, leider nicht (lacht). Zwar überlege ich tatsächlich, auf ein E-Auto umzusteigen, aber ein Tesla ist sehr teuer. Wenn möglich, lasse ich das Auto in der Stadt ohnehin stehen: Für kürzere Strecken nehme ich das Rad oder die Öffentlichen.

In München hat oBike im August einen Fehlstart hingelegt: Beschwerden über massenhaft herumstehende Bikes und die „gelbe Gefahr“ dominierten die Schlagzeilen. Trotzdem haben Sie im September den Job als General Manager angetreten. Hatten Sie keine Angst um Ihren Ruf?

Nein. Zugegeben: Als ich gestartet bin, war nicht abzusehen, dass meine ersten Wochen derart turbulent werden würden. Aber ich würde mich immer wieder so entscheiden – ich suche die Herausforderung.

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Was ist beim Start in München schiefgelaufen?

Die Kommunikation. Wir haben viele Fehler gemacht. Zu spät gab es für unsere ersten Nutzer und die deutsche Presse einen Ansprechpartner bei oBike, Fragen blieben unbeantwortet. Die daraus resultierende Wut und den Frust kann ich nachvollziehen.

Was haben Sie getan, um den Ruf zu retten?

Eine ganze Reihe von Dingen: Ich habe das Gespräch mit der Münchner Stadtverwaltung gesucht, seit letzter Woche ist zudem unsere deutsche Kundenhotline geschaltet. Zusätzlich haben wir unseren Service optimiert: In München arbeiten wir mit der mobilen Fahrradwerkstatt LiveCycle zusammen, die für uns die Räder wartet und wenn nötig repariert. Außerdem haben wir die Datenschutzerklärung angepasst. Diese entsprach vorher internationalem Recht, was zwar generell zulässig, aber nicht sehr spezifisch bezüglich der Datennutzung ist. Die jetzt angepasste Variante ist hier deutlich transparenter.

Apropos Datenschutz. Sie erstellen per GPS Bewegungsprofile von Ihren Nutzern. Was passiert mit den Informationen?

Die sind ausschließlich für unseren Gebrauch, damit wir wissen, wo sich unsere Räder befinden und welche Strecken besonders häufig befahren werden. Wir geben unsere Daten nicht an Dritte weiter.

oBike-Deutschlandchef Marco Piu

Andere Leihradanbieter experimentieren mit personalisierter Werbung in ihrer App. Ist das auch ein denkbares Geschäftsmodell für oBike?

Nein. Wir verdienen Geld durch die von uns erhobenen Gebühren (30 Minuten Radfahren kostet bei oBike 1 Euro, Anm. d. Red.). Bei den jetzigen Zahlen rechnet sich das natürlich noch nicht. Bisher wurde unsere App 40.0000 Mal heruntergeladen, damit bin ich noch nicht zufrieden. Innerhalb des vergangenen Monats verzeichnen wir aber ein Wachstum von 140 Prozent.

München ist derzeit die einzige Stadt, in der oBike-Fahrräder in Deutschland verfügbar sind. Was ist mit Berlin?

Die Gespräche mit der Berliner Senatsverwaltung laufen. Wir haben dort unsere Pläne präsentiert und warten auf ein Feedback. Wenn die Prüfung positiv ausfällt, wollen wir in Berlin mit 100 bis 700 Fahrrädern starten.

In Berlin gibt es schon Bikesharing von Nextbike, Lidl und lokalen Anbietern. Reicht das nicht?

Nein. In Berlin sind insgesamt zu wenige Leihräder auf der Straße. Ein Beispiel: Ich wohne in Schöneberg. Wenn ich dort ein Zweirad bei den hier ansässigen Anbietern leihen möchte, kostet es mich 20 bis 30 Minuten, bis ich eines gefunden habe. Das ist zu lange, um Bikesharing tatsächlich attraktiv zu machen.

Warum ist der vergleichsweise kleine europäische Markt überhaupt interessant für oBike?

Wir operieren bisher in Singapur, Malaysia, Thailand und Australien. Unsere Strategie war von vornherein, sehr schnell in viele verschiedene Märkte zu gehen. Europa ist besonders interessant, weil Städte und Kommunen hier unter Druck stehen, die Emissionen im Straßenverkehr drastisch zu senken. Sie suchen nach Alternativen. Hier können wir einiges bieten. Natürlich überlegen wir uns schon jetzt, wie wir später unser Angebot eventuell um weitere Services erweitern, beispielsweise E-Bikes oder E-Roller-Sharing.

Was planen Sie im kommenden Jahr?

Erst einmal wollen wir in Deutschland richtig ankommen und uns in den Metropolregionen richtig aufstellen. Unser Ziel ist, bis Ende 2018 in den wichtigsten europäischen Städten präsent zu sein.

Fürchten Sie eher die regionalen und lokalen Konkurrenten wie Nextbike und Lidl-Bike – oder die asiatischen Startups Ofo und Mobike, die ebenfalls angekündigt haben, nach Deutschland zu kommen?

Unser Geschäftsmodell unterscheidet sich von denen der deutschen Anbieter. Diese setzten auf fest installierte oder virtuelle Stationen, an denen die Bikes ausgeliehen und zurückgebracht werden können. Unser Konzept ist das Freefloating, die Nutzer können die Bikes überall in der Stadt abstellen. Auch Mobike und Ofo verfolgen diesen Ansatz. Zudem sind sie mit reichlich Kapital ausgestattet: Beide Startups haben für ihre Expansion mehr als 700 Millionen US-Dollar eingesammelt. Deswegen beobachten wir genau, in welche Länder und Städte die beiden gehen.

Vielen Dank für das Interview, Herr Piu. 

Foto: oBike Inc.