Prototypen-Formate

Ein Beitrag von Benny Biering, Dr. Heike Hölzner und Charlotte Schuster, Experten im Bereich Gründungsmanagement und Geschäftsmodellentwicklung für Startups.

Sieben Prototypenformate je nach Phase des Innovationsprozesses

„Build it and they will come.” Diesen Ratschlag hat Kevin Costner schon Ende der 80er in „Field of Dreams“ erhalten. Heute bekommen ihn immer mehr Gründer zu hören. Vor allem durch gründungspopuläre Herangehensweisen wie das Design Thinking oder die Lean-Start-up-Methode hat die Arbeit mit Prototypen enorm an Bedeutung gewonnen.

Beim Lean-Start heißt der Prototyp „minimal viable product“ (MVP). Das Ziel eines MVP ist es, verschiedene Ideen schnell und aufwandsreduziert auszuprobieren, anzupassen und gegebenenfalls zu verwerfen („Throwaway Prototyping“). Improvisation und Flexibilität statt Fokussierung und Festlegung. Umsetzung und Reaktion statt Planung und Berücksichtigung aller Eventualitäten. In einem iterativen Prozess, build, measure, learn, wird ein Produkt, oder zunächst auch nur eine Funktion, unter Berücksichtigung von Erfahrungswerten, Beobachtungen und frühem Kundenfeedback kontinuierlich weiterentwickelt. Durch diese „Lernschleifen“ wird das Angebot optimiert – ein anwendungserprobtes Produkt entsteht.

„If you freeze an idea too quickly, you fall in love with it. If you refine it too quickly, you become attached to it and it becomes very hard to keep exploring, to keep looking for better. The crudeness of the early models in particular is very deliberate.“ (Jim Glymph, Gehry Partners)

Die „d.school“ in Stanford hat mit dem Design-Thinking-Ansatz zur Popularisierung und Verbreitung von Prototyping beigetragen. Nach dem Motto „tackle big projects and use prototyping to discover new solutions“ sollen Prototypen zur Annäherung an Herausforderungen und passende (Produkt-)Lösungen, als Entscheidungsgrundlage oder für experimentelle Zwecke genutzt werden.

„No matter how good you are, there is no substitute for trying it. You are wrong.“ (Aza Raskin, American Interface Designer)

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Im „klassischen“ Innovationsmanagement kennzeichneten Prototypen den Übergang von Forschung und Entwicklung zur Produktion und Kommerzialisierung. Prototypen werden inzwischen aber nicht mehr nur als Vorversionen eines Produkts betrachtet, die vor allem dazu dienten, technische Funktionalitäten („technical feasibility“) zu prüfen. Sie dienen vielmehr auch als Vehikel der Ideenentwicklung und als „Teststellung“ für die Überprüfung von Hypothesen zur Nachfrageseite. Sie eignen sich außerdem für die Kommunikation mit verschiedenen Stakeholdern (unter anderem Kunden, Kapitalgebern, Kooperationspartnern) und für kreative Prozesse.

Prototypenformate können demnach wie folgt unterschiedlichen Zielen und den Phasen des Innovationsprozesses eines Startups zugeordnet werden:
Prototypen

Skizze

Die erste Visualisierung einer Idee findet häufig mit Papier und Stift oder per Grafikanwendung statt. Sowohl bei Produkt- als auch Dienstleistungsinnovationen werden Skizzen angefertigt, um technische Besonderheiten, Features und Alleinstellungsmerkmale (USP) hervorzuheben. So fertigte zum Beispiel Jack Dorsey auf einem Notizzettel eine Skizze der Gründungsidee von Twitter an, um die wesentlichen Funktionen festzuhalten. Neben computerbasierten Zeichenprogrammen wie Paint oder Coral Draw existiert insbesondere für das iPad eine Vielzahl von umfangreichen, leicht bedienbareren Apps wie Art Rage, ASKetch, iDraw und Sumo Paint, mit denen Skizzen erstellt werden können.

Storyboard

Dieses Prototypenformat wird regelmäßig vor dem Drehbeginn von Filmen eingesetzt, um einzelne Szenen mittels zeichnerischer Darstellungen zu visualisieren. Ein Storyboard unterscheidet sich von einer Skizze dahingehend, dass es eine Vielzahl von Bildern beziehungsweise Skizzen aneinanderfügt und eine Handlung oder einen Ablauf zusammenhängend darstellt. Im Rahmen der Ideengenerierung können deshalb mit einem Storyboard zum Beispiel die Problemsituation von Kunden sehr gut visualisiert oder die Anwendungsfälle beziehungsweise Einsatzbereiche der Innovation aufgezeigt werden. StoryboardThat bietet eine umfangreiche Freeversion an, die um weitere Features wie zum Beispiel den Upload eigener Bilder, kostenpflichtig erweitert werden kann.

