Twitch Ralf Reichert Interview

„Der Preis hört sich nicht unverhältnismäßig an“

Wochenlang wurde spekuliert: Google sollte das US-Startup Twitch übernehmen, eine Milliarde US-Dollar sei dem Such-Giganten die kalifornische Gamer-Community wert. Dann kam alles anders. Das Streaming-Portal gab vor wenigen Tagen bekannt, dass es übernommen wurde; der Käufer ist für viele überraschend Amazon. Stolze 970 Millionen Dollar zahlt der Konzern für Twitch, das vorerst unabhängig bleiben soll.

Welche Bedeutung hat Twitch – auch für hiesige Partner? Ist der Kaufpreis von einer Milliarde gerechtfertigt? Wie „groß“ ist Live Gaming überhaupt? Zu diesen Themen sprachen wir mit Ralf Reichert, Gründer und CEO von Turtle Entertainment, dem Betreiberunternehmen der Electronic Sports League (ESL).

Ralf, erst mal zu Dir und Deinem Unternehmen: Was genau ist die ESL?

Wir sind der weltweit größte unabhängige Veranstalter von Computerspiele-Turnieren.

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Das heißt?

Wir organisieren semiprofessionelle und Amateur-Turniere online: Wir mieten die Commerzbank-Arena in Frankfurt oder das Madison Square Garden Theatre in New York und veranstalten wie im klassischen Sport Großveranstaltungen – analog also zu Wimbledon oder den US Open. Nur dass es eben um Computerspiele geht.

Die von Dir genannten sind dann aber schon die größten Events.

Ja, das stimmt.

Welche Rolle spielt Twitch dabei?

Twitch ist unser exklusiver Distributionspartner in der westlichen Welt. Wir streamen die Veranstalungen live über die Plattform.

Das Verhältnis ist also wie bei der Fußball-Bundesliga und der ARD oder Sky.

Richtig.

Warum kauft Amazon nun eine solche Plattform?

Weil es die weltweit größte Plattform für das Verbreiten von Live-Gaming-Inhalten ist. Für Online-Spiele-Enthusiasten ist Twitch DIE Community – auch Pressekonferenzen etwas zu Spiele- oder Konsolen-Starts werden darüber verbreitet.

Und das passt so gut zu Amazon, dass man dafür eine Milliarde Dollar ausgeben kann?

(Lacht.) Es sieht so aus. Aber mal im Ernst: Whatsapp hatte 450 Millionen Nutzer und wurde für 19 Milliarden Dollar von Facebook übernommen. Twitch hat 55 Millionen monatlich aktive Nutzer und Amazon legt 970 Millionen Dollar auf den Tisch. Das hört sich jetzt nicht ganz unverhältnismäßig an.

Zumal Amazon ja in letzter Zeit immer weiter in das Segment des aktiven Entertainments vorstößt. Mit dem gerade vorgestellten Mobiltelefon hat Amazon ja auch gezeigt, dass Gaming wichtig für das Unternehmen ist.

Ich würde es eher so sehen: Amazon ist eines der am schnellsten wachsenden Medienimperien. Ein Musik- und Videoangebot gibt es ja seit Langem. eSport und damit Twitch passen da als Ergänzung gut dazu.

Wie „groß“ ist E-Sport derzeit?

Es gibt eine Studie, nach der im Jahr 2013 etwa 100 Millionen Leute E-Sport verfolgt haben. Bei unserem letzten Event in Köln hatten wir rund drei bis vier Millionen Zuschauer, bei der größten Veranstaltung waren es etwa zehn Millionen. Das entspricht durchaus der Zuschauerschaft größerer traditioneller Sportveranstalungen.

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Und wie ist ESL entstanden?

Im Jahr 2000 haben wir uns zu fünft zusammengetan, um ein Gaming-Unternehmen zu gründen. Das hatte ein recht breites Angebot, bis hin zur Server-Miete. Die ESL war ein Teil davon – und das, was letztendlich das größte Potenzial zeigte.

Heute, sagst Du, seid Ihr Marktführer. Wie habt Ihr das geschafft – und finanziert?

Wir wurden zu Beginn von der Dr. Engelhardt, Kaupp, Kiefer Beteiligungsberatung unterstützt. Das hat uns bis zum Jahr 2009 gebracht, weil wir fast alles aus dem Cash-flow finanziert haben. Im Zuge der Finanzkrise sind dann Credit Agricole Private Equity – mittlerweile Omnis Capital – und Venturecapital.de von Andreas Thümmler & Co. bei uns eingestiegen.

Und das Gesamtfunding?

Liegt bei knapp zehn Millionen Euro.

Glaubst Du, Ihr profitiert von der Twitch-Übernahme?

Der Deal gibt der E-Sport-Szene sicherlich mehr Legitimation. Und wenn Twitch unter Amazon schneller expandieren kann, ist das natürlich auch für uns von Vorteil – auch, was die technischen Möglichkeiten betrifft.

Ralf, vielen Dank für das Gespräch!

Bild: Twitch