Peter Demidov, Country Manager Deutschland von Azimo

Hohe Summe, berühmter Investor: Der japanischen E-Commerce-Riese Rakuten steigt mit 15 Millionen US-Dollar bei dem Fintech-Startup Azimo ein. Das 2012 in London von Marta Krupinska und Michael Kent gegründete Unternehmen macht einen Viertel seines Geschäfts in Deutschland – und will das mit dem neuen Kapital weiter ausbauen.

Azimo ermöglicht Geldtransfer aus Europa in 190 Ländern und hatte im vergangenen Jahr bereits in der Serie B von eVentures, Frog Capital, Greycroft und MCI rund 20 Millionen Dollar erhalten. Die Investoren haben sich auch an der aktuellen Finanzierung beteiligt.

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Abgesehen von den europäischen Märkten sollen weitere asiatische Märkte erschlossen werden. Mit dem japanischen Rakuten, als Inhaber des Social-Messengers Viber, plant Azimo, seine Social-Media-Anbindungen auszubauen, um mehr Kunden zu gewinnen. Denn der Wettbewerb um digitale Payment-Lösungen ist groß: WorldRemit oder TransferWise verfolgen einen ähnlichen Ansatz wie Azimo, das derzeit 90 Mitarbeiter beschäftigt. Und der Markt ist nicht immer leicht: TransferWise hatte beispielsweise damit zu kämpfen, in Deutschland Fuß zu fassen und entschloss sich schließlich dagegen, hierzulande ein Büro zu eröffnen.

Trotz des Hypes um diese Fintech-Firmen sind sowohl TransferWise als auch Azimo laut britischem Handelsregister noch „small companies“, also kleine Unternehmen. Wie Business Insider erklärt, müssen für diese Kategorie mindestens zwei von drei Kriterien erfüllt sein: Die Jahresumsätze des Unternehmens müssen unter 6,5 Millionen Pfund liegen, die Bilanz darf nicht die 3,26 Millionen Pfund überschreiten, oder das Unternehmen beschäftigt nicht mehr als 50 Angestellte. Wie viel Azimo genau umsetzt, will die Firma auf Nachfrage nicht verraten. Im britischen Handelsregister finden sich derzeit ebenfalls keine aktuellen Zahlen.

Was unterscheidet Azimo nun genau von seinen Wettbewerbern? Peter Demidov, Country Manager in Deutschland, gibt im Interview Antworten und erklärt, warum der deutsche Markt für das Payment-Startup interessant ist.

Worauf hat sich Azimo als Fintech-Startup spezialisiert?

Wir sind ein Online-Geldtransfer mit Fokus auf Kunden mit Migrationshintergrund, die regelmäßig Geld ins Ausland überweisen: an Familie, Freunde oder Geschäftspartner zum Beispiel. Per App, Tablet oder übers Web kann man mit einem bestehenden Bankkonto in mehr als 190 Länder weltweit Geld transferieren. Das ist als Sender von 22 Ländern in Europa aus möglich.

Was macht Ihr anders als klassische Geldtransfer-Services wie Western Union?

Die traditionelle Geldindustrie ist veraltet und intransparent. Die Durchschnittskosten liegen bei sieben bis acht Prozent in Europa, in Deutschland liegen die Kosten mit etwa 8,3 Prozent über dem europäischen Durchschnitt. Da fragt man sich am Ende: Wo geht das Geld hin? Azimo ist 2012 aus der Idee heraus entstanden, dass man viel einfacher und schneller über sein Mobiltelefon, egal wo man sich gerade befindet, zu Kosten von im Durchschnitt zwei Prozent Geldbeträge transferieren kann.

Wir haben außerdem bei einer Marktrecherche gemerkt, dass es durch die alten Transferwege immer wieder zu Spannungen zwischen Sendern und Empfängern gekommen ist. Es ist lästig nachzufragen, wo das Geld bleibt, oder Formulare auszufüllen. Die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger ist darüber oft kaputt gegangen. Deshalb steht für uns im Vordergrund, die Beziehungen zu verbessern und so persönlich wie möglich zu machen.

Wenn ich jetzt beispielsweise als Syrer nach Deutschland gekommen wäre und einen Betrag ins Heimatlande sende – wer trägt dann die Kosten?

Für den Sender fällt pro Transaktion eine kleine Gebühr an. Aber um das Thema anzusprechen: Wir profitieren nicht direkt von Krisengebieten oder von den Migrationsströmen aus Syrien oder Afghanistan. Wir verschicken kein Geld in Krisengebiete und halten uns damit an die regulatorischen Vorgaben.

Mit dem Investment von 15 Millionen US-Dollar wollt Ihr weiter expandieren. Warum ist Deutschland interessant für Euch?

Deutschland ist der zweitgrößte Sendermarkt in Europa nach UK, fast 20 Prozent aller hier lebenden Menschen haben einen Migrationshintergrund – mit großen Gruppen aus der Türkei oder der Ex-Sowjetunion. Deutschland macht mittlerweile fast 25 Prozent von unserem Geschäft aus. Mitte 2014 haben wir in Deutschland begonnen. 2015 sind die Sendermärkte um 200 Prozent gewachsen.

Das gehypte Payment-Startup TransferWise wollte in Berlin ein Büro eröffnen. Daraus wurde allerdings nichts. Seht Ihr TransferWise als Wettbewerber? Was macht Ihr anders, damit es bei Euch funktionieren kann?

Das ist eine gute Frage. Also, an erste Stelle sind wir von unserer Struktur her anders aufgebaut, weil wir mehr Auszahlungsmöglichkeiten bieten. Uns geht es primär um die Kunden, die keinen Zugang zu einem Bankkonto in Entwicklungsländern haben. Deshalb bieten wir sechs verschiedene Auszahlungsmöglichkeiten: Bargeldabholung, Banküberweisung, Hauslieferung, Handyaufladung, Mobile Wallet und Swift. Allein nach Kenia werden schon heute 80 Prozent der Geldtransfers in Mobile Wallets ausgezahlt. Genauso gut lässt sich aber auch mit Azimo das Gesprächsguthaben vom Handy aufladen. Man muss sich auch vergegenwärtigen, dass 80 Prozent aller Geldtransfers werden immer noch offline getätigt. Da ist es also noch keine direkte Frage der Konkurrenz. Wir gucken eher auf traditionelle Transferunternehmen wie Moneygram oder Western Union.

Kann man mit Eurem Geschäftsmodell und den niedrigen Margen profitabel sein? Oder seid Ihr es schon?

Bei uns ist es eine Entscheidungsfrage, ob wir profitabel sein möchten oder nicht. Die eigentliche Frage ist nämlich, wie weit man expandieren möchte. Nach dem neuen Funding, das wir von Rakuten bekommen haben, ist der Fokus darauf gerichtet, dass wir größer werden und international expandieren wollen. Das liegt daran, dass wir uns historisch in einer sehr interessanten Zeit befinden, wo sehr viele Kunden von Offline und Online übergehen – so wie es beim E-Commerce zuvor der Fall war. Das erleben wir gerade in der Finanzsphäre. Wir sehen darin eine Möglichkeit, die wir greifen wollen. Vor allem in Europa, aber auch außerhalb. Trotzdem sind unsere Economic Units sehr gut aufgestellt. Das bedeutet, wenn wir uns dazu entscheiden sollten, europaweit profitabel zu werden, dann könnten wir das werden. Da sind wir sehr zuversichtlich.

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Wie passt Ihr da mit Eurem Investor, dem japanischen E-Commerce-Unternehmen Rakuten, zusammen?

Sie sind nicht nur einer der größten E-Commerce-Plattformen weltweit, sondern haben einen Fintech-Fonds gegründet. Sie haben bereits viele bekannte Firmen, mit denen sie zusammenarbeiten. Wir sehen darin eine große strategische Möglichkeit. Der asiatische Markt ist für uns interessant. Auf der einen Seite haben wir schon 60 Länder, in denen Überweisungen getätigt werden – mit Philippinen, Thailand und China ein sehr wichtiger Markt. Zweitens sehen wir die Möglichkeit, uns in soziale Netzwerke weiter zu integrieren. Die Mobile-Penetration ist dort sehr hoch. Der Social-Messenger Viber gehört etwa Rakuten mit 230 Millionen Kunden. Außerdem sind die Transfergebühren in den asiatischen Senderländern mit fünf bis acht Prozent im Durchschnitt noch recht hoch – da haben wir jetzt schon ein besseres Angebot.

Warum sind soziale Medien für Euch wichtig?

Weil sie für jegliche Kommunikation wichtig sind, über kein anderes Medium lassen sich Menschen so leicht erreichen. In Zukunft soll sich über einen Klick oder eine Nachricht Geld überweisen lassen. Deswegen ist da eine Positionierung für uns sehr wichtig. Schon heute wird fast die Hälfte aller Geldtransfers bei Azimo mobil, also per App getätigt. Wenn man über Azimo einen Transfer gemacht hat, kann man dies über unsere neugestaltete App auch gleich über Facebook oder andere Plattformen mit der Person teilen, damit die direkt Bescheid weiß.

Danke für das Interview, Peter.

Bild: Getty Images / Carsten Koall / Azimo, Peter Demidov