Gandalf

Am Ende kommt Gandalf und alles wird gut. Aber es gibt leider auch schwarze Zauberer

„Was immer du fragst. Palantir hat die Antwort.“ Diese Art der Werbung würde bei jedem anderen Unternehmen lächerlich klingen. Im Falle des Big-Data-Analysten aus dem Silicon Valley klingt dieser Satz aus einer Unternehmenspräsentation furchteinflößend. Palantir gilt als die mächtigste Spionage-Maschine der Welt. Mit Hilfe von Algorithmen ist die Software in der Lage, gewaltige Mengen von Daten zu strukturieren und blitzschnell gewünschte Informationen zu finden. Antworten auf alles eben.

Gegründet wurde Palantir* im Jahr 2004 von Alex Karp, Joe Lonsdale und Peter Thiel. Richtig, Peter Thiel ist Anhänger und mittlerweile Berater von US-Präsident Donald Trump. Präsident Trump hat also Zugang zu einer Spionage-Software, die in den falschen Händen großen Schaden anrichten kann.

Einstiegs-Gehälter deutlich über 100.000 Dollar

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Wenn man Räumlichkeiten von Palantir in Palo Alto besucht, wirkt zunächst alles locker. Junge Angestellte lümmeln auf Sofas, schauen TV-Serien oder haben Spaß mit der Playstation. Sie verdienen gutes Geld, man spricht von Einstiegs-Gehältern von deutlich über 100.000 Dollar im Jahr. Mitten in Downtown hat man aus einem alten Lagerhaus die Kantine gemacht. Hier gibt es an langen Tischen hervorragendes Essen für die Mitarbeiter. Alles sehr cool, jung und hip.

In den Konferenzräumen von Palantir wird es dann deutlich förmlicher. Ein schwerer Holztisch, Lederstühle und Kameras in jedem Winkel des Raumes lassen sofort klaustrophobische Geheimdienstatmosphäre aufkommen. Und die Geheimdienste spielen eine große Rolle in der Geschichte und im aktuellen Wirken von Palantir.

Einer der ersten Palantir-Investoren war die CIA. Und Palantir hat auch nie geheim gehalten, dass man seine Kundschaft besonders bei Geheimdiensten und in anderen staatlichen Einrichtungen sieht. 2015 wurde ein stylisches Büro am Rotschild Boulevard im Herzen von Tel Aviv eröffnet. Auf die Frage, ob man mit dem israelischen Mossad zusammenarbeiten würde, erhält man von Palantir-Managern lediglich ein mitleidiges Lächeln. Auch in Berlin-Charlottenburg gibt es ein Büro. An was dort gearbeitet wird, ist nicht bekannt.

„Wir jagen hier die wirklich bösen Jungs“

Das Online-Magazin The Intercept hat vor einigen Tagen berichtet, dass die Spezialisten für Datenverarbeitung auch ein Überwachungsprogramm für die NSA und deren „Five-Eyes“-Partner entwickelt hätten. Auskünfte gibt es in dieser Sache natürlich auch nicht. Palantir weiß alles, sagt aber nur wenig über das eigene Geschäft. Alle Mitarbeiter sind zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet.

Wenn man die jungen Angestellten fragt, was sie bei Palantir machen, erhält man eine Auskunft, die sehr einstudiert wirkt: „Wir jagen hier die wirklichen bösen Jungs.“ Bad guys. Aha. Man präsentiert sich als Terroristenjäger. Stellt sich nur die Frage, wer darüber entscheidet, wer ein Terrorist ist. Als Waffe stehen den Spezialisten hier Massen an Daten zur Verfügung. Ob die sehr jungen Programmierer und Datenbearbeiter den politischen Zusammenhänge ihrer Arbeit in jedem Fall erkennen können oder wollen, ist eher unwahrscheinlich. Offiziell lautet das Ziel der Firma jedenfalls: Wir reduzieren den Terrorismus und erhalten gleichzeitig die Freiheit. Es wird allerdings von vielen Seiten bezweifelt, ob der zweite Teil dieses Bekenntnisses wirklich einzuhalten ist, wenn man den ersten Teil ernst nimmt.

Wer ist mein Freund, wer ist mein Feind?

Die Software XKeyscore, die aus dem Hause Palantir stammt, soll laut den Dokumenten, die Edward Snowden zugänglich gemacht hat, die mächtigste Spionage-Waffe der NSA sein. Das Programm sammelt alles, was der typische Nutzer im Internet macht. Laut Intercept geht es dabei um Emails, Chats, Daten des Webbrowsers, Fotos, Daten aus Online-Werbung, Social-Media-Traffic, Tastaturbewegungen bei Log-Ins, Kombinationen aus Username und Passwort, hochgeladene Dateien, Skype-Telefonate und vieles mehr. Es stehen also genug Daten zur Verfügung, um jeden Einzelnen von uns zu identifizieren und zu überwachen.

Durch die enge Verbindung zwischen US-Präsident Donald Trump und Palantir-Mitgründer Peter Thiel ist die Firma noch näher ins Zentrum der Macht der USA gerückt. Ausgerechnet für Trump ist die mächtigste Spionage-Maschine jetzt in Reichweite. Ein Mann, der der freien Presse den Kampf angesagt hat und dessen Berater Steve Bannon erklärt, dass er „im radikalen Rückbau des Staates eines der obersten Ziele der US-Regierung“ sieht.

Ob er damit wirklich die Zerstörung des Staates meint oder lediglich einen Rückbau, lässt er dabei im Vagen. Auch bei der Durchsetzung radikaler Ziele wäre Palantir mit seiner Fähigkeit der Datenanalyse auf alle Fälle sehr hilfreich. Trump ist ein Mann, der die Welt in Freunde und Feinde einteilt. Seine Feinde könnte er mit Hilfe von Palantir in Sekundenbruchteilen identifizieren.

Magische Kräfte wie in Herr der Ringe

Zuletzt geriet Palantir in die Schlagzeilen als es im Zuge der neuen Einreiserichtlinien des Präsidenten hieß, die Firma würde Trump dabei helfen, ein Register mit allen Moslems in den USA aufzubauen. Demonstranten gegen dieses Vorhaben sammelten sich im strömenden Regen vor dem Hauptquartier in Palo Alto. Mitgründer Karp dementierte diese Berichte und sagte, so ein Register sei technisch unmöglich.

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Die beiden Hauptprodukte von Palantir heißen Gotham und Metropolis. Die Palantir-Macher sind außerdem besessen von der Herr-der-Ringe-Fantasy-Welt von J. R. R. Tolkien. Viele Projekte sind hier nach Charakteren aus Herr der Ringe benannt. Auch die Sitzungsräume. Die Arbeit von Palantir soll so einen magischen, überirdischen Touch erhalten. Und es fühlt sich durchaus wie Magie an, wenn eine Maschine auf alle Fragen eine Antwort hat. Bis jetzt haben wir uns in Sachen Datensicherheit oft damit beruhigt, dass am Ende ein guter Zauberer wie Gandalf aus dem Herrn der Ringe diese Kräfte einsetzt, damit am Ende die Guten gewinnen. Durch die Verbindung von Peter Thiel und Donald Trump ist es jetzt denkbar, dass ein mächtiger Mann mit einer undurchschaubaren und in Teilen gefährlichen Agenda die mächtige Technologie von Palantir einsetzt, um seine Kritiker zu bekämpfen und zum Schweigen zu bringen – und damit unsere Freiheit in Gefahr bringt.

Zahlen und Fakten zu Palantir:

Das 2004 gegründete Unternehmen bereitet sich auf einen Börsengang vor. Der Umsatz in 2015 betrug 1,7 Milliarden Dollar. Der Unternehmenswert wird auf 20 Milliarden Dollar geschätzt. 

*Palantir sind bei Herr der Ringe sehende Steine, die über jede Distanz Verbindung zueinander halten können, sodass die Besitzer in der Lage sind mit ihrer Hilfe über große Entfernungen zu kommunizieren. Ihre Verwender konnten den Lauf der Dinge erheblich beeinflussen. Sie trugen auch dazu bei, das Reich von Gondor lange zu behüten und zusammenzuhalten.

Foto: NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von Gage Skidmore; Facebook-Foto: Drew Angerer