Oettinger

Günther Oettinger muss sich um Digitales kümmern. Ist nicht so sein Ding.

Das will an dieser Stelle wahrscheinlich niemand hören – aber Günther Oettinger ist ein intelligenter Mann, der eine gehörige Portion verschmitzten Humor besitzt. Wenn man ihm persönlich begegnet, ist er ein angenehmer, kluger Gesprächspartner. Das macht die Frage noch drängender: Was treibt diesen Mann dazu, einen Tweet abzusondern, wie diesen hier:

Man könnte jetzt darüber hinweglesen. Es wird so viel Unsinn getwittert. Aber in diesem Fall sind die Schmerzen so groß, dass man doch ein paar Worte darüber verlieren muss. Denn Günther Oettinger ist Kommissar bei der Europäischen Kommission in Brüssel. Sein Aufgabengebiet sind digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Oettinger bekleidet also eine herausgehobene Stellung, deren Wichtigkeit für die europäische Integration, Wirtschaft und Politik gar nicht zu überschätzen ist.

Wir springen lieber selber von der Klippe

Und dieser Kommissar Oettinger veröffentlicht also diesen jetzt schon legendären Tweet, der zum Lesen seines Interviews mit der FAZ animieren soll. An diesem Tweet ist so viel falsch, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Mein ehemaliger Mathematik-Lehrer hätte darunter geschrieben: „Ihr Tweet spricht von einer bedauernswerten Unkenntnis der Materie. Ungenügend.“

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Nein, Herr Oettinger, Tablets und iPhones bieten keine Newsfeeds an. Und bevor Sie uns vor „diesen neuen Anbietern“ schützen wollen, springen wir lieber freiwillig von der Klippe in die Tiefe. Der Link zum Tweet führt übrigens direkt zur FAZ-Bezahlschranke. Ob die Tageszeitung, die von sich behauptet, dass sie von klugen Köpfen gelesen wird, von dieser Art Werbung auf Twitter profitiert, muss an dieser Stelle außerdem bezweifelt werden.

Noch bis 2019 in Amt und Würden

Der richtige Mann an der richtigen Stelle in der EU-Kommission könnte gerade jetzt so viele wichtige Dinge tun. Gerade die Digitalisierung bietet Europa große Chancen für die kommenden Jahre. Da ist ein weites Feld zu beackern. Von der Datensicherheit, Förderung von Startups bis zur Bildung eines gemeinsamen europäischen Binnenmarktes. Hier wäre es wichtig, dass eine Person mit Fachkenntnis und Kampfeslust ihre Ideen für eine digitale Zukunft umsetzen würde.

Günther Oettinger könnte bestimmt an anderer Stelle gute Sachen umsetzen. Zum Beispiel in Baden-Württemberg, wo er fünf Jahre Ministerpräsident war. Aber er wird noch bis 2019 als Fachmann für digitale Wirtschaft in Brüssel tätig sein. Vielleicht könnte er in dieser Zeit wenigstens seinen Twitter-Account in sachkundige Hände geben. Das spart Nerven.

Foto: NamensnennungKeine Bearbeitung Bestimmte Rechte vorbehalten von Michael Panse