Wolfgang Jung-Polyas

Wolfgang Jung hat sein Studium für eine Unternehmensgründung abgebrochen

Mittlerweile ist ja fast alles online: Freunde, Katzenvideos oder die Pizzabestellung. Seit 20 Jahren arbeitet der Mathematiker Wolfgang Jung daran, dass auch Wahlen über das Internet stattfinden können. Denn die fristen bisher noch ein Dasein in der Nische. Was auch daran liegt, dass das Thema rein rechtlich nicht in allen Einzelheiten geklärt ist. Noch sind sich die Gerichte nicht einig, ob eine online abgegebene Stimme den selben Wert hat, wie die vor Ort.

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Wolfgang Jung hat sich trotzdem an das Thema gewagt und ist Ideengeber und Entwickler von Polyas. Das Startup wurde 2012 als Spin-Off der Software-Schmiede Micromata ausgegründet. Mit ihrer Wahl-Software können bisher schon Unternehmen, Kirchen, Vereine oder Universitäten online eine Wahl konfigurieren und ihren Mitgliedern zur Abstimmung freigeben. Und das scheint gut anzukommen: Polyas will gerade expandieren und ist auf der Suche nach strategischen Partnern. Wolfgang Jung im Interview zu den Anfängen und rechtlichen Hürden von Wahlen im Internet.

Wolfgang, wie kamst Du zu dem Thema Online-Wahlen?

Ich habe Physik studiert, bin auf Mathematik umgeschwenkt und hatte mit anderen Kommilitionen die erste Online-Wahl in Finnland entwickelt. Wir haben gemerkt, dass wir gut zusammen arbeiten und direkt im Anschluss unsere erste Firma Micromata gegründet, die Kunden-spezifische Software-Entwicklung betreibt.

Hast Du Dein Studium dafür abgebrochen?

Vom Erfolg der Firma inspiriert habe ich mir gesagt, dass ich in meinem Leben wohl nie eine Bewerbung schreiben muss. Wozu brauche ich also einen Abschluss? So habe ich das Studium für die Firmengründung aufgegeben. Die Wahlsoftware hatten wir übrigens seit 1996 im Programm. Damals gab es das Internet noch gar nicht richtig. Wir mussten deshalb noch einen Zusatz für Faxgeräte freischalten. Später ist daraus Polyas entstanden.

Auch 20 Jahre später sind Online-Wahlen nur ein Nischen-Thema. Warum?

Hier in Deutschland macht man nur das, wozu es schon gesetzliche Regelungen gibt und die es einem explizit erlauben, dass man etwas tun darf. Bisher gibt es kaum Rechtsprechung zu Online-Wahlen. In anderen Ländern ist man da schon deutlich weiter.

Hast Du also 20 Jahre in einer Grauzone gearbeitet?

Es war noch nie ein Problem bei allem, was privatrechtlich geregelt ist, etwa bei Vereinswahlen. Interessant wird es erst, wenn es dazu Gesetze gibt, wie eine Wahl abzulaufen hat. Etwa sind Bundes- oder Landtagswahlen klar geregelt. Wir haben aber bereits Betriebsratswahlen durchgeführt, bei denen es klare gesetzliche Vorlagen gibt. Da ist scheinbar ein Bedarf, der vom Gesetz nicht abgedeckt wird.

Die Bundestagswahl 2017 wird also nicht online stattfinden?

Es wird länger dauern. Einfach weil die rechtlichen Bedingungen den Einsatz von elektronischen Hilfsmitteln bei solchen Wahlen ausschließen. Wir hoffen aber, dass die Rahmenbedingungen geändert werden. Denn die Online-Wahl ist deutlich sicherer als etwa die Briefwahl.

Warum ist die Briefwahl dann erlaubt und Online-Wahlen nicht?

Die Briefwahl ist per Gesetz eine Notfalllösung für Menschen, die ihr Wahlrecht aus körperlichen Gründen am Wahltag nicht vor Ort wahrnehmen können. Praktisch ist das nicht, denn sie müssen trotzdem noch zum Briefkasten laufen und einen Zettel einstecken.

Wählen Menschen lieber von zu Hause aus?

Das ist das, was wir beobachten. Mit der Einführung der Online-Wahlen erreichen unsere Kunden eine deutlich höhere Wahlbeteiligung. Deswegen haben wir viele Anfragen von großen Unternehmen, Universitäten, Kammern und sogar Kirchen. Sie wollen ihre demokratischen Prozesse digitalisieren.

Wie kann denn ein Kunde Polyas nutzen?

Klassisch wäre zum Beispiel bei einem Verein die jährliche Vorstandswahl. Aber über Polyas kann man auch Beschlüsse und Umfragen durchführen, die vorher rein informell stattgefunden haben. Und das mit allen Mitgliedern.

Neben der Wahl-Software betreibt Ihr auch Forschung. Der Namensgeber Deiner Firma ist der Mathematiker George Polyá. Was macht ihr in diesem Bereich?

Neben dem Tagesgeschäft machen wir auch noch Forschung und Entwicklung zu Wahl-Systemen, zusammen mit der TU Darmstadt. Da beschäftigen wir uns mit Themen wie der Beweisbarkeit der korrekten Stimmabgabe. Und das ist höhere Mathematik und Kryptographie.

Bild: Gila Kolb