Otto Birnbaum Partech

Partech stockt weiter auf. Nun auch personell, nachdem der französische VC bereits zu Jahresbeginn bereits einen neuen Fonds mit einem Volumen von 200 Millionen Euro angekündigt hatte. Insbesondere soll der Standort Berlin, der seit 2012 von Gabriel Matuschka geleitet wird, zukünftig gewichtiger werden.

„Ziel ist es, ein Team von vier Leuten in Berlin aufzubauen“, erklärt Otto Birnbaum gegenüber Gründerszene. Als weiterer Principal in Berlin verstärkt er zusammen mit Boris Golden, Alban Wyniecki und André François-Poncet, die in Paris arbeiten, ab sofort das Team des Startup-Geldgebers. „Das Gewicht soll von Paris mehr nach Berlin verlagert werden“, so der 30-Jährige. Verstärkung für die Hauptstadt wird gerade gesucht. Vor gut einem Jahr hatte der deutsche Partech-Partner Andreas Schlenker das Unternehmen verlassen.

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In Deutschland ist Partech vor allem durch Investitionen in Qype, Brands4Friends oder Wundercar bekannt. Marktplätze und E-Commerce sollen auch weiter im Fokus stehen. „Ganz konkret wollen wir uns aber auch in zwei weiteren Branchen umschauen: FinTech und MedTech“, erklärt Birnbaum weiter. „Weil diese Industrien wahnsinnig ineffizient sind und nach Innovation schreien.“ Mit dem Kredit-Startup Auxmoney und dem Währungshändler Kantox sowie der Diagnose-App Klara hat Partech in beiden Bereichen schon erste Investments getätigt. Weitere sollen bald folgen.

Birnbaum kommt vom Lebensmittel-Startup HelloFresh, dort hatte er für einige Monate die Rolle eines Interims-CMO übernommen. Davor arbeitete er bei der New Yorker Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners, wo er unter anderem einen größeren VC-Fonds und Tech-Unternehmen als Kunden betreut habe.

Gegründet wurde Partech ursprünglich in den achtziger Jahren in San Francisco, in den neunziger Jahren siedelte der VC nach Paris um. Seit 2012 gibt es auch eine Niederlassung in Berlin. Zu Beginn war Wagniskapital das Kerngeschäft – mittlerweile gibt es auch einen Seed- und einen Wachstumsfonds.

Der Topf für die frühe Phase ist bereits der zweite, Nummer eins umfasst 30 Millionen Euro und ist seit Ende 2014 ausgeschöpft. Der Nachfolger soll am Ende rund doppelt so schwer sein, das werde für mehr als zehn Investments in den USA und 40 in Kontinentaleuropa reichen. Der aktuelle Venture Fonds ist 120 Millionen Euro schwer, noch für maximal eine Handvoll Investments sei Geld übrig – im kommenden Jahr soll ein weiterer aufgesetzt werden. Ganz frisch ist der Growth-Fonds, insgesamt 300 Millionen Euro sollen gesammelt werden, 200 Millionen Euro sind bereits zusammen gekommen. Davon werden zwei Drittel in Kontinentaleuropa investiert, heist es von Partech.

Update vom 1. April 2015: Partech hat das Closing des neuen Seedfunds mit einem Volumen von 65 Millionen US-Dollar offiziell bekannt gegeben.

Im Interview spricht der neue Partech-Principal Birnbaum darüber, ob europäische Investoren genug Kapital investieren, was die größten Unterschiede zu den USA sind und welche Qualitäten einen guten Gründer ausmachen.

Otto, warum legt Partech künftig einen stärkeren Fokus auf Berlin?

Hier gibt es, anders als etwa in Paris oder London, viel Platz für Neues. Das zieht junge und talentierte Menschen an. Und das wiederum bedeutet viel Potenzial für VCs.

Es heißt immer: Europäische VCs sind nicht mutig genug, geben zu geringe Summen. Stimmt das?

Die Summen sind ja in Europa in den letzten Jahren schon deutlich größer geworden. Und sie sind nicht zu klein. Man muss immer schauen: Wofür braucht man wie viel Geld? Wir und auch andere VCs geben den Startups so viel Geld wie sie brauchen, um ein bis zwei Jahre weiter zu wachsen. Ich glaube nicht, dass die einzelnen Runden größer sein müssen – aber es sollte insgesamt mehr Runden geben..

Dennoch sind die Summen aber fast immer niedriger als in den USA.

In den Phasen Seed oder Series A braucht man keine zehn Millionen Euro, weil man noch am Geschäftsmodell feilt und Dinge ausprobieren muss. Weniger Geld kann manchmal sogar zu einem langfristig nachhaltigeren Produkt führen, da das Unternehmen dann gezwungen ist, sich auf den Kernnutzen des Produktes zu konzentrieren. Die großen Summen in Amerika kommen oft aufgrund des stärkeren Wettbewerbs innerhalb der VC-Industrie zu Stande.

Warum kommen Unternehmen wie Slack oder Snapchat aber meist aus den USA? Wird hierzulande nicht auf die richtigen Geschäftsmodelle gesetzt?

Weil es unterschiedliche Märkte sind mit unterschiedlichen Zeitzyklen. In den USA ist der Markt weiter entwickelt, sowohl auf Kunden- als auch auf Firmenseite. Europäische Konsumenten sind bei neuen Angeboten manchmal eher zögerlich.

Muss also Schritt Nummer eins für deutsche Startups sein, in die USA zu gehen?

Das kann man so schwer pauschalisieren und ist stark von dem Produkt beziehungsweise dem Markt abhängig. Wenn sich deutsche Startups dazu entscheiden, in die USA zu gehen, wird es allerdings oft auch einfacher im nächsten Schritt von internationalen Investoren Geld einzusammeln.

Gibt es in Europa verhältnismäßig weniger und kleinere VCs, weil es nicht genügend Fondsinvestoren gibt?

Richtig. Die großen Unternehmen müssen erst noch verstehen, dass Innovation immer am Rand passiert, nicht im Zentrum. Einige haben das auch schon. Aber ihre Antwort ist eine andere als in den USA oder England: Fast jeder deutscher Konzern scheint seinen eigenen Inkubator aufzubauen, um „unter Aufsicht“ gründen zu lassen. Ich denke es wäre besser, das Ganze freier und weniger kontrolliert anzugehen.

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Was heißt das konkret?

Die Konzerne sollten lieber als „Limited Partner“ in VC-Fonds oder in unabhängige Inkubatoren investieren. In einigen Ländern müssen gewisse Prozente des Kapitals etwa von Rentenkassen als Risikokapital investiert werden. Mit solch einem Modell könnte die Gründerszene in Deutschland einen großen Schritt nach vorn machen.

Es wird ja viel diskutiert, welche Rolle die Politik haben kann oder muss. Spielt sie überhaupt eine?

Kurzfristig vielleicht, langfristig nein. Zumindest aus Startup-Sicht: Wenn die Politik nicht reagiert, dann verliert sie die Wirtschaft – und junge, innovative Unternehmen entstehen dort, wo das Umfeld am vorteilhaftesten für sie ist. Im digitalen Zeitalter ist der physische Standort nicht mehr so wichtig.

Zurück zu Partech. Wie kommt man an Euer Geld – was genau sucht Ihr?

Marktgröße, ein gutes Produkt und vor allem, das sagen VCs ja immer, ein gutes Team: Die Gründer und die frühen Mitarbeiter müssen gut zueinander passen, ihre Fähigkeiten müssen sich komplementieren und es müssen relevante Erfahrungen hinsichtlich des Produkts bestehen.

Was genau heißt „relevante Erfahrungen“ – meist haben Gründer ja nicht besonders lange in einem bestimmten Unternehmen gearbeitet.

Wichtig ist, dass man sich mit der Materie ausführlich auseinandergesetzt hat. Das heißt ja nicht, dass man fünf Jahre bei Amazon gearbeitet haben muss, um etwas über das Internet verkaufen zu können. Wenn man ein Logistik-Startup aufbauen will, kann es aber durchaus hilfreich sein. Wenn keiner im Team einen besonderen Bezug zur Materie hat, wird es jedenfalls schwerer.

Noch kurz zum Schluss und bitte ganz knapp: Welche drei Charaktereigenschaften zeichnen einen guten Gründer aus?

Empathie, Energie und Enthusiasmus.

Otto, vielen Dank für das Gespräch!

Bild: Michael Berger / Gründerszene