PR-Lügen

Von Garagen, Studentenbuden und Erfolgsdruck: der prototypische Gründer?

Kai Diekmann hat eine scheinbare Metamorphose vollzogen: Nach seinem Austauschjahr im Silicon Valley ist der Chefredakteur der Bild wie ausgewechselt. Vom ehemals geschniegelten Medien-Boss hin zum Startup-Enthusiasten – trendig, hands-on und sowieso always-on. Inwiefern seine 180-Grad-Kehrtwende aber authentisch wirkt, sei dahingestellt.

Wie auch bei Kai Diekmann ist in vielen Köpfen verankert, dass der typische Gründer jung, kreativ und individuell ist; sein Startup hat er entweder wie Steve Jobs in der Garage oder wie Mark Zuckerberg in einer Studentenbude aufgebaut. Und sein Unternehmen muss vor allem eins sein: erfolgreich.

Ich back’ mir ein perfektes Startup

Viele junge Gründer sehen sich mit diesem Fremdbild konfrontiert. Unter dem vermeintlichen Druck, dem entsprechen zu müssen, wird oft die PR-Arbeit ausgerichtet. So wird Journalisten und Investoren eine „aufgehübschte“ Gründerstory vorgetragen – mit Studentenbude und ausgefallenem Hobby – selbst wenn dies nur entfernt der Wahrheit entspricht.

Hinzu kommt, dass das gegründete Unternehmen direkt von Beginn an enorm erfolgreich sein muss. Darum wird die PR gern genutzt, um das Startup durch Übertreibungen – wie etwa viel zu hohe Umsatz- oder Nutzerzahlen – und falsche Fakten – zum Beispiel eine nicht nachzuweisende Marktführerschaft oder fantasierte Übernahmeangebote – in ein besonders gutes Licht zu rücken.

Hierbei entsteht aber ein großes Problem: Das Unternehmen kann seine Versprechungen in der Realität nicht einhalten und verprellt somit Nutzer und Investoren. Auf diese Weise baut die PR zwar das Image eines erfolgreichen Startups auf, welches bei genauerer Betrachtung allerdings wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt.

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

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Dabei ist die „Echtheit“ gerade im Bereich der täglichen Startup-Pressearbeit ein entscheidender Faktor: Journalisten sehen sich täglich dutzenden Pressemitteilungen der revolutionärsten, einzigartigsten und erfolgreichsten Gründungen konfrontiert. Dabei wissen auch sie, dass viele hiervon lediglich aufgeblähte oder gar falsche Fakten wiedergeben. Konkrete, verlässliche Zahlen und wahrheitsgemäße Informationen sind allerdings der Schlüssel zum nachhaltigen, medialen Erfolg.

Diejenigen, die maßlos aufblähen, bauen auf sandigem Grund – nur allzu schnell wird diese Taktik aufgedeckt und sorgt für negative Schlagzeilen – was früher oder später definitiv der Fall sein wird.

Wie schnell ein Kartenhaus zusammenbricht

Journalisten befassen sich im Vorfeld eines Interviews ganz genau mit dem Unternehmen und finden schnell heraus, wenn Features angepriesen werden, die nicht funktionieren oder nicht existent sind. Auch wissen sie, wie man einem Gründer auf den Zahn fühlt und spätestens hier besteht die Gefahr, dass dieser sich mit widersprüchlichen Aussagen selbst verrät.

Wurde zuvor etwa verlautet, dass der Umsatz im oberen fünfstelligen Bereich liegt, der Gründer im Interview allerdings von 1.000 Nutzern spricht, die für den Service fünf Euro bezahlen, benötigt der Redakteur keinen Rechenschieber mehr. Auch haben Redakteure durch ihre Erfahrungen gute Vergleichswerte und können einschätzen, ob angegebene Gewinne realistisch oder fantasiert sind.

Selbst große Unternehmen sind in der Vergangenheit über PR-Lügen „gestolpert“ und haben sich damit das Genick zumindest angebrochen. Ein gutes Beispiel hierfür ist Wiesenhof. Das Unternehmen präsentierte sich stets mit sauberer Weste, bis eine ARD-Reportage aufzeigte, welche Zustände in den Geflügelställen wirklich herrschten.

Ein gutes Produkt macht gute PR leicht

Darum sollte man Folgendes beherzigen: Worauf es bei der PR-Arbeit wirklich ankommt, ist selbstverständlich die Idee an sich und das Produkt. Sind diese gut, haben sie einen wirklichen USP und eine scharfe Abgrenzung zur Konkurrenz, bieten sie von allein genug Material, um die Presse immer wieder mit neuen Ansätzen zu informieren. Aufblähen und Unwahrheiten sollte man sich schenken.

Bild: RainerSturm  / pixelio.de