Pflegetiger Session 2_06.12.2016

Constantin Rosset, Philipp Pünjer und Moritz Lienert leiten das Rocket-Startup Pflegetiger

Seit Monaten ist ein neuer Rocket-Zögling auf dem Markt: das Berliner Startup Pflegetiger, das sich um die Vermittlung von Pflegekräften kümmert. Doch bisher gab sich das Berliner Unternehmen bei Nachfragen von Gründerszene immer bedeckt. Es hatte zwar eine Webseite und schrieb regelmäßig Stellen aus. Erste Spuren konnte man außerdem auf der Seite von Visito.eu entdecken, einer Dachfirma für mehrere Pflege-Startups, an der die Berliner Startupschmiede Rocket Internet beteiligt ist. Doch viel mehr Details waren nicht bekannt.

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„Wir haben kein Geheimnis aus unserer Gründung gemacht, wollten uns aber zunächst darauf konzentrieren, Pflegetiger mit der notwendigen Sorgfalt aufzubauen, bevor wir an die Öffentlichkeit gehen“, erklärt Gründer Moritz Lienert die Verschwiegenheit.

Mittlerweile zeigt er sich deutlich offener. Gegründet habe er das Unternehmen mit Constantin Rosset und Philipp Pünjer im vergangenen Sommer, erzählt er in dem Büro im Berliner Bezirk Treptower Park, auf einem alten Fabrikgelände. In dem riesigen Raum stehen nur vereinzelt Schreibtische. An der Decke hängt ein Banner mit dem orangenen Schriftzug „Pflegetiger“.

„Wir haben uns bewusst einen deutschen Namen für das Startup ausgesucht, den jeder schnell verstehen kann“, erzählt Lienert. Viele der Kunden seien älter und verstünden kein oder schlecht Englisch. Doch auch mit dem Namen Pflegetiger kam es schon zu Missverständnissen, wenn auch selten, wie der Gründer betont. Einige Kunden hätten gedacht, dass sich das Startup um Kinder oder Tiere kümmern würde, erzählt er und lacht.

Bis vor zwei Jahren hatten er und Rosset noch mobile Werbung in Russland verkauft – in einer Firma, die sie Ende 2014 verlassen haben. „Wir haben nach einem tiefgründigeren Thema als Werbung gesucht“, sagt Pünjer. Außerdem sollte es VC-finanziert sein: „Das war die Bedingung, um es nachhaltig groß machen zu können.“

Die neue Aufgabe fanden die beiden auf dem deutschen Pflegemarkt. Die Branche ist ihrer Meinung nach aus zwei Gründen attraktiv: Zum einen werden die Deutschen statistisch gesehen immer älter, benötigen also mehr Pflege. Und zum anderen gibt es einen starken Fachkräftemangel. Allein durch den demografischen Wandel könnten laut Bundesgesundheitsministerium rund 200.000 Pflegekräften im Jahre 2025 hierzulande fehlen. Eine extreme Personalknappheit, die Pflegetiger-Gründer Rosset nicht als großen Nachteil, sondern als Vorteil wertet. „Wer sich trotz Fachkräftemangel am Markt gut aufstellen kann, hat gute Chancen“, sagt er.

Das Ziel: Wachsen

Rocket Internet sei von Anfang an als Berater und Geldgeber dabei gewesen. „Rocket hat dieselben Interessen wie wir: Wir wollen alle etwas aufbauen, das groß werden kann“, erzählt Pünjer. Wie viel der Company-Builder in Pflegetiger investiert hat, will der Gründer nicht verraten.

Derzeit ist das Startup nur in einigen Stadtteilen der deutschen Hauptstadt aktiv. Geht es nach den Gründern soll Pflegetiger bald ganz Berlin erschlossen haben, sofern sie dafür genügend Personal bekommen. „Patienten gibt es genug, nur gutes Personal ist schwer zu finden“, sagt Lienert.

Mittlerweile beschäftigt die Firma 55 Mitarbeiter: 40 Pflegefachkräfte und 15 in der Verwaltung. Laut der Gründer arbeitet sie nicht mit freien Pflegekräften zusammen, wie es beispielsweise die ebenfalls kürzlich gegründeten Berliner Anbieter Careship oder Veyo Pflege machen, sondern mit festangestellten Mitarbeitern. Außerdem würden nur ausgebildete Pflegefachkräften beschäftigt – zum Beispiel gelernte Alten- oder Krankenpfleger.

Ein Mitarbeiter für alle Aufgaben

Von teilweise sehr erfolgreichen US-Pflegediensten wie Honor, Hometeam und Homehero distanzieren sie sich. „Wir sind kein Copycat“, sagt Lienert. Der deutsche Markt unterscheide sich fundamental von den USA, weil hierzulande ein Großteil der Leistungen mit den Pflege- und Krankenkassen abgerechnet werde. Diese wiederum hätten strenge Regeln und Auflagen, an die sich das Unternehmen halten müsse.

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Beispielsweise müsse man in Deutschland, um medizinische Pflege anzubieten, mindestens acht Pflegefachkräfte fest anstellen. „Welcher Existenzgründer kann das schon?“, fragt Pünjer. Auch deshalb sei es wichtig gewesen, von Anfang an finanzstarke Investoren zu überzeugen.

Der Hauptunterschied zur Konkurrenz liege aber daran, dass die Pflegetiger-Kräfte nur in der Gegend arbeiteten, in der sie lebten. „Wir setzen auf das Prinzip der Nachbarschaftspflege“, sagt Pünjer. Dadurch würden lange Anfahrtswege, Verzögerungen durch Staus und Parkplatzsuche wegfallen.

Die Mitarbeiter kümmerten sich bei den Kunden um alle anfallenden Aufgaben: von der Grundpflege bis zur Gabe von Medikamenten. „Das unterscheidet uns von anderen Pflegediensten, bei denen die Arbeiten auf verschiedene Mitarbeiter mit unterschiedlichen Qualifikationsniveaus aufgeteilt sind“, sagt Rosset.

Bild: Pflegetiger

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