protonet maya seedmatch

Das ist „Maya“. Orangefarben, sechseckig, etwas kleiner, etwas billiger als die großen Geschwister.

Von B2B zu B2C? Protonet am Scheideweg

Ali Jelveh ist sichtlich aufgeregt. Seine Stimme zittert, als er darüber spricht, wie wichtig ihm Kontrolle über seine Daten sei und wie einfach seine Idee dazu. Er steht vor einem langen Tisch mit einer dunklen Tischdecke, in der Mitte ragt ein ebenfalls in ein schwarzes Tuch eingeschlagener Kasten in die Höhe. „Maya“ wartet auf ihre Befreiung. Jelveh und sein Team haben sich gut vorbereitet: Es gibt Limonade und Bagels, und als Jelveh das Tuch endlich in die Höhe reißt, auch jede Menge Applaus.

Update, 23. Juni: Die drei Millionen Euro sind drin. Über 1800 Einzelinvestoren haben sich bis Montagnachmittag beteiligt. Noch einmal fünf Tage brauchte das Hamburger Startup für die übrigen 1,5 Millionen. Auf Twitter feierte Mitgründer Chrstopher Blum das Rekordfunding mit einem Team-Selfie.

Update, 18. Juni: Zwei Wochen nach dem Crowdfunding in Rekordzeit hat sich Protonet entschlossen, die aktuelle Finanzierungsrunde noch einmal zu öffnen. Ab heute 12 Uhr mittags ist das Crowdfunding wieder geöffnet, deckeln will das Startup die Runde bei 500.000 Euro. Insgesamt hofft man nun auf etwa drei Millionen Euro. Denn immer noch gingen „sowohl bei Seedmatch als auch bei Protonet eine Vielzahl von Anfragen ein, mit der Bitte, das Funding für weitere Investoren zu öffnen“, erklärt das Startup. Mitgründer Ali Jelveh sieht darin eine große Chance: „Je mehr Crowd-Investoren jetzt investieren, desto unabhängiger sind wir von Risikokapital-Gesellschaften. Vielleicht ist es ja sogar möglich, ein Unternehmen wie unseres komplett über die Crowd zu finanzieren.“

Update, 5. Juni: Protonet hat die 1,5 Millionen Euro geschafft. Für das Crowdfunding brauchte das Hamburger Startup gerade mal zehn Stunden und acht Minuten.

Update, 4. Juni, 14:45 Uhr: Die Crowdfunding-Aktion von Protonet läuft seit knapp drei Stunden – und die Geldgeber haben schon fast die Million vollgemacht! Aktuell steht das Funding bei 930.000 Euro. In unter anderthalb Stunden erreichte Protonet 750.000 Euro – was laut Seedmatch schneller als jede Kickstarter-Kampagne ist – und den Crowdfunding-Weltrekord bedeutet. Insgesamt will Protonet 1,5 Millionen Euro bei der Crowd einsammeln.

Die erste Version des Artikels erschien am 4. Juni um 11:15 Uhr. 

„Maya“, der kleine orangefarbene Kasten unter dem Tuch, erweitert die Produktpalette von Protonet nach unten, er wird billiger und weniger leistungsfähig sein als seine großen Geschwister. Die verkauft das Unternehmen unter den Namen „Carla“ und „Carlita“ als Personal Server für mittelständische Unternehmen.

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Die Idee: mit bis zu 50 Personen in einem Team ortsunabhängig über die Protonet-eigene Plattform „Soul“ zusammenarbeiten, Dateien tauschen und Nachrichten versenden – dabei aber nie die physikalische Hoheit über die eigenen Daten verlieren. Denn der Server steht im eigenen Keller. GoogleFacebook, die NSA und die Konkurrenz – ein paar Stecker, ein Knopfdruck und alle vermeintlichen Bösewichte bleiben draußen, so das Versprechen, das Protonet für 3.000 bis 5.300 Euro verkauft.

Maya ist nun deutlich günstiger und hardwareseitig abgespeckt, das Betriebssystem – der eigentliche USP – liefert aber die gleiche Funktionalität. 1.200 Euro kostet die kleinste Box, ein „Laptop-Preis“, sagt Jelveh. „Wir sehen, dass immer mehr Menschen nach einer Alternative suchen, die Alternative kann aber nicht sein, dass wir alle zu IT-Administratoren werden.“

Damit zielt Protonet auf einen neuen Kundenkreis: Freelancer und kleinste Teams fallen genauso darunter wie tech-affine Privatleute, Studenten, Vereine oder einfach gut organisierte Familien. „Wir haben viele Leads aus der Startup-Community bekommen, hatten aber eine relativ niedrige Konversion“, sagt Philipp Baumgaertel, der für das Business Development zuständig ist. „Viele haben uns gesagt: Das Produkt ist geil, aber der Preis zu hoch.“

Protonet will den Crowdfunding-Rekord

Um die neue Produktkategorie realisieren zu können, will Protonet eine zweite Crowdfunding-Runde durchlaufen. Am heutigen Mittwoch um 12 Uhr mittags geht es los, das Ziel ist hoch gesteckt: Mindestens 1,5 Millionen Euro will das Unternehmen über Seedmatch einsammeln. Das wäre die höchste Crowdfunding-Finanzierung, die es in Deutschland je gab.

Ali Jelveh Christopher Blum

Ali Jelveh (links) und Christopher Blum

Und die Zeichen stehen nicht schlecht. Laut eigener Aussage wird Protonet mit knapp 12 Millionen Euro bewertet. In einer früheren Crowdfundingrunde Ende 2012 konnten die Gründer innerhalb von nur 48 Minuten das Finanzierungsziel von 200.000 Euro erreichen. Business Angel investierten weitere 400.000 Euro.

Der Businessplan sieht einen Break-Even für 2016 vor, 2018 soll sich der Umsatz auf knapp 100 Millionen Euro belaufen. Das würde den Crowdfundern trotz einer absehbaren Verwässerung durch den Einstieg von VCs eine satte Rendite bringen – wenn das Konzept aufgeht.

Denn so positiv die Protonet-Entwicklung bislang verläuft: „Maya“ bringt das Unternehmen an einen ersten strategischen Scheidepunkt.

Rund 70 Prozent der verkauften Stückzahlen soll die kleinste Box in Zukunft ausmachen, erklärt Mitgründer Christopher Blum bei der Präsentation. Je nach Lesart kann „Maya“ also weit mehr sein, als die Erweiterung der Produktpalette: nämlich die Flucht aus einem umkämpften Markt, in dem sich Protonet nicht nur mit Branchengiganten wie HP oder Dell (Hardware) und Dropbox oder Google (Software) anlegen muss, sondern vor allem mit hartnäckigen System-Admins, die nicht noch ein Gerät warten wollen.

Wird Protonet also ein B2C-Unternehmen? Die Antwort ist nicht einfach. „Wir bringen bewusst kein Consumer-Produkt heraus“, sagt Jelveh. Man richte sich an „Kleinst-Unternehmen und ‚One-Man-Shows‘, die in einer immer digitaleren Welt einen dringenden Bedarf an leistbarer und einfacher IT-Infrastruktur haben“.

Kann der Strategieschwenk gelingen? Hier geht’s zum zweiten Teil.

Bilder: Protonet

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