Moodboard

Durch einen bunten, aber zusammenhängenden Mix an Fotos, Zeichnungen und kurzen Texten werden Collagen erstellt, die eine Stimmung oder Atmosphäre veranschaulichen sollen. Moodboards werden häufig beim Design von Webseiten eingesetzt, um ein visuelles und ästhetisches Gespür für die Komposition von Anwendungen und den Aufbau der Webseite zu erhalten. Die Erstellung ist einfach und schnell und kann zum Beispiel per Power Point erfolgen. Eine gute Übersicht zu Beispiel-Moodboards bietet Webdesignerdepot.com.

Style Tile

Für das Design einer Website müssen Elemente wie Schriftart, Farben, Muster, Struktur, Schatten und Ähnliches festgelegt werden. Dieser Prozess gestaltet sich im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen Designer und Auftraggeber häufig schwierig. Style Tiles helfen dabei, zwischen beiden Parteien eine visuelle Sprache zu finden, nach der die passenden Designelemente, aufeinander abgestimmt, ausgewählt werden können. Ein anpassbares Style Tile im Format „.psd“ gibt es als kostenfreien Download bei Styletil.es.

Wireframe

Unter einem Wireframe wird meist eine skizzenähnliche Darstellung der noch nicht funktionsfähigen Bedienelemente einer Website verstanden. Der Fokus liegt hierbei auf der Erstellung einer möglichst passgenauen Webseitennavigation für die Kundenzielgruppe. Es gibt eine Vielzahl von umfangreichen Wireframe-Tools, zum Beispiel Balsamiq, HotGloo, Gliffy, iPlotz, MockFlow, Mockingbird, Pidoco, ProtoShare und Wireframe.cc.

Mockup

Die Abgrenzung von Wireframes und Mockups wird unterschiedlich vorgenommen, häufig werden beide Prototypen-Formate auch gleichgesetzt. Im Gegensatz zu Wireframes beinhalten Mockups in der Regel zusätzlich Farben, Typographien, Bilder und Grafiken. Vereinfacht heißt das: Mockup = Wireframe + Style Tile. Software für Website- beziehungsweise App-Mockups bieten zum Beispiel FROONT, justinmind, Keynotopia und Proto.io.

3D-Modell

Bei nicht-digitalen Produkten sind dreidimensionale Modelle aufgrund ihrer visuellen, technischen und haptischen Eigenschaften insbesondere im Rahmen der Konzept- und Produktentwicklung von Bedeutung. Bei der Ideenfindung und -bewertung können dreidimensionale Prototypen auch mit Bastelartikeln wie Papier, Schere, Klebeband, Draht und Strohhalmen erstellt werden, die keinen funktionalen, sondern ausschließlich visuellen beziehungsweise kommunikativen Zwecken dienen.

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Mit zunehmendem Fortschritt des Innovationsprozesses werden Prototypen auf Basis von 3D-CAD-Software designt und mit hochtechnologischen Verfahren des Rapid-Prototyping erstellt. Es gibt vielfältige Software, die kostenfrei zum Download angeboten wird, zum Beispiel FreeCAD, OpenSCAD, SketchUp und Wings 3D. Der Ausdruck der Modelle kann inzwischen in jeder größeren Stadt bei einem 3D-Druckservice beziehungsweise online angefordert werden, zum Beispiel bei Plastikliebe, Rapidobject oder Trinckle. Falls mehrere unterschiedliche Ausdrucke benötigt werden, ist gegebenenfalls der Kauf eines 3D-Druckers zweckmäßiger.

Je nach Anforderungen können mit Hilfe dieser Tools Prototypen in verschiedenen Phasen des Innovations- und Entwicklungsprozesses eingesetzt werden. Die Vorteile für (angehende) Gründer liegen auf der Hand: Prototypen können helfen, die Akzeptanz des Produkts durch den Kunden und am Markt zu testen, aus dem (Kunden-) Feedback und der Prüfung der Anwendbarkeit Produkte zu verbessern und weiterzuentwickeln, aber auch festzustellen, welche Features nicht funktionieren oder nicht „ankommen“, die dann verworfen werden.

Vorabversionen von Produkten können außerdem die Glaubwürdigkeit gegenüber Investoren verbessern und zum Beispiel zur Argumentationsgrundlage bei Kapitalakquise- oder Verkaufsverhandlungen dienen.

„The goal of prototypes is to convince yourself and others of an idea and to help you to understand what you don’t need to do… How does it make your life better?“ (Aza Raskin, American Interface Designer)

Auch wenn Prototypen nicht das finale Produkt oder die Fertigstellung einer Webseite ersetzen, können sie den „Lean-Startup-Prozess“ – Produkte schnell zu entwickeln, zu testen und auf den Markt zu bringen – enorm beschleunigen und vereinfachen. Sie sind eine Möglichkeit, Fehler frühzeitig aufzudecken, Funktionen und unterschiedliche Ansätze zu testen, das Problemverständnis zu vertiefen sowie auf Erfahrungen zu reagieren.

Bild: © panthermedia.net / Dario Sabljak