Spiegel-compressor

Journalismus soll online endlich Geld bringen. Doch Einmalzahlungen und Abos auf den Nachrichtenseiten zu etablieren, bleibt für die Verlage schwierig. Gerade erst wurde bekannt, dass der Spiegel sein Bezahl-Experiment mit dem Münchner Anbieter Laterpay nach Medienberichten wohl beenden wird. Zu gering sollen die Einnahmen gewesen sein, auch wenn Laterpay-Gründer Cosmin Ene gegenüber Gründerszene kürzlich noch deutlich widersprach. Auch jetzt sei die Kooperation nicht beendet, widerspricht Laterpay gegenüber Gründerszene. Der Spiegel prüfe derzeit verschiedene Optionen.

Richten könnte es für den Spiegel nun wohl der Laterpay-Konkurrent Plenigo, wobei die Gespräche zwischen Startup und Magazin bisher offenbar nicht abgeschlossen sind. Plenigo stammt ebenfalls aus München und ist noch nicht mit größeren Kooperationen in Erscheinung getreten. Gegründet wurde das Startup 2013 von den Unternehmern Maximilian Schweitzer und Thorsten Petter.

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Auch die Morgenpost scheiterte mit Laterpay

Laterpay hatte beim SpiegelPlus-Angebot versucht, den Leser Schritt für Schritt an kostenpflichtige Inhalte zu gewöhnen. Nutzer mussten dabei erst zahlen, wenn sie Artikel im Wert von fünf Euro gelesen hatten. Das scheint jedoch nicht aufgegangen zu sein: Offenbar blieben zu viele Leser unter der entscheidenden Schwelle.

Eine Erfahrung, die bereits die Hamburger Morgenpost machen musste. Ihr Versuch, Leser mit Laterpay zur Kasse zu bitten, endete nach anderthalb Jahren im Sommer 2016. Für den Spiegel könnte Newcomer Plenigo nun ein Abo-Modell umsetzen, mit dem die Hamburger ihr neues, tägliches Format Spiegel Daily finanzieren wollen.

Sich selbst preist Plenigo bisher als Bezahl-System für kleinere und mittlere Publisher an. Ein Großkunde wie der Spiegel wäre neu für das Startup. Besonders sein flexibles Preissystem und die Möglichkeit, vermehrt Kundendaten einzusammeln, sollen Plenigo nun für den Spiegel interessant machen. Daneben bietet das Unternehmen ein WordPress-Plugin an, das sich für kleine Publisher – besonders mit Audio- und Video-Inhalten – eigne, heißt es von Plenigo. Mit unter 2.000 Downloads scheint das Plugin bisher aber nicht sonderlich populär zu sein.

Innovative Konzepte kommen auf den Markt

Derzeit nutzen die meisten deutschen Verlage selbst entwickelte Bezahlfunktionen oder greifen auf Angebote etablierter Paywall-Hersteller zurück. Größter Anbieter in Europa ist Piano.io – ein New Yorker Unternehmen, das 2015 aus der Fusion von Tinypass und Piano Media hervorging. In Deutschland nutzt zum Beispiel DuMont den Service für sein Online-Angebot des „Kölner Stadt-Anzeigers“. International zählen unter anderem NBC und Rupert Murdochs News Corp. zu den Kunden.

In den letzten Jahren sind einige innovative Konzepte auf den Markt gekommen – bisher jedoch mit mäßigem Erfolg. Neben Laterpay versucht Blendle aus den Niederlanden Zeitungsangebote in einem digitalen Kiosk zu bündeln und einzeln zu verkaufen. Seit Anfang des Jahres experimentiert das Startup auch mit einem neuen Abo-Modell: Dabei kann der Nutzer 20 Artikel täglich für einen Festpreis lesen, die Auswahl der Texte trifft ein Algorithmus. Bisher ist das Angebot allerdings nur in den Niederlanden verfügbar. Ebenfalls frisch auf dem Markt ist das Startup Steady, das Crowdfunding-Abos für kleine Publisher verkauft.

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Was sich Verlage von der Gründerszene abschauen sollten

Wie erfolgreich Online-Medien mit Paywalls sind, ist schwer einzuschätzen. Rund 120 News-Angebote mit Paywall gibt es in Deutschland. In der Branche will sich jedoch fast niemand in die Karten schauen lassen, Zahlen werden nur selten kommuniziert. Einen ungewöhnlich transparenten Weg geht hingegen die Rhein-Zeitung, die seit der Einführung ihrer Paywall offen über Erfolge und Probleme berichtet und auch konkrete Zahlen veröffentlicht. Demnach verzeichnete die Rhein-Zeitung einen starken Einbruch ihrer Reichweite, schafft es jedoch zunehmend, ihre Leser in zahlende Kunden zu verwandeln. Auch die Taz kann ihre Einnahmen seit Einführung ihrer freiwilligen, durchlässigen Paywall geringfügig, aber kontinuierlich steigern.

Nachdem in den vergangenen Jahren viel über zahlungsunwillige Leser und den Niedergang des Journalismus in den Verlagshäusern gejammert wurde, wagen nun immer mehr Medien finanzielle Experimente. So arbeitet zum Beispiel auch Zeit Online derzeit an der Einführung eines Bezahl-Modells. Dass dabei Experimente wie beim Spiegel scheitern, sollte weder überraschen noch entmutigen. Hier können sich Verlage von der Gründerszene noch eine Menge abschauen – ganz nach dem Motto: Fail your way forward.

Bild: Montage / Gründerszene