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Die Offtime-Gründer (v.l.n.r.): Marc Scherfenberg, Andreas Bernhard, Alexander Steinhart und Michael Dettbarn.

Offtime: „Es braucht eine App, die uns hilft, mit unserer Unfähigkeit umzugehen“

Seit über einem Jahr arbeiten Alexander Steinhart, Andreas Bernhard, Marc Scherfenberg und Michael Dettbarn an der App Offtime. Ihre erklärte Mission: Mehr Zeit für Familie und Beruf, weniger am Smartphone. Offtime bietet Statistiken über die Smartphone-Nutzung und über frei konfigurierbare Profile das gezielte Ausschalten von etwa Apps oder Telefonaten. Die Version 1.0 ist gerade für Android erschienen und konnte in den ersten zwei Wochen nach eigenen Angaben etwa 50.000 Downloads generieren. Derzeit befinden sich die Berliner in Finanzierungsgesprächen, die Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres abgeschlossen sein sollen. Gründer Alexander Streithart im Interview.

Hallo Alexander, auf deiner Visitenkarte steht „Mitgründer/Psychologie“.

Wir sind vier Gründer und mein Hauptfokus und mein Hintergrund sind die Psychologie.

Eure App Offtime will die Smartphone-Nutzung reduzieren. Wie nehmen Nutzer die App an?

Die App polarisiert, es gibt Leute die lieben die Idee und die App und es gibt Leute die werden nicht wirklich warm damit.

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Zahlen, Daten, Fakten?

Wir hatten eine geschlossene Beta und erreichten knapp 20 Prozent Wachstum. Derzeit wachsen wir dreistellig. Die Retention-Rate ist durchschnittlich. Wir konnten ein Rating von über vier Sternen auch nach unserem Launch halten. Und die Auszeit, eine unserer wichtigsten Größen, beträgt bisher im Durchschnitt 3,5 Stunden.

In welchem Zeitraum?

Am Stück, um sich auszuklinken. Es gibt Leute die klinken sich nur einmal aus, aber auch viele die sich mehrmals in der Woche und selbst mehrmals am Tag ausklinken.

Man öffnet die App – und dann?

Dann erhält man eine Übersicht der Smartphone-Nutzung des aktuellen Tages. Man kann in die Tiefe gehen, etwa schauen, wie viele Anrufe man tätigte, wie viele Apps genutzt wurden und so weiter. Gleichzeitig gibt es die Funktion, aktiv auszuschalten: ein Kommunikationsfilter, der je nach Profil Eingehendes und Ausgehendes filtern kann.

Welche Profile benutzt du selbst?

Ich habe beispielsweise ein Meeting-Profil, das lediglich ein verbessertes Do-Not-Disturb (DND) ist. Es kommt niemand durch – bis auf meine Freundin. Für den Fall, dass unser Kind schreit und sie nicht weiß, was zu tun ist (lacht). Alle anderen kriegen eine Nachricht, dass ich zu einer bestimmten Uhrzeit wieder erreichbar bin. Ein weiteres meiner Profile blockiert den Zugriff auf alle Apps, wenn ich Abends komplett bei meiner Familie sein möchte. Ich habe dadurch quasi wieder ein altes Nokia, mit dem ich nur telefonieren kann. Ich habe bemerkt, dass ich mit den Apps zu viel Zeit verschwende. Ich möchte mein Kind aufwachsen sehen. Vorher habe ich ein bis zwei Stunden pro Tag am Smartphone gehangen. Das habe ich nun radikal heruntergeschraubt.

Welche Daten nutzt ihr für die Auswertung? Interne Smartphone-Daten oder auch extern verfügbare Nutzerdaten?

Der Nutzer hat eine Übersicht über seinen kompletten Smartphonegebrauch. Für die Weiterentwicklung der App selbst beziehen wir nur App-Interne-Daten.

Und das soll auch so bleiben?

In der ersten Version auf jeden Fall. Wir wollen, dass die Daten auf dem Gerät bleiben.

Ihr besitzt spannende Datenprofile – die sich verkaufen ließen.

Unser Fokus ist das aktive Abschalten – und nicht das Datensammeln. Und darauf versuchen wir unser Businessmodell zu bauen.

Und wie? Mit Premium-Features?

Wir sind noch in einer sehr frühen Phase und prüfen derzeit in alle Richtungen. Neben dem Techniknutzen selbst, das für viele ein Problem ist, hat die Technik auch einen großen Einfluss auf die Work-Life-Play-Balance. Wir führen mit der Berliner Humboldt-Uni zusammen Studien durch: die erste Woche ohne und und dann eine Woche mit Offtime. Die Leute, die Offtime genutzt haben, waren in der Woche signifikant motivierter bei der Arbeit, generell entspannter und konnten besser abschalten und waren in der Tendenz weniger erschöpft. Früher hatten die Firmenbosse Angst, dass ihre Mitarbeiter zu viel Party machen. Und heute haben sie Angst, dass die Mitarbeiter zu viel arbeiten, da es auf lange Sicht gesehen nicht zuträglich für die Firma ist. Aus dieser Erkenntnis heraus wollen wir Kapital schlagen und Firmen angehen. Einen ersten Firmenkunden konnten wir schon gewinnen.

Seid ihr dann eher ein B2C- oder B2B-Produkt?

Das wissen wir auch noch nicht. Das wird sich zeigen, wenn wir die ersten paar Millionen Downloads haben..

Wie wollt ihr diese erste Million erreichen?

Unsere größten Konkurrenten sind der Aus-Knopf und der Flug-Modus. Und da es dort in den letzten Jahren keine Innovation gab, ist es schwierig, unser Modell zu erklären. Wir wollen Marketing betreiben, hoffen auf Viralität und dann organisches Wachstum.

Es ist schon etwas paradox: Warum braucht es erst Technik, um Technik auszuschalten?

Ein Punkt ist, dass wir in in den letzten zehn bis 20 Jahren in einem Informationsüberflusszeitalter gelandet sind. Das Handy ist immer dabei, das Weltwissen ist quasi zwischen unseren Fingerspitzen. Gleichzeitig gab es eine soziale Revolution. Das heißt, es sind soziale Informationen, mit denen man erstmal lernen muss, umzugehen.

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Ich finde die Analogie zum Essen schön: In der Nachkriegszeit gab es mehr und mehr Essen und gleichzeitig einen Essensüberfluss. Es gibt Menschen, die damit umgehen können, aber es gibt auch eine große Gruppe, die versagt, die übergewichtig wird. Und genauso ist es mit dem Informationskonsum: Es gibt eine Gruppe, die super damit umgehen kann, abschalten kann. Und es gibt Menschen, die Schwachpunkte haben, Abends schnell E-Mails checken, prokrastinieren, zu viele Benachrichtigungen erhalten, nicht wissen, wie Einstellungen zu handhaben sind.

Wir sind soziale Tiere, der Freundeskreis ist relevant und hat das Überleben gesichert. Und der Mensch lernt gerne: Neue Informationen machen uns evolutionsbedingt glücklich. Zudem werden wir super schnell konditioniert. Und das Ungewisse – ab und zu gibt es wichtige Neuigkeiten auf dem Smartphone und dann wieder nicht – konditioniert uns noch mehr. Und gerade da braucht es eine App, die uns hilft, mit unserer Unfähigkeit umzugehen.

Um nochmal auf die Essens-Analogie zurückzukommen: Neben den persönlichen Faktoren gab es auch eine Essensindustrie, die günstiges Essen, Junkfood, herstellte. Und die Folgen sehen wir heute, mit 30 Prozent Übergewicht in den USA. Und erst heute wird angegangen, wie wir unsere Kinder erziehen, dass wir weniger Zucker und Aromastoffe aufnehmen und so weiter. Vor wenigen Wochen kündigte Coca Cola an, kleinere Flaschen zu verkaufen. Das ist ein Eingeständnis, dass das eigene Produkt nicht das gesündeste ist.

Und so ist es mit den Informationen: Alle jetzt entstehenden Business-Modelle beruhen darauf, mehr Online-Nutzer zu generieren und sind alghorithmisch darauf optimiert, den Nutzer zurückzubringen. Und sie suchen einen schwachen Punkt: wenn man müde ist, Aufheiterung oder Stimulation braucht. Und das ist der zweite Grund, warum es eine App braucht – weil alle anderen Apps den eigenen Schwachpunkt suchen. Als vor 40 Jahren Weight Watchers gegründet wurde, haben alle gelacht, heute macht das Unternehmen mehr als eine Milliarde Dollar Einnahmen pro Jahr.

Steht ihr also auf Kriegsfuß mit all den großen Internet-Konzernen? Apple etwa nimmt regelmäßig Apps aus dem AppStore, die das Geschäftsmodell von anderen Apps im Store obsolet machen, beispielsweise AdBlocker. Habt ihr Angst, dass es euch ähnlich ergeht?

Apple ist sehr restriktiv, das stimmt. Manche Funktionen, die wir bei Android gut, oder mit Tricks umsetzen können, die werden bei Apple nicht funktionieren. Wir hoffen, dass sich Apple nach und nach öffnen wird. Mit iOS6 etwa wurde DND eingeführt und Apple hat damit gezeigt, dass es einen Bedarf gibt. Dass der Nutzer sich selbst limitieren möchte, spricht allerdings gegen das Geschäftsmodell von Apple.

Alexander, danke für das Gespräch.

Bild: Offtime