Lucas-von-Cranach-Onefootball

Wenn WM ist, hat Deutschland 80 Millionen Bundestrainer, lautet eine gängige Fußballweisheit. Auf Sofas in der ganzen Republik fühlen sich Menschen berufen, Jogi Löw und seinen Spielern sportliche Ratschläge zu geben. Auch Lucas von Cranach sitzt weich, als er am Dienstagabend auf der Bühne der Berliner Factory erzählt, was die anderen besser machen können – zwar nicht im Spitzenfußball, aber im Training der deutschen Startup-Szene.

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„Die Leute bekommen zu schnell Geld für ihre Geschäftsmodelle – und auch zu viel“, sagt der Gründer und CEO von Onefootball, der mobilen Plattform für Fußballfans aus Berlin. Deswegen würden Jungunternehmer in Deutschland oft nicht verstehen, was es wirklich bedeute, ein Startup aufzubauen: zu scheitern und trotzdem weiterzumachen. „Ich wünsche jedem, dass er ein wirklich aussichtsloses erstes Jahr durchmacht, in dem einfach gar nichts funktioniert“, sagt von Cranach mit Blick auf andere Gründer. Denn nur so könne man herausfinden, ob man wirklich dafür gemacht sei, eine Firma zu führen. „Nur weil du an einer Business School studiert hast oder einer deiner Freunde ein Unternehmen gegründet hat, macht dich das noch lange nicht selbst zu einem Gründer.“

Er selbst sei allein im ersten Jahr nach der Gründung 2008 fünf Mal kurz vor dem Aufgeben gewesen, erzählt von Cranach. Doch er hielt durch und machte Onefootball zu einer der reichweitenstärksten Fußball-Plattformen der Welt: Die App gibt es in 15 Sprachen, sie wurde bislang mehr als 24 Millionen Mal heruntergeladen und verzeichnet fünf Millionen monatlich aktive Nutzer. Die wichtigsten Märkte sind laut von Cranach die DACH-Länder und Großbritannien, gefolgt von Italien, Spanien, Brasilien, Mexiko und Argentinien. Und das alles fast ohne Marketing.

Erst das Produkt, dann der Umsatz

„Uns gehört die Zeit der Fans“, erklärt der CEO den Erfolg. 45 bis 50 Sessions verzeichne Onefootball pro Nutzer im Monat, durchschnittlich würden die Zugriffe zwei bis drei Minuten dauern. „Deswegen müssen auch die Klubs und Spieler mit uns zusammenarbeiten – weil wir das Publikum haben.“ Um an diesen Punkt zu kommen, habe Onefootball lange Nutzerbedürfnisse über Leistungskennzahlen gestellt. „Die Wünsche der User erfüllen und deine Plattform auf Umsatz optimieren, das geht nicht gleichzeitig“, sagt von Cranach. „Aber irgendwann musst du dich auch auf die Einnahmenseite konzentrieren.“ Etwas, das etwa das zuletzt in Bedrängnis geratene Musik-Startup SoundCloud leider nicht geschafft habe. Onefootball selbst steht zur Profitabilität ebenfalls noch ein weiter Weg bevor, wie von Cranach zuletzt in einem Podcast von DigitalKompakt bestätigte, ohne jedoch einen konkreten Zeitrahmen zu nennen.

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Die konservative deutsche Sichtweise auf Startups mag der CEO ganz und gar nicht. „Diese Attitüde ist das Schlimmste: Wenn ich morgen verkünden würde, dass wir eine Riesen-Finanzierungsrunde bekommen, und ein Jahr später scheitert mein Geschäft, dann würden alle sagen: ‚Hab ich’s doch gewusst! Der Typ ist ein Freak, und schaut euch sein Produkt an, ich habe das ja nie benutzt!‘“ Deutschland habe großartige junge Unternehmen, aber Öffentlichkeit und Medien würden sie schlicht nicht beachten. „Wenn du keine 5.000 Mitarbeiter hast und keine Milliarden Umsatz machst – egal ob unter dem Strich Verluste stehen – giltst du als shitty company“, so von Cranach. Da sei es oft besser, in der Presse erst gar keine zu hohen Erwartungen aufzubauen.

Und auch von sich selbst sollte man als Gründer nicht zu viel verlangen, warnt der der Onefootball-CEO auf der Factory-Bühne. „Du kannst nicht alles übernehmen: Marketing, Sales, Investment, Strategie“, habe er beim Zusammenstellen seines Teams bemerkt. „Du musst Leute anheuern, die besser sind als du selbst.“

Bild: Alex Hofmann/Gründerszene