Paymill ist die Zeit weggelaufen. Als vor kurzem eine Übernahme platzte, kam das von Rocket Internet unterstützte Startup unter finanziellen Druck. Der Gründer Mark Henkel möchte nun mit einer „strategischen Insolvenz“ Zeit gewinnen, sagt er im Gespräch mit Gründerszene.

Gestern hat sein Münchner Payment-Startup das vorläufige Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung angemeldet und die Entscheidung den 60 Mitarbeitern verkündet. „Das war emotional“, sagt Henkel. Als neuen Geschäftsführer hat Henkel den Sanierungsexperten und Rechtsanwalt Vincenz von Braun ins Boot geholt. Er will einen Käufer für das Unternehmen finden, das seinen Firmenkunden Zugang zu Schnittstellen bietet, mit denen sie Kreditkartenzahlungen auf ihren Webseiten ermöglichen können. Zu den insgesamt 1.800 Firmenkunden gehören laut Paymill auch Doodle, Freeletics und Flixbus.

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Im Jahr 2012 hatte Rocket Internet das Startup nach dem Vorbild des US-Konkurrenten Stripe gestartet. Seitdem investierten die Kapitalgeber insgesamt 18 Millionen US-Dollar in Paymill. Neben Rocket gaben noch Sunstone Capital, Blumberg Capital und Holtzbrinck Ventures Geld.

„Um im Fintech-Bereich groß zu werden, braucht man eine Banklizenz. Das hat aber zu viel Zeit gekostet“, erklärt Henkel. Also sei man auf strategische Partner angewiesen gewesen und das habe das Wachstum des Startups limitiert. Daher hätten VCs nun kein Geld mehr nachschießen wollen.

Sanierungsexperte von Braun sieht die Wahrscheinlichkeit für einen erfolgreichen Verkauf in den nächsten zwei Monaten des Verfahrens bei über 50 Prozent. „Das Unternehmen hat einen wertvollen Kern, ein gutes Team und Produkt“, sagt er im Gespräch. Dass es bereits Interessenten gegeben habe, die kurz davor waren, Paymill zu kaufen, sieht er als positives Zeichen. Das moderne Insolvenzrecht ermögliche dem Startup nun, weiter nach einem Käufer zu suchen.

Von Braun strebt einen sogenannten „Asset Deal“ mit Betriebsübergang an. Dabei würde ein Käufer die werthaltigen Teile von Paymill inklusive der Mitarbeiterverträge aus der bestehenden Gesellschaft herauskaufen. Das steht im Gegensatz zu einem „Share Deal“, bei dem ein Käufer auch die Forderungen und Schulden von Paymill übernehmen müsste.

Rocket Internet scheint der Fintech-Sektor zunehmend aus den Fingern zu gleiten. Denn die Nachricht der Paymill-Insolvenz steht heute nicht allein: Das Geschwister-Startup Payleven gab heute eine Fusion bekannt: Der ebenfalls 2012 gestartete Square-Klon verschmilzt mit dem Wettbewerber SumUp. Vergangenes Jahr hatte Rocket Internet bereits den Kreditmarktplatz Zencap an das UK-Startup Funding Circle abgetreten.

Bild: Gettyimages/Westend